History of the Peloponnesian War

Thucydides

Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.

Als nun jene dieß hörten, senkten die Meisten ihre Schilde und hoben die Hände in die Höhe, zum Zeichen, daß sie annähmen, was der Herold ausgerufen. Nun ruhten die Waffen, und es traten zu einer Unterredung zusammen Kleon und Demosthenes und von

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jener Seite Styphon, Sohn des Pharax; denn von den früheren An- [*]( 425 V. Chr. ) führern war der erste. Namens Epitadas, gefallen, und der Hippa-, gret ^), der zum Ersatzmann gewählt war, lag für todt gehalten unter den Gebliebenen, obgleich er noch lebte, und als dritter war nach dem Gesetze eben jener gewählt worden, um das Kommando zu übernehmen, wenn den Andern etwas Menschliches zustieße. Styphon nun und die Seinigen sagten, sie wollten durch den Herold bei den Lakedämoniern aus dem Festland fragen lassen, was sie thun sollten. Und jene nun sandten zwar selbst keinen Herold ab, sondern die Athener riefen solche vom Festland, und nachdem zwei oder drei Mal hinüber und herüber gefragt worden war, brachte der Mann, welcher zuletzt von den Lakedämoniern auf dem Festland herüber kam, den Entscheid, sie sollten für sich selbst einen Entschluß fassen, aber ihre Ehre dabei wahren. Diese beriethen sich also unter einander und übergaben dann ihre Waffen und sich selbst. Denselben Tag noch und die folgende Nacht hielten die Athener sie in Gewahrsam, Tags daraus aber errichteten sie ein Siegeszeichen aus der Insel, bereiteten Alles zur Rückfahrt vor und vertheilten die Gefangenen zur Verwahrung an die Schiffskapitäne; die Lakedämonier aber schickten einen Herold um ihre Todten und holten sie dann ab.

Es fielen aber aus der Insel und lebendig gefangen wurden so viele: vierhundertundzwauzig Schwerbewaffnete im Ganzen waren hinüber gebracht worden; von diesen wurden lebend weggebracht dreihundert weniger acht, die Uebrigen waren gefallen. Unter den Ueberlebenden waren aber gegen hundertundzwanzig Spartiaten^). Von den Athenern waren nur Wenige gefallen; denn zu einer eigentlichen Schlackt war es nicht gekommen.

Was nun die Länge der Zeit betrifft, während deren die Leute auf der Jusel abgesperrt waren, so verflossen von der Seeschlacht bis zu dem Gefecht auf der Insel zweiundsiebenzig Tage. Von diesen wurden sie die zwanzig Tage hindurch, während die Ge- [*]( 19) So hießen die Anführer der königlichen Leibwache in Sparta. Hippagretos könnte indeß hier auch Eigenname sein. ) [*]( 20) Die Uebrigen waren die oben als Diener erwähnten Heloten, deren hier Einer aus einen Spartiaten kam. In der Schlacht bei Platää hatte jeder spartanische Schwerbewaffnete sieben Heloten bei sich. )

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[*]( 425 v. Chr. ) sandten wegen eines Vergleiches abwesend waren, verköstigt, die übrige Zeit hindurch erhielten sie sich von dem heimlich Eingeführten. Es war aber noch Getreide auf der Insel vorhanden, und auch anderer Speisevorrath fand sich noch vor; denn Epitadas, ihr Befehlshaber, hatte einem Jeden sparsamer verabreicht, als er gemußt hätte.

Die Athener und die Pelöponnesier zogen nun mit den Heeren von Pylos ab, ein Jeder nach Hause, und dem Kleon war sein Versprechen, so wahnsinnig es auch war, in Erfüllung gegangen; denn innerhalb zwanzig Tagen brachte er die Mannschaft ein, wie er sein Wort gegeben hatte 2"*). [*]( 20*) Für dieß dem Demosthenes entwendete Verdienst wurde Kleon vom Volke durch Ehrensitze im Theater und bei der Volksversammlung und durch Kränze belohnt, wogegen Andere es ihm als Diebstahl vorwarsen. In den Rittern des Aristophaneö stiehlt der Wursthändler dem Kleon einen Hasen, was dieser übel vermerkt: O weh, du hast mein Eigenthum gestohlen! Worauf der Wursthändler: Nun ja, gerad', wie du den Fang in PyloS. Je mehr Kleon aus seine Heldenthat pochte (in den Rittern droht er: Bei meinem Ehrenplatz als Held von PyloS! Ich bring dich um) um so mehr suchten seine Feinde seinem Verfahren mit den Gefangenen schlechte Absichten unterzuschieben, als wolle er durch ihre Auslösung bei guter Gelegenheit ein möglichst gutes Privatgeschäst machen: Ja. obwohl er all' sein Leben eine feige Memme war. Galt er doch als Held, indem er ärntet, wo er nicht gesät! Und so läßt er eben Garben, frisch von Pylos mitgebracht. Jämmerlich im Stockhaus modern, ja verschachern will er sie. und: EinS weiß ich doch: waS er in ArgoS treibt; Er thut, als wollt' er Argos uns besreunden. Und spielt mit den Spartanern unter'm Tisch; Was dort geschmiedet und gelöthet wird. Weiß ich: um die Gefangnen geht der BlaSdalg. Nur scherzhaft gemeint ist folgender Vorwurf, ebenfalls aus den Rittern: Kleon beruft sich ans die in PyloS erbeuteten Schilde, worauf der Wursthändler: Gut, dleib' bei diesen Schilden stehn: schon wieder eine Blöße! Wenn du den Demos (das Volk) liebst, warum hast du mit Fleiß die Schilde Sammt Ring und Riemen aufgehängt im Heiligthum der Göttin? Nun, Demos, merkst du nicht den Pfiff? - Um dir. wenn du den Schurken Willst züchtigen einmal, wie er's verdient, die Hand zu binden! Denn steh' dich um: da hat er dir 'nen Rudel Gerberbnrsche )

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Dieß Ereigniß war es, was von den Vorfällen dieses [*]( 425 v. Chr. ) Krieges den Hellenen am meisten unerwartet kam. Denn von La-, kedämoniern erwartete man, daß sie weder durch Hunger, noch durch irgend welche Noth bezwungen die Waffen auslieferten, sondern mit diesen fechtend sterben müßten, wie sie auch gekonnt hätten. Auch war man ungläubig, ob denn die, die sich ergeben hätten, von gleicher Art seien mit denen, die den Tod gefunden, und als später einmal von den athenischen Bundesgenossen Einer in kränkender Absicht einen der Kriegsgefangenen von der Insel fragte, ob ihre Gefallenen wackere Leute gewesen, so erhielt er zur Antwort, das müßte ein rares Rohr — damit meinte er den Pfeil — gewesen sein, das die Tapseren hätte unterscheiden können, — womit jener sagen wollte, daß gefallen sei, wen grade die Steine und Pfeile zufällig getroffen hätten.

Als die Leute eingebracht waren, faßten die Athener Beschluß, sie in Banden verwahrt zu halten, bis ein Vergleich getroffen wäre; sollten aber die Peloponnesier früher noch einen Einfall auf ihr Gebiet machen, so wolle man sie hinausführen und hinrichten. Nach Pylos aber legten sie eine Besatzung, und die Messenier aus Naupaktos schickten in dieß ihr Vaterland, — denn Pylos gehört zu der ehemaligen Messenischen Landschaft, — die tüchtigsten Leute aus ihrer Mitte, welche Lakonika verwüsteten und sehr vielen Schaden anrichteten, zumal sie auch dieselbe Sprache redeten. Die Lakedämonier aber, die in früherer Zeit solche Verheerungs- und Raubzüge nicht erfahren hatten, zumal ihnen auch die Heloten zum Feind überliefen, und sie fürchten mußten, daß ihnen noch größere Verwirrung im Lande angerichtet werde, nahmen die Sache keineswegs leicht, und obgleich sie den Athenern ihre Gedanken nicht verrathen wollten, schickten sie doch Gesandte zu ihnen und versuchten Pylos und ihre [*]( Und rings die ganze Nachbarschaft, die Käs- und Hvnighiindler; Das bläst mm all' in'S gleiche Horn und hängt wie Pech zusammen; Brummst du nun auf und willst einmal ein Scherbenspielchen machen (d. h. ihn verbannen). Dann läuft des Nachts die Bande hin und reißt die Schilde 'runter, Besetzt uns Markt und Kornhaus, um die Bürger auszuhungern! (Ludwig Seeger's Nebersehung.) )

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[*]( 425, v. Chr. ) Leute zurück zu erhalten. Die Athener aber wollten höher hinaus und schickten jene, so oft sie auch zukehrten, unverrichteter Sache zurück. Dieß waren die Ereignisse bei Pylos.

Bald danach, in demselben Sommer, unternahmen die Athener auf achtzig Schiffen und mit zweitausend Schwerbewaffneten aus der eigenen Bürgerschaft und zweihundert Reitern auf Fahrzeugen, die für Pferde eingerichtet waren, einen Feldzug gegen das Gebiet von Korinth. Von den Bundesgenossen zogen mit Milesier^), Andrier^) und Karystier^). Anführer war selbdritt [*]( 21) Milet, ionische Stadt in Kleinasien, noch auf Karischem Gebiete, hatte fünf Häfen und entfaltete mit großem Glücke eine ganz ungemeine Handelsthätigkeit, vorzugsweise im schwarzen Meere, an dessen Küsten es rings-um seine Pflanzstädte anlegte, die dann ebendaselbst wieder neue Kolonien gründeten. Früher hieß das Schwarze Meer bei den Griechen das ungastliche, unwirthsame (Pontos areinos), durch die mi> lesischen Kolonien wurde es zum gastlichen (eureinos) umgewandelt und in die hellenische Welt einbezogen. Hauptgegenstände des Handel? waren Getreide und Salzsischc verschiedener Art (unser Häringshandel). Milet war von nicht weniger als achtzig Städten die Mntterstadt, wovon Naukratis in Aegypten, die andern fast alle am Marmora- und Schwarzen Meer. Die bedeutendsten dieser letzteren waren: Heraklea, Sinope, wo besonders der PelamyS-Fisch in zahlloser Menge gefangen wurde, Amisos, Trapezus, zu der Römer Zeiten Sitz deS Großhandels, heute den Handel nach Armenien und Persien vemittelnd, Dioskurias, Hauptmarkt der kaukasischen Völker, wo man, wie die Alten erzählen, siebzig verschiedene Sprachen hören konnte. Auf der Halbinsel Krim, dem Taurischen Cherfonnes der Alten, lag Theodofia mit einem Hafen für hundert Schiffe, Hauptsitz des Handels mit Getreide, welches hier dreißigsältigen Ertrag gab. Am Eingang in das Azov'fche Meer: Pantikapäon und gegenüber Phancigoria, an der Mündung des Don (Tanais). An der Westseite des Meeres: Olbia, Tomi. Odefsos n. s. w. ) [*]( In älterer Zeit standen die Milesier im Rufe mannhafter Tüchtigkeit, später verweichlichten sie, wie alle kleinasiatischen Senior, und hatten die Nachrede, leicht reizbar und zu thörichtem Thun geneigt zu sein. Unter persischer Oberherrschaft trugen sie das Joch eigener Tyrannen. Die Geschichte des Histiäos und Aristagoras ist bekannt. Als der Abfall von den Persern erfolgte, wurde Jsonomie, d. i. gleiches Recht für Alle ausgerufen, demokratische Strategen eingesetzt u. s. m. Aber der nöthige Grad sittlicher Tüchtigkeit fehlte. Die Seeübungen, welche Dionysios von Pholäa einsührte, wurden von den Jonier» nur sieben Tage ertragen, und in der Schlacht liefen Alle davon oder gingen über. Nur die Chier fochten tapfer. Nun trat von Neuem Tyrannis ein, bis die Befreiung durch die europäischen Hellenen erfolgte. — Für die Neigung zu Athen wurde die Volkspartei zu Ende des Krieges von Lysander durch ein furchtbares Gemetzel bestraft. ) [*]( 22) Andros, eine der kylladiscken Inseln, mit ionischer Bevölkerung, hatte durch )

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Nikias, des Nikeratos Sohn. Mit Tagesanbruch segelten sie an [*]( 425 v. Chr. ) nnd landeten an der Küste zwischen der Halbinsel und Nheiton, in< jener Gegend, welche durch den Solygei'schen Hügel beherrscht wird, aus dem sich in alter Zeit die Dorier während ihres Krieges mit den äolischen Korinthern festgesetzt hatten ^). Jetzt liegt auf der Höhe das Dorf Solygea. Von dem Punkt der Küste nun, wo die Schiffe landeten, bis zu diesem Dorfe beträgt die Entfernung zwölf Stadien, bis nach der Stadt Korinth sechzig und bis zum Jsthmos hin zwanzig. Die Korinther hatten aber schon längere Zeit vorher von Argos aus Nachricht, daß die Athener gegen sie auszögen, und rückten deßhalb zur Abwehr gegen den Jsthmos mit gesammter Mannschaft vor, ausgenommen die, welche sich jenseits der Landenge befanden; auch in Amprakia und Leukadia waren fünfhundert Mann von ihnen als Besatzung abwesend; sonst aber waren Alle vereint und lauerten den Athenern auf, wo sie landen würden. Da jene aber noch nächtlicher Weile unbemerkt herangesegelt waren und den Korinthern nun die Feuerzeichen gegeben wurden, so ließen sie die Hälfte ihrer Mannschaft in Kenchrea zurück für den Fall, daß die Athener gegen Krommyon marshciren sollten, und rückten in Eile zur Abwehr jenen entgegen.

Battos, der eine ihrer Anführer — denn eS waren deren zwei bei der Schlacht anwesend — nahm eine Abtheilung nnd marschirte nach dem Dorfe Solygea, um dies zu schützen, da es keine Mauern hatte; Lykophron aber mit den übrigen Truppen nahm das Gefecht an. Und zuerst nun griffen die Korinther den rechten athenischen Flügel vorwärts der Halbinsel an, gerade, als diese eben an's Land gestiegen waren, dann auch die andern Abtheilungen. Der Kampf war hitzig und durchaus Mann gegen Mann. Der rechte Flügel der Athener und Karystier, — denn diese standen bei ihnen aus der äußersten Spitze des Flügels — empfing die angreifenden [*]( Penkles 452 v. Chr. eine Niederlassung von zweihnndertundsünszig athenische» Bürgern erhalten Stagira und AkanthoS waren Kolonien der Insel. ) [*]( 23) KarystoS aus Euböa. Die Bevölkerung war aus Joniern nnd Dryvpern gemischt. Mit Chalkis und Eretria nahm die Stadt früher Theil an der Amarynthische n Genossenschaft. Von den Athenern unterworfen 476 v. Chr. vergl. l, 98. ) [*]( 24) Vgl. B. l, Anm. 22 nnd W. )

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[*]( 425 v. Chr. ) Korinther und trieb sie, obgleich mit Anstrengung, zurück. Diese zogen sich weichend gegen eine Mauer, und da die ganze Gegend abschüssig ist, warfen sie von ihrer höheren Stellung herab mit Steinen; dann stimmten sie den Schlachtgesang an und gingen wieder zum Angriff, und da die Athener Stand hielten, kam es wieder zum Handgemenge. Da kam aber eine Korinthische Abtheilung ihrem linken Flügel zu Hülfe, brachte den rechten der Athener zum Weichen und drängte sie bis an das Meer hin. Nun machten aber die Athener und Karystier bei den Schiffen wieder Kehrt und gewannen wieder Raum. Auf den übrigen Punkten kämpfte das Heer beiderseits ununterbrochen, besonders suchte sich der rechte korinthische Flügel unter Lykophron des linken der Athener zu erwehren, denn sie befürchteten, derselbe möchte einen Versuch gegen das Dorf Solygea machen.

Lange Zeit hielten hier beide Theile Stand und keiner wollte dem andern weichen, dann aber, weil den Athenern die Mitwirkung ihrer Reiterei zu Statten kam, während jene nicht Ein Pferd hatten, flohen die Korinther und zogen sich nach dem Hügel, wo sie sich unter den Waffen aufstellten nnd nicht mehr herunter kamen, sondern ruhig stehen blieben. Bei dieser Niederlage des rechten Flügels fielen seitens der Korinther die Meisten und darunter auch Lykophron der Feldherr. Als der übrige Theil ihres Heeres, wie oben erzählt, geworfen winde, ohne gerade scharf verfolgt zu werden und schnell zu fliehen, zog er sich auch auf die Anhöhe und nahm dort Stellung. Die Athener aber, da jene das Gefecht nicht mehr aufnahmen, zogen den gefallenen Feinden die Waffenrüstung aus, hoben ihre eigenen Todten aus und errichteten auch sogleich ein Siegeszeichen. — Jene Hälfte der Korinther nun, die zur Bewachung in Kenchrea zurückgeblieben war, damit die Athener nickt gegen Krommyon segelten, hatte wegen des Oneischen Gebirges von der Schlacht Nichts gemerkt; als sie aber den Staub aufsteigen sahen und Meldung erhielten, rückten sie sogleich zur Unterstützung heran. Da nun die Athener diese gesammte Macht anrücken sahen und glaubten, es komme Zuzug aus den benachbarten peloponnesischen Städten, zogen sie sich in Eile auf ihre Schiffe zurück, indem sie die Waffenbeute und ihre Todten mit sich führten, ausgenommen zwei, die sie dort ließen, weil sie dieselben nicht hatten aufsinden können. Nachdem

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sie sich eingeschifft, fuhren sie nach den naheliegenden Inseln und [*]( 425 v. Chr. ) holten unter dem Schutze eines Waffenstillstandes die Todten, die sie zurückgelassen, durch den Herold ab. Von den Korinthern waren in dieser Schlacht geblieben zweihundertundzwölf, von den Athenern etwas weniger als fünfzig Mann.