History of the Peloponnesian War

Thucydides

Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.

Von den Inseln aus gingen die Athener noch desselbigen Tages unter Segel gegen das Korinthische Krommyon, welches von der Stadt hundert und zwanzig Stadien entfernt liegt. Hier legten sie sich vor Anker, verwüsteten das Land und blieben die Nacht über da. Des folgenden Tags schifften sie längs der Küste zuerst gegen Epidauria, und nachdem sie dort eine Landung veranstaltet, nach Methone, das zwischen Epidauros und Trözen gelegen ist. Hier besetzten sie die Kehle der Halbinsel, auf welcher Methone liegt, und verschanzten sie. Dort ließen sie eine Besatzung und plünderten dann eine Zeit lang das Gebiet von Trözen und Halias und Epidauria. Als dann die Verschanzung ausgebaut war, ging die Flotte wieder nach Haus.

Um dieselbe Zeit, als dieß vorfiel, waren auch Eurymedon und Sophokles, nachdem sie mit den für Sicilien bestimmten Schiffen der Athener von Pylos abgefahren waren, in Kerkyra angekommen und mit den Kerkyräern aus der Stadt gegen die auf dem Berge Jstone Verschanzten ausgezogen, welche sich damals nach dem Aus-bruch der Zwistigkeiten hier festgesetzt hatten und von da ans das platte Land beherrschten und vielen Schaden thaten. Deren Verschanzung nun nahmen sie durch Berennung; die Leute darin aber flüchteten sich Alle insgesammt auf einen hochgelegenen Punkt und ergaben sich dann unter der Bedingung, daß sie ihre Hülsstruvpen und ihre eigenen Waffen ausliefern sollten, über ihre eigenen Personen aber sollte das Volk der Athener entscheiden. Unter dem Schutze dieses Vergleiches ließen die Feldherrn die Männer in ein Gewahrsam auf der Insel Ptychia bringen, bis sie dann nach Athen geschickt würden; wenn jedoch unterdessen auch nur Einer von ihnen aus einem Fluchtversuch ertappt würde, so solle der Vergleich Keinen mehr schützen. Nun fürchteten aber die Vorstände der Volkspartei in Ker­ [*]( 25) Vgl. B. in. ss. ) [*]( ThukydideS. IV. ) [*]( 21 )

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[*]( 425 v. Chr. ) kyra, die Athener möchten jene vielleicht am Leben lassen, wenn sie erst dorthin gebracht wären, und setzten daher folgende List in's Werk. Sie überredeten einige von den Männern auf der Insel, indem sie ihnen befreundete Leute hinschickten, mit dem Auftrag, so zu thun, als ob sie aus Theilnahme für sie handelten: es sei für sie das Beste, so schnell als möglich zu entlaufen, wozu sie schon selbst ein Fahrzeug bereit halten würden; denn die athenischen Feldherrn seien Willens, sie der Volkspartei in Kerkyra auszuliefern.

Als sie sie nun wirklich überredet und ein Fahrzeug zur Stelle geschafft hatten, wurden sie im Davonfahren ausgegriffen, damit der Vertrag für gebrochen erklärt und sie Alle den Kerkyräern ausgeliefert. Es waren aber dabei die Feldherrn der Athener nicht in geringem Grade mitbetheiligt, so daß der Betrug sehr glaublich scheinen und die Erfinder des Planes um so unbesorgter zu Werke gehen konnten, denn sie wollten offenbar nicht, daß die Mannschaft von Andern, als ihnen selbst, in Athen eingebracht würde, weil sie ja selbst nach Sicilien segeln mußten, und so Andere die Ehre davon gehabt haben würden.

Nun übernahmen die Kerkyrä'er die Mannschaft, schloffen sie in einem großen Gebäude ein und führten sie später, je immer zwanzig Mann, zur Hinrichtung heraus, mitten durch zwei Reihen von beiden Seiten aufgestellter Schwerbewaffneten, aneinander gebunden und gestoßen und verwundet von den zur Seite Stehenden, wenn Einer grade seines Feindes ansichtig wurde. Dabei gingen auch noch Leute mit Geißeln nebenher, welche die langsamer Gehenden zur Eile trieben.

Aus diese Weise hatten sie schon gegen sechzig Mann herausgeführt und hingerichtet, ohne daß die im Gebäude befindlichen eS wußten; denn sie glaubten, man führe sie nur weg, um sie irgendwo anders unterzubringen. Als sie es aber merkten und ihnen auch Einer Mittheilung machte, so riesen sie die Athener an und forderten diese auf, sie selbst sollten sie tödten, wenn sie schon ihren Tod beschlossen hätten. Sie wollten nun nicht mehr aus dem Gebäude gehen und sagten, sie würden auch Niemanden mehr gutwillig herein lassen. Die Kerkyräer machten nun auch gar keinen Versuch, die Thüren mit Gewalt zu erbrechen, sondern stiegen auf das Dach des Gebäudes, rissen die Wölbung aus und warfen mit Backsteinen und schoßen mit P seilen

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herunter. Jene nun schützten sich dagegen, so gut sie konnten, die [*]( 425 v. Chr. ) Mehrzahl aber tödteten sich zu gleicher Zeit selbst, indem sie sich die, Pfeile in den Hals stießen, welche jene herabgeschossen hatten, oder sich an den Bettstellen erhängten, welche dort vorhanden waren, wobei sie sich aus den Bettgurten oder ihren eigenen Kleidungsstücken Schlingen machten. Indem sie so die ganze Nacht hindurch — denn diese war über der unheilvollen That eingebrochen — theils sich selbst tödteten, theils von denen oben niedergestreckt wurden, kamen Alle um's Leben. Und als es Tag geworden war, warfen die Kerkyräer sie schichtenweise auf Wägen und führten sie vor die Stadt. Die Weiber, so viele ihrer in der Verschanzung gefangen worden waren, gaben sie in die Sklaverei. Auf diese Weise wurden die Kerkyräer von dem Berge durch die Volkspartei vernichtet, und der Bürgerkrieg, der so furchtbar ausgeartet, war damit — für die Zeit dieses Krieges wenigstens — zn Ende; denn was von der aristokratischen Partei noch übrig blieb, war nicht mehr der Rede werth. — Die Athener aber segelten nach Sicilien, wohin sie von vorn herein bestimmt waren, und führten dort den Krieg in Verbindung mit den Buntesqenossen.

Die Athener in Naupaktos unternahmen, als der Sommer zu Ende ging, mit den Akarnanern einen Zug gegen die Korinthische Stadt Anaktorion, die an der Mündung des amprakischen Busens liegt, und nahmen sie durch Verrath. Die Akarnaner trieben die Korinther aus und besetzten die Stadt nnn selbst durch Ansiedler aus ihren sämmtlichen Städten. Damit ging der Sommer zu Ende.

In dem folgenden Winter glückte es dem Aristides, des Archippos Sohn, einem der athenischen Anführer, welche zur Steuererhebung bei den Bundesgenossen herumgesandt wurden, in der Stadt Eion am Strymonflusse den Perser Artaphernes in seine Gewalt zu bekommen, der in Sendung seines Königs nach Lakedämon reisen wollte. Er selbst wurde nach Athen gebracht und seine Papiere aus der Assyrischen Schrift^) verdolmetscht und von den Athenern gelesen. Unter vielem Andern, was darin geschrieben tsand, war das [*]( 26 ) Heeren versteht darunter K eilschrift. Doch ist wohl die Assyrische Sprache zu. verstehen (Krüger). ) [*]( 21* )

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[*]( 424 v. Chr. ) Hauptsachlichste dieß: die Lakedämonier seien sich nicht klar, was sie eigentlich wollten; denn von den vielen Gesandten, die herübergekommen seien, habe keiner dasselbe gesagt, wie seine Vorgänger; wenn sie nun ihre Absichten deutlich aussprechen wollten, so sollten sie mit dem Perser Leute an ihn absenden. Den Artaphernes ließen die Athener später auf einem Dreiruderer nach Ephesos bringen und mit ihm Gesandte abgehen. Als diese aber dort erfuhren, der König Artaxerxes, des Xerxes Sohn, sei kürzlich gestorben, — und in der That war er um jene Zeit verschieden — so kehrten sie nach Haus zurück.

Im Laufe desselben Winters rissen die Chier^) auf Befehl der Athener ihre neu erbaute Mauer nieder, denn diese vermutheten, die Chier wollten ihr Verhältniß zu ihnen ändern. Doch schlössen die Chier mit den Athenern einen neuen Vertrag, durch den sie sich möglichst sicher zu stellen suchten, daß diese ihre Verfassung nicht umstürzen sollten. Nun ging der Winter zu Ende und damit das isebente Jahr des Kriegs, den Thukydides beschrieben hat.