„Ich trete hier auf, o Sikelioten, als Bürger einer Stadt, die weder zu den kleinsten gehört, noch auch im Kriege sehr im Nachtheil war, und will euch meine Meinung darlegen, wie ich glaube, daß sie für ganz Sicilien den größten gemeinsamen Nutzen einschließt. Wozu sollte nun Einer, um alle Leiden des Krieges abzuschildern, vor Männern, die das selbst wissen, viele Worte machen? Denn eS gibt unter uns weder solche, die sich aus Unkenntniß des Krieges dazu hin
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reißen, noch auch solche, die sich durch Furcht davon zurückhalten las-
[*]( 424 v. Chr. ) sen, wenn sie dabei zu gewinnen glauben. Es kommt aber vor, daß Manche dem erwarteten Vortheil gegenüber die Gefahr unterschätzen, und daß Andere die Gefahren des Kriegs heraufbeschwören, um nur nicht einen augenblicklichen kleinen Nachtheil zu erleiden. Beides jedoch kann sehr zur Unzeit geschehen, und in diesem Falle können Aufforderungen zur Aussöhnung von Nutzen sein. Und auch für uns, wenn wir uns hievon überzeugen, möchte das das Vortheilhafteste sein. Weil wir ein jeder Staat seine eigene Sache auf'S Beste zu fördern dachten, haben wir den Krieg begonnen, und aus demselben Grunde suchen wir jetzt durch Unterhandlungen eine Aussöhnung herbeizuführen, und wenn es nicht so ausgeht, daß sich Jeder seines billigen Rechtes theilhaftig geworden glaubt, so werden wir den Krieg fortsetzen."
„Aber, sofern wir klug sind, sollten wir gar nicht ein Jeder zu seinem eigenen Vortheil reden, sondern darüber, ob wir die ganze Insel Sicilien, die, wie ich glaube, von den Athenern gefährdet ist, noch vor ihnen retten können. Ihr müsset in den Athenern selbst einen viel zwingenderen Grund zur Versöhnung sehen, als in meinen Reden; sie sind eS, die unter allen Hellenen die größte Macht besitzen und mit einer Zahl von Schiffen bei uns den Brand schüren, indem sie ihre von Natur feindlichen Absichten beschönigend, sie mit dem Namen rechtskräftiger Bundesgenossenschaft bedecken und dabei ihren Vortheil erreichen. Denn wenn wir selbst den Bürgerkrieg begannen und sie herbeiriefen, Leute, die sich sonst nicht erst rufen lassen, sondern aus eigener Bewegung Andere bekriegen, und wenn wir uns nun mit eigenem Geld und Blut einander selbst weh thun und jene zugleich in ihrer Herrschaft fördern, so ist es ganz natürlich, daß, wenn sie uns erst einmal aufgerieben sehen, sie mit einer größeren Flotte kommen werden, um sich hier Alles zu unterwerfen."
„Und wir sollten doch eigentlich, wenn wir klug sind, lieber solche Bundesgenossen herbeiführen, welche uns neuen Besitz erwerben, als solche, die uns am eigenen Besitz schädigen. Denn mit Solchen nehmen wir ja selbst die Gefahr in's eigene Haus. Wir müssen uns überzeugen, daß Bürgerkrieg die einzelnen Staaten sowohl, wie unsere ganze Insel am sichersten zu Grunde richte. Stellen wir Einwohner
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[*]( 424 v. Chr. ) Siciliens doch Alle einander nach und sind nach den einzelnen Städten feindlich geschieden! Das sollten wir doch einmal einsehen und uns Bürger mit Bürger und Stadt mit Stadt aussöhnen und so ganz Sicilien zu retten suchen! Und Keiner soll sich einbilden, daß, wenn die Dorischer Herkunft unter uns von den Athenern bekriegt werden, die chalkidischer Abstammung der Ionischen Blutsverwandtschaft wegen in Sicherheit seien. Denn nicht gegen die Völkerschaften, weil sie der Abstammung nach gespalten sind, führen die Athener aus Haß gegen den einen Theil Krieg, sondern weil sie nach den Gütern Siciliens begehren, deren wir uns gemeinsam erfreuen. Das haben sie deutlich gezeigt, als sie Seitens des chalkidischen Stammes angerufen wurden; denn Leuten, die ihnen niemals der Bundesgenossenschaft gemäß Zuzug geleistet hatten, haben sie ihrerseits die Bundespflicht über Erheischen des Vertrags hinaus bereitwilligst geleistet. Daß nun die Athener in solcher Art nach Vergrößerung streben und ihre Netze ausstellen, das verzeihe ich ihnen ohne Weiteres, und ich tadle überhaupt nicht die, welche Herrschaft wollen, sondern die, welche allzu bereitwillig sind, das Joch des Gehorchens auf sich zu nehmen. Denn die Menschen sind nun einmal durchweg so geartet, daß sie sich den unterwerfen, der nachgibt, aber auch, daß sie sich gegen den Angriff schützen. Wir Alle nun, die dieß wissen und uns doch nicht nach Pflicht vorsehen, und Jeder, der hieher gekommen ist, ohne die Hauptsache darin zu sehen, daß Alle insgesammt die gemeinsame Gefahr zum glücklichen Ausgang zu wenden haben, der fehlt groß. Dem wäre aber schnell abgeholfen, wenn wir uns nur unter einander aussöhnen wollten; denn die Athener können den Krieg nicht von ihrem eigenen Gebiet aus führen, sondern nur vom Gebiete Solcher, die sie in's Land rufen. Und so würde nicht Krieg durch Krieg, sondern Zwiespalt durch Frieden ohne Mühe zu Ende gebracht, und die herbeigerufenen Fremden, die zwar inter wohlklingendem Vorwand, aber mit ungerechter Absicht gekommen sind, können mit Fug und Recht unverrichteter Dinge heimgeschickt werden."
„So groß ist der Vortheil, der uns aus emem vernunftigen Entschlüsse den Athenern gegenüber erwächst; warum sollten wir nun nicht aber auch das, was von Allen für das Vvrt heil hafte st e gehalten wird, den Frieden nämlich, unter uns selbst herstellen? Oder
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glaubt ihr etwa, wenn jetzt noch Manches besteht, was dem Einen
[*]( 424 v. Chr. ) zwar vortheilhast, dem Andern aber das Gegentheil davon ist, daß< nicht viel eher der Friede als der Krieg das Nachtheilige Beiden aus dem Wege räumen, das Vortheilhafte aber für Beide in gleicher Weise erhalten werde? Oder daß der Friede uns nicht Ruhm und Glanz und was sonst Alles, wovon ich jetzt nicht viele Worte machen will, mit geringerer Gefahr gewähren werde? Das bedenket wohl und überseht nicht, was ich vorbringe, erwartet vielmehr von seiner Befolgung eure Rettung! Wenn aber Einer, mag er sich nun auf sein Recht, oder auf die Gewalt steifen, des Erfolges ganz sicher zu fein glaubt, so sehe er doch zu, daß er nicht bitter enttäuscht werde, und bedenke, daß schon gar Viele, die aus Rachegefühl ihren Beleidigern zu Leibe gingen, und Andere, die in ihrer Uebermacht Bürgschaft des Gewinns sahen, — die Einen nicht nur keine Rache fanden, sondern sogar selbst zu Grunde gingen, die Andern aber, anstatt zu gewinnen, ihr Hab und Gut verloren. Denn wer Rache sucht, hat nicht dem Rechte gemäß Erfolg, deßhalb, weil ihm Unrecht geschehen ist; noch auch ist Macht deßhalb zuverläßig, weil sie die Hoffnung des Erfolgs hat, sondern der unberechenbare Wille der Zukunft entscheidet das Meiste, und obgleich dieser von allen Dingen das Betrüglichste ist, so bringt er doch auch sehr großen Nutzen mit sich; denn weil wir Alle in gleicher Furcht schweben müssen, so gehen wir mit um so größerer Vorsicht in den Kampf."
„Lassen wir uns also durch'die Furcht vor dieser dunkeln Macht, möge sie sich nun begründet erweisen, oder nicht, und durch die wirkiche Gegenwart der gefährlichen Athener gleicherweise abschrecken, und denken wir, daß dieß hinreichende Gründe sind, unsere unbefriedigten Wünsche zum Schweigen zu bringen, insofern wir vielleicht noch irgend Etwas zu unserem Vortheil durchzusetzen glaubten. Schicken wir die gefährlichen Feinde aus dem Lande und schließen wir lieber unter uns einen Frieden auf ewige Zeiten, oder wenn das nicht, doch einen Waffenstillstand auf möglichst lange Zeit, und lassen unsere Zwistigkeiten ruhen bis auf ein ander Mal! Und überhaupt laßt uns überzeugt sein, daß, wenn ihr mir folgt, Jeder von uns eine freie Vaterstadt haben wird, in deren Besitz wir unserem Wohlthäter wie unserem Beleidiger Gleiches mit Gleichem vergelten können, wie
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[*]( 424 v. Chr. ) eS Männern geziemt. Glaubt ihr mir aber nicht, und geben wir Andern Gehör, so wird hinterdrein nicht mehr die Rede davon sein können, wie wir an Einem Rache nehmen können, sondern wenn es noch recht gut geht, werden wir uns mit denen vertragen müssen, die unsere größten Feinde sind, und gezwungen sein, die als Feinde zu betrachten, gegen die wir es am wenigsten sollten."
„Ich nun, der doch — wie ich schon am Anfange gesagt habe — eine sehr große Stadt vertritt, die eher angreifend, als vertheidigend verfahren könnte, bin doch in Voraussicht jener Gefahren zu Zugeständnissen bereit und denke nicht, man solle seinen Feinden so weh thun, daß man selbst den größten Schaden dabei hat, noch auch bin ich so thöricht und rechthaberisch, zu glauben, daß ich über das Glück, dessen ich doch nicht Herr bin, ebenso frei und nach Willkür verfügen kann, wie über meine eigenen Absichten, sondern daß ich nachzugeben habe, so weit es billig ist; und auch von euch Andern verlange ich, daß ihr dasselbe thut und euch lieber unter einander nachgiebig zeigt, ehe ihr gezwungen werdet, es dem gemeinsamen Feinde gegenüber zu thun. Denn es ist durchaus nichts Schimpfliches, wenn Stammverwandte sich gegen einander friedwillig zeigen, Dorier gegen Dorier und Chalkidier gegen Chalkidier. Sind wir doch Alle Nachbarn, Bewohner Eines Landes, das überdieß noch ringsum durch das Meer abgeschlossen ist, und Alle tragen wir denselben Namen Sikelioten. Wir werden deßhalb auch in der Zukunft noch manchen Krieg führen, wenn Ursache vorhanden ist, und uns auch wieder versöhnen, nachdem wir unter uns gemeinsame Berathung gepflogen; gegen eindringende Fremde aber werden wir immer, wenn wir klug sind, zur Abwehr vereint zusammenstehen; denn der Schaden, welcher den Einzelnen treffen würde, bringt uns Allen Gefahr. Fremde Bundesgenossen oder Vermittler unserer Streitigkeiten aber wollen wir in Zukunft niemals mehr in's Land rufen. Denn wenn wir so handeln, so werden wir auch jetzt nicht die Schuld auf uns laden, Sicilien zweier großen Wohlthaten zu berauben, nämlich der Erlösung von den Athenern und vom inneren Krieg, und werden für die Zukunft uns das Vaterland frei erhalten und den feindlichen Absichten Anderer weniger bloßgestellt."
Durch solche Worte des Hermokrates ließen sich die Sike
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lioten bestimmen, sich unter einander dahin zu einigen, daß dem Krieg
[*]( 424 v. Chr. ) ein Ende gemacht werde. Ein Jeder solle behalten, was er in Hän-, den habe; nur solle den Kamarinäern auch Morgantina gegen Zahlung einer bestimmten Summe an die Syrakusaner zufallen. Die Verbündeten der Athener beriefen nun deren Oberbeamte und theilten ihnen mit, daß sie unter sich einen Vergleich schließen wollten, und daß dieser auch für sie gelten sollte. Da jene einstimmten, so wurde der Vertrag abgeschlossen, und danach segelten die Schiffe der Athener von Sicilien ab. Nach ihrer Rückkunft aber bestrasten die Athener die Feldherrn Pythodoros und Sophokles mit Verbannung, den Eurymedon aber um eine Summe Geldes, weil sie in der Lage gewesen wären, in Sicilien Eroberungen zu machen, durch Geld bestochen aber das Feld geräumt hätten. So überhoben sie sich in ihrem Glücke, daß sie beanspruchten, Nichts könne sich ihnen entgegenstellen, und das Schwierigere nicht weniger als das Mögliche müsse ihnen mit geringeren Mitteln so gut, wie mit großen gelingen. Ursache war der unerwartete Erfolg in den meisten Unternehmungen, der ihre Hoffnung mächtig schwellte.