History of the Peloponnesian War

Thucydides

Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.

Gleich zu Anfang des folgenden Sommers, zu einer Neumondszeit, trat eine theilweise Sonnenfinsterniß ein^), und im Anfang desselben Monats^) fand auch ein Erdbeben statt. Die Flüchtlinge der Mitylenäer und der übrigen Lesbier, welche in der Mehrzahl ihren Waffenplatz am Festland hatten und auch eine Hülfstruppe theils aus dem Peloponnes durch Sold gewonnen, theils aus der dortigen Gegend zusammengezogen hatten, nahmen Nhöteon weg. Danach aber gaben sie es gegen eine Summe von zweitausend Phokäischen Statern wieder heraus, ohne Jemanden ein Leids gethan zu haben. Darauf zogen sie gegen Antandros und nahmen die Stadt mit Beihülfe von Verräthern. Ihr Plan war nämlich, auch die übrigen sogenann- [*]( 27) Vgl. Anm. 3 im lll. Buch, ) [*]( 28) In der siebenten Stunde nach Mitternacht des 2l. März (Krüger). ) [*]( 29) Der Monat Elaphebolion (März) ist gemeint. Zu Anfang deS Monats heißt soviel als in der ersten Dekade (Kr.), d. i. Zeitraum von zehn Tagen (wie solche auch die französische Revolution an die Stelle der Wochen von 7 Tagen setzen wollte). — Der attische Monat von 2v/z^ Tagen zerfiel eigentlich nur in zwei Abtheilungen: den aufsteigenden Mond vom l. bis 20. und den absteigenden (PAt/'o^rot) vom 2l. bi» es. oder so. )

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ten aktäischen Städte 3°), welche früher unter Mitylenäischer Verwal- [*]( 424 v. Chr. ) tung den Athenern gehorcht hatten, zu befreien, vor allen andern aber Antandros, und diese Stadt zu einem starken Platze zu machen; denn da es leicht war, hier Schiffe zu bauen, weil die Gegend Hölzer liefette, auch das Jdagebirge in der Nähe und sonstige Mittel bereit waren, so hielten sie es für leicht, von hier aus das naheliegende Lesbos zu gefährden und sich die Aeolifchen Städtchen auf dem Festland zu unterwerfen. Diese nun gingen daran, solche Dinge in's Werk zu setzen.

Im selben Sommer zogen die Athener aus sechzig Schiffen und mit zweitausend Schwerbewaffneten und einigen Reitern gegen Kythera aus. Von den Bundesgenossen führten sie Milesier mit und einige andere. Anführer waren dabei Nikias, des Nikeratos Sohn, Nikostratos, Sohn des Diotrephes, und Autokles, des Tolmäos Sohn. Kythera aber ist eine Insel und liegt vor Lakonika, Malea gegenüber. Es wohnen darauf Lakedämonier aus der Klasse der Beisitzer, und jährlich kam von Sparta ein Oberbeamter herüber, der „Kytherodikes"; auch hielten sie dort beständig eine Besatzung von Schwerbewaffneten und trafen überhaupt mancherlei Vorsorge; denn dort legten die Frachtschiffe bei, welche von Aegypten und Libyen kamen; auch wurde dadurch die Möglichkeit beschränkt, daß Lakonika von der Seeseite her, wo dem Lande einzig beizukommen war, durch Seeräuber Schaden litt; denn die Insel erstreckt sich vom Sikelischen bis zum Kretischen Meere.

Als die Athener mit dem Heere gelandet waren, besetzten sie die an der See gelegene Stadt Skandeia mit zehn Schiffen und zweitausend Milefischen Schwerbewaffneten; das übrige Heer ließen sie an dem Küstentheil der Insel an's Land steigen, der Malea gegenüber liegt, und marschirten gegen die Stadt der Kytherier ^ebenfalls an der See gelegen^, und fließen sehr bald aus diese, die mit ihrer gestimmten Macht da lagerten. Als es zum Gefecht kam, hielten die Kytherisr zwar eine Weile Stand, dann aber wandten sie um und [*]( 30 ) Aktäifche, d. i. Küstenstädte, hießen die von LeöboS und Kyme aus am JdaGebirge in der Landschaft Troas gegründeten Kolonien, Antandros, Gargara, AsfoS u. a. — Zur Strafe des Abfalls verboten die Mithlenäer diesen Städten, ihre Kinder künftig Schrift und Musik lehren zu lassen. )

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[*]( 424 v. Chr. ) flohen nach der obern Stadt 3Später gingen sie einen Vergleich mit Nikias und den andern Feldherrn ein, wonach sie die Entscheidung über sich den Athenern anheimstellten, nur todten dürften sie sie nicht. Es waren aber auch schon früher zwischen Nikias und Einigen der Kytherier Verabredungen getroffen worden, weßhalb auch sowohl für den Augenblick, als für die Zukunft die Vergleichssache schneller und vortheilhafter für sie abgemacht wurde; denn sonst hätten die Athener wohl die Kytherier von dort wegversetzt, weil sie Lakedämonier waren und die Insel so dicht vor Lakonika lag. Nachdem der Vergleich abgeschlossen war, und die Athener Skandeia, das Städtchen am Hafen, besetzt, wie auch eine Besatzung nach Kythera gelegt hatten, segelten sie gegen Asine und Helos und die meisten andern Plätze am Meer, machten Landungen, verblieben auch über Nacht, wo die Gelegenheit dazu war, und verwüsteten das Land ungefähr sieben Tage lang.

Obgleich nun die Lakedämonier sahen, wie die Athener Kythera besetzt hielten, und erwarteten, daß sie auch an ihrer Küste solche Landungen veranstalten würden, so stellten sie sich doch an keinein Punkte mit ihrer Gesammtmacht gegen sie auf, sondern vertheilten eine Zahl Schwerbewaffneter durch das Land, überall je nach Bedarf; und auch sonst waren sie sehr aus ihrer Hut und fürchteten, es möchte eine Umwälzung ihrer ganzen inneren Verhältnisse eintreten, da das große und ganz unerwartete Unglück auf der Insel ^Sphakteria^ sie betroffen hatte, Pylos und Kythera im Besitz des Feindes waren und von allen Seiten die Gefahren plötzliches und unabwendbares Kampfes sie umdrohten. Daher errichteten sie auch gegen ihre Gewohnheit eine Truppe von vierhundert Reitern und Bogenschützen und waren, wenn irgend jemals, so jetzt im höchsten Grade widerwillig gegen Kriegsunternehmungen, da sie sich ganz gegen die hergebrachte Art [*]( 31) Kythera (Cerigo, jetzt zu den jonischen Inseln gezogen). Unter der oberen Stadt versteht Krüger die eigentliche Stadt Kythera, im Gegensatz zu Stand ein, dem Hasenorte; denn daß die Stadt der Kytherier neben einer oberen Stadt auch außer Skandeia einen Hasenvrt gehabt, sei nach dem Wortlaute zu Ende diese? Kap. nicht wohl anzunehmen. — Indessen hatte die Insel nach Skylar 38 allerdings zwei Häsen. — Wegen deS Kap. 53 erwähnten Verkehrs mit Aegypten, woher Getreide eingeführt wurde, vgl. VIII, 35 (Kr.). )

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ihres Kriegswesens in einen Seekampf verwickelt sahen, und dazu [*]( 424 v. Chr. ) gegen Athener, welche in jedem nicht unternommenen Wagestück einen l Abgang an Erfolg sahen, den sie nach ihrer Meinung hätten erreichen können. Auch hatten die in kurzer Zeit zahlreich und gegen alle Berechnung eingetretenen Unfälle sie in die größte Bestürzung versetzt, und sie waren immer in Furcht, daß wieder ein solches Unglück, wie das auf der Insel, über sie hereinbreche. Deßhalb war ihnen der Muth zum Kämpfen gesunken, und was sie nur angriffen, damit glaubten sie einen Mißerfolg zu haben, weil sie wegen ihrer früheren Unbekanntheit mit schlimmen Erfahrungen jetzt in ihrer Meinung von sich selbst die Sicherheit verloren hatten, die das Gelingen verbürgt.

Gegenüber den Athenern, welche damals ihr Küstengebiet verwüsteten, verhielten sie sich meist unthätig, wo die Landung im Bereiche irgend eines Besetzungspostens geschah; denn diese hielten sich Alle für zu schwach an Zahl, zumal bei solcher Stimmung; nur eine Besatzung, die eben Kotyrta und Aphrodisia vertheidigte, jagte den zerstreuten Haufen der Leichtbewaffneten im Anlauf in die Flucht; als sich aber das schwere Volk ihnen entgegenstellte, wichen sie wieder zurück, und da ihnen einige Mann fielen und auch Waffen erbeutet wurden, so stellten die Athener ein Siegeszeichen auf und fuhren wieder nach Kythera. Von dort aus kreuzten sie dann gegen das Limerifche Epidauros, verheerten einen Strich des Gebietes und gingen dann nach Thyrea, welches zu der sogenannten Landschaft Kynuria gehört und aus der Gränze zwischen Argos und Lakonika liegt. Die Lakedämonier, Herren des Landes, hatten es den ausgetriebenen Aegineten zum Bewohnen gegeben, weil ihnen diese zur Zeit des Erdbebens, das sie heimsuchte, und des Helotenaufstandes Freundschaftsdienste geleistet und sich, obgleich Unterthanen der Athener, doch immer ihrer Partei zugeneigt hatten

Während nun die Athener noch im Ansegeln begriffen waren, ließen die Aegineten das Bollwerk, mit dessen Ban sie eben beschäftigt waren, im Stich und zogen sich landeinwärts nach der Stadt zurück, in der sie wohnten und die ungefähr zehn Stadien vom Meere abliegt. Einer der Lakedämonischen Posten in der Gegend, welcher [*]( 32) Vgl. II. 27. )

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[*]( 424 v. Chr. ) auch an der Verschanzung bauen half, wollte, trotz der Bitte der Aegineten, nicht mit in die Stadt ziehen, sondern es schien ihnen gefährlich, sich hinter die Mauer sperren zu lassen. Sie zogen sich also auf die Anhöhen zurück und verhielten sich unthätig, da sie sich nicht stark genug glaubten, das Gefecht annehmen zu dürfen. Unterdessen waren die Athener schon gelandet, marshcirten sogleich mit ihrer ganzen Macht an, nahmen Thyrea, verbrannten die Stadt und plünderten, was darin war. Die Aegineten, soviel ihrer nicht im Handgemenge gefallen waren, führten sie nach Athen und mit ihnen auch den lakedämonischen Stadthauptmann, der bei ihnen war, Tantalos, den Sohn des Patrokles, der verwundet gefangen genommen wurde. Auch aus Kythera führten sie einige Männer mit sich, die ihnen der Sicherheit wegen gut dünkte anderswo unterzubringen. Diese letzteren beschlossen die Athener zur Ueberwachung auf die Inseln zu geben, die übrigen Kytherier sollten aus ihrem Grund und Boden wohnen bleiben und eine Steuer von vier Talenten zahlen; alle gefangenen Aegineten aber beschlossen sie, wegen der von jeher vererbten Feindschaft, hinzu- richten und den Tantalos bei den andern Lakedämoniern von der Insel (Sphakteria) in Ketten zu verwahren.

Desselbigen Sommers kam auf Sicilien zuerst zwischen denen von Kamarina und von Gela eine gegenseitige Waffenruhe zu Stande. Danach traten auch die andern Sikelioten, aus jeglicher Stadt Gesandte, in Gela zu Unterhandlungen zusammen, ob sie eine Aussöhnung zu Wege brächten. Es wurde nun gar manche Meinung dafür und dawider ausgesprochen, indem die gegenseitigen Beshcwerden und Ansprüche dargelegt wurden, je nachdem Einer glaubte, daß er zu Schaden gekommen sei; Hermokrates aber, Sohn des Hermon, der Syrakusier, der auch sonst am meisten bei ihnen vermochte, hielt zu der allgemeinen Versammlung die folgende Rede: