History of the Peloponnesian War

Thucydides

Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.

In demselben Sommer geschah es, daß die Megarer in der Stadt, bedrängt von den Athenern, die alljährlich zwei Mal mit ihrer gesammten Macht in das Gebiet einfielen, und zugleich von Pegä aus durch ihre eigenen Flüchtlinge, welche bei einem Aufruhr durch die Volkspartei waren ausgetrieben worden und nun durch Plünderungszüge lästig fielen, sich unter einander beriethen, man solle die Vertriebenen wieder aufnehmen, damit nicht die Stadt, von zwei Seiten bedrängt, in's Verderben gerathe. Als nun die Freunde der Flüchtlinge merkten, welcher Wind wehe, so drangen sie noch offener darauf, als früher, daß der Vorschlag in Ausführung komme. Da erkannten nun die Vorsteher der Volkspartei, daß unter den gegenwärtigen Uebeln daS Volk sich mit ihnen nicht werde behaupten können, und unterhandelten deßhalb aus Furcht mit den Feldherrn der Athener, Hippokrates, dem Sohne des Ariphron, und Demosthenes, des Alkiphron Sohn, in der Absicht, ihnen die Stadt zu übergeben; denn sie meinten, dabei sei für sie eine geringere Gefahr, als wenn die von ihnen Ausgetriebenen zurückkehrten. Es wurde nun ausgemacht, daß die Athener zuerst die langen Mauern besetzen sollten, die sich in einer

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[*]( 424 v. Chr. ) Länge von ungefähr acht Stadien^) von der Stadt bis zu ihrem Hafen Nisäa erstreckten, damit nicht die Peloponnesier, welche in Nisäa allein die Besatzung bildeten, um der Megarer versichert zu sein, von dort zu Hülfe kommen könnten; dann wollten sie auch die Stadt selbst ihnen in die Hände zu spielen versuchen; denn wenn jenes vorangegangen, stand eher zu erwarten, daß die in der Stadt sich fügen würden.

Die Athener nun, nachdem beiderseits in Wort und Werk alle Vorbereitungen getroffen waren, segelten zur Nachtzeit gegen die Megarische Insel Minoa und setzten sich mit sechshundert Schwerbewaffneten, die Hippokrates anführte, in einem Graben fest, aus welchem der Letten zu den Mauerziegeln genommen wurde, und der nicht weit entfernt lag; die leichtbewaffneten Platäer aber und andere bewegliche Streitbare^) unter dem zweiten Feldherrn Demosthenes legten sich bei dem Arestempel in Hinterhalt, der noch weniger weit ablag; Niemand aber merkte etwas, ausgenommen die Männer, welche für diese Nacht davon in Kenntniß gesetzt werden mußten. Als eS nun eben Tag werden wollte, veranstalteten diejenigen unter den Megarern, welche die Stadt übergeben wollten, Folgendes: Sie hatten schon seit längerer Zeit für die Eröffnung des Thores vorgesorgt, indem sie gewöhnlich ein Boot mit Doppelrudern, um auf Seeraub auszugehen, auf einem Wagen zur Nachtzeit durch den Graben zum Meer brachten und dann ausliefen; dazu hatten sie den Befehlshaber sder peloponnesifchen Besatzung^ überredet; und ehe eS noch Tag wurde, führten sie es wieder auf dem Wagen bis zur Mauer und dann zum Thor hinein, damit die Athener auf Minoa nicht wüßten, wo sie aufzupassen hätten, da ein Fahrzeug im Hasen nicht sichtbar war. Damals stand nun der Wagen grade schon vor dem Thore, und als dieß, wie gewöhnlich, für das Boot geöffnet wurde, liefen die Athener, die dieß sahen, der Verabredung gemäß in vollem Laufe aus ihrem Hinter- [*]( 33) Räch Strabo 9. E. 301 nicht acht, sondern achtzehn. waS Leake für da? Nichtige hält (Kr.). ) [*]( 34) Von den BesatzungStruppen hießen die Einen Seßhafte (Hydrimenoi), die Andern Bewegliche (Periploi). Die Ersteren hatten feste Ausstellungen, die Andern einen Nayon im weiteren Umkreis, oder auch die ganze eigene LandeSgränze von Posten zu Posten abzugehen. Dieß war das Geschäft der Jünglinge vom 18. bis 20. Jahre. )

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halt heran, um noch hineinzukommen, bevor das Thor wieder ge- [*]( 424 v. Chr, ) schlössen wäre, und so lange noch der Wagen, das Schließen hindernd, sich dazwischen befände. Mit ihnen gemeinsam hieben dann ihre Helfershelfer unter den Megarern die Wachen am Thore nieder. Zuerst drangen nun die Platäer und die leichten Streitbaren unter Demotshenes ein, dort, wo jetzt das Siegeszeichen steht; dann kam eS aber gleich innert der Thore zum Gefecht, da die zunächst stehenden Peloponnesier die Sache gemerkt hatten, und indem die Platäer die zu Hülfe eilenden zurückschlugen, hielten sie den anrückenden athenischen Schwerbewaffneten den Eingang frei.

Danach griffen die Athener, sowie immer Einer nach dem Andern hereingekommen war, die Mauer an. Die Peloponnesische Besatzung hielt Anfangs zum kleinen Theil Stand und wehrte sich, wie denn auch Etliche von ihnen fielen; die Mehrzahl aber wandte sich zur Flucht, im Schrecken über den nächtlichen Anfall der Feinde und weil auch die den Verrath betreibenden Megarer gegen sie fochten, weßhalb sie denn auch glaubten, die Megarer insgesammt hätten sie verrathen. Zufällig hatte nämlich auch der Herold der Athener aus eigener Bewegung ausgerufen, wer von den Megarern wolle, könne Gewehr bei Fuß zu den Athenern treten. Als jene dieß hörten, hielten sie nicht mehr Stand, sondern in dem festen Glauben, von Beiden bekämpft zu werden, flohen sie nach Nisäa hinab.

Mit Tagesanbruch, als die Mauer schon gewonnen war und die Megarer in der Stadt in Bewegung geriethen, sagten diejenigen, welche die Sache mit den Athenern eingefädelt hatten, und die Andern aus der Menge, die mit ihnen einverstanden waren, man solle die Thore öffnen und zum Kampf ausziehen. Sie hatten nämlich abgekartet, daß nach Eröffnung der Thore die Athener hereindringen sollten; sie selbst wollten sich aber, damit ihnen kein Leids geschehe, dadurch kenntlich machen, daß sie sich mit Oel salbten. Es wurde aber jetzt noch gefahrloser für sie, die Thore zu öffnen; denn der Verabredung gemäß waren von Eleusis her viertausend athenische Schwerbewaffnete und sechshundert Reiter die Nacht durch marschirt und bereits angekommen. Als sie nun schon gesalbt am Thore standen, theilte Einer der Mitwissenden den Andern die Verrätherei mit, und diese wandten sich nun insgesammt um und sagten, man dürfe weder gegen

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[*]( 424 v. Chr. ) den Feind ausziehen — denn nicht einmal früher, bei größerer Macht, habe man das gewagt — noch auch die Stadt in so offenbare Gefahr stürzen; wenn aber Einer sich dem nicht fügen wolle, der werde es mit ihnen zu thun haben. Sie ließen aber Nichts merken, daß sie um die Verabredungen wußten, sondern stellten nur, als ob sie das Beste wollten, ihre Ansicht mit Nachdruck auf und blieben zugleich als Wache bei den Thoren, so daß die Verräther nicht durchsetzen konnten, was sie Willens waren.

Da nun die Feldherrn der Athener sahen, daß irgend ein feindliches Hinderniß eingetreten sei und daß ihre Kraft nicht ausreichen werde, die Stadt im Sturme zu nehmen, so gingen sie sogleich daran, Nisäa mit Schanzen einzuschließen, weil sie dachten, wenn sie den Platz nehmen könnten, bevor ihm noch Zuzug käme, würde sich auch wohl Megara eher ergeben. Eiserne Werkzeuge und Steinmetzen und was sonst nöthig war, war aus Athen schnell zur Hand. Nun begannen sie bei den langen Mauern, die sie erobert hatten, zogen zwischen beiden gegen Megara hin eine Quermauer und dann von hier aus nach beiden Seiten hin eine Mauer bis zum Meer bei Nisäa. Graben und Mauerwerk vertheilte das Heer unter sich, indem sie Steine und Ziegel aus der Vorstadt nahmen und einzelne Bäume und Waldgehölz niedershclugen, um, wo es nöthig war, Verhaue herzustellen. Auch die Häuser der Vorstadt erhielten Brustwehren und konnten nun selbst als Verschanzungen dienen. Diesen ganzen Tag über blieben sie an der Arbeit, und als am folgenden Tage gegen Abend nur noch ein kleines Stück an der Mauer fehlte, geriethen die in Nisäa in Furcht wegen Mangels an Lebensmitteln — denn sie erhielten dieselben immer nur für einen Tag aus der oberen Stadt — und da sie auch glaubten, daß die Peloponnesier ihnen nicht so bald zu Hülfe kommen würden, und sie auch die Megarer sich feindlich gesinnt wähnten, so schloßen sie mit den Athenern einen Vergleich. Sie wollten jetzt ihre Waffen ausliefern, und dann solle sich jeder einzeln um ein bestimmtes Geldstück loskaufen; über die Lakedämonier aber, den Anführer nämlich und wer sonst noch mit darin war, sollten die Athener nach Gutdünken verfügen. Auf diese Bedingungen ergaben sie sich und zogen dann ab. Nun rissen die Athener die langen Mauern,

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da, wo sie an Megara anstießen, nieder, nahmen Nisäa in Besitz und [*]( 424 v. Chr. ) trafen weiter ihre Anstalten.

Damals nun stand grade der Lakedämonier Brasidas, Sohn des Tellis, in der Gegend von Sikyon und Korinth, einen Feldzug gegen Thrakien vorbereitend. Als dieser die Wegnahme der langen Mauern erfuhr, fürchtete er für die Peloponnesier in Nisäa, wie auch, daß Megara genommen werden könnte, und schickte zu den Böotiern mit der Aufforderung, ihm in aller Eile gegen Tripodiskos mit einem Heerhaufen entgegen zu ziehen — es ist dieß das Dorf dieses Namens aus dem Gebiet von Megaris, am Fuße des Geranischen Gebirges — und er selbst marschirte dahin mit zweitausend siebenhundert Sikyoniern, und wer sich sonst bereits um ihn geschaart hatte. Dabei glaubte er nämlich, Nisäa noch unerobert zu finden. Wie er aber den Stand der Dinge erfuhr — er war nämlich zur Nachtzeit gegen Tripodiskos ausmarshcirt — wählte er, bevor er noch ausgekundschaftet würde, dreihundert Mann aus seinem Heere und rückte unter die Mauern der Megarer, ohne daß die Athener es merkten, welche in der Küstengegend standen. Er wollte vorgeblich, und sofern es möglich wäre allerdings auch in der That, einen Versuch auf Nisäa machen, vorzüglich lag ihm aber daran, sich nach Megara zu werfen und sich diese Stadt zu sichern. Er verlangte nun, sie sollten ihn einlassen, vorgebend, er habe Hoffnung, Nisäa zurückzugewinnen.

Von den Parteien unter den Megarern fürchteten aber nun die Einen, er möchte ihnen die Flüchtlinge zurückführen und sie selbst austreiben, und die Andern, daß die Volkspartei eben in jener Besorgniß über sie selbst herfallen werde, und daß die Stadt, während sie unter sich selbst im Kampfe seien, von den in der Nähe auflauernden Athenern genommen würde. So ließen sie ihn also nicht ein. sondern beschlossen, ruhig zuzusehen, was kommen werde; denn beide dachten auch, es werde zwischen den Athenern und denen, die zu ihrer Hülse ershcienen seien, zur Schlacht kommen, und so würden sie sich denen, welchen sie wohlwollten, wenn diese erst gesiegt hätten, mit mehr Sicherheit anschließen können. Brasidas aber, da er sie nicht zu überreden vermochte, zog sich wieder zu dem übrigen Heere zurück.

Mit Tages Anbruch waren auch die Böoter da. Sie hatten nämlich, schon bevor Brasidas Botschaft schickte, im Sinne gehabt, [*]( ThukydideS. IV. ) [*]( 82 )

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[*]( 424 v. Chr. ) Megara zu Hülfe zu ziehen, da die Gefahr sie auch anging, und tsanden schon mit gesammter Macht bei Platää. Als aber der Bote kam, beruhigten sie sich mehr und schickten zweitausend zweihundert Schwerbewaffnete und sechshundert Reiter ab; die Uebrigen gingen wieder nach Hause. Als nun das ganze Heer mit nicht weniger als sechstausend Schwerbewaffneten bei einander stand, während das schwere Volk der Athener um Nisäa und am Meere aufgestellt, ihre Leichtbewaffneten aber über die Ebene zerstreut waren, so fielen die Böotischen Reiter unversehens über die leichten Truppen her und trieben sie gegen das Meer hin. In den früheren Gelegenheiten war nämlich nie von irgend welcher Seite her den Megarern Hülse gekommen. Nun ritten aber auch die Athener dagegen an, so daß es zum Handgemenge kam; und lange dauerte dieß Reitergefecht, in welcbem beide Theile gesiegt haben wollen, denn dicht bei Nisäa hatten die Athener im Anreiten den Reiterführer der Böoter und einige Andere — doch nicht viele — getödtet, der Waffen beraubt und die Leichname behalten, die sie dann unter dem Schutze eines Waffenstillstandes Heraus- gaben und ein Siegeszeichen aufstellten. Doch wurde bei dem ganzen Znsammenstoß nichts Entscheidendes ausgerichtet, und die Böoter zogen sich auf die Ihrigen, die Andern nach Nisäa zurück.