History of the Peloponnesian War

Thucydides

Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.

Da jene aber nicht annahmen, so ließen sie noch einen Tag verstreichen; am darauffolgenden Tag aber führten sie zur Nachtzeit sämmtliche schwerbewaffnete Mannschaft auf wenigen Fahrzeugen hinüber und landeten sie kurz vor Tagesanbruch auf beiden Seiten der Insel, von der Seeseite sowohl, wie von der des Hafens. Es waren ungefähr achthundert Schwerbewaffnete, und diese rückten im Laufschritt gegen den ersten Wachposten auf der Insel an. Auf derselben nämlich waren die Leute so vertheilt: bei jenem ersten Posten standen ungefähr dreißig Schwerbewaffnete, in dem mittleren und flachsten Theil der Insel aber, wo auch Wasser vorhanden war, stand die Mehrzahl unter Führung des Epitadas, und ein geringer Theil der Mannschaft bewachte die äußerste Spitze gegen Pylos zu, wo die Insel steil in's Meer abfällt und auch von der Landseite her am schwersten anzugreifen ist. Es befand sich dort nämlich auch ein altes Bollwerk, aus erlesenen Steinen aufgeführt, von dem sie Nutzen erwarteten, wenn sie allenfalls zu einem ungeordneten Rückzug gezwungen würden.

Auf diese Art waren sie vertheilt. Die Athener nun hie-ben die vorderste Wachmannschaft, gegen die sie Sturm liefen, sogleich nieder, denn diese war noch in ihren Schlafstätten und wollte sich erst waffnen. Die Landung hatten sie nicht gemerkt, da sie glaubten, daß die Schiffe, wie gewöhnlich, des Nachts nach ihren Ankerplätzen ruderten. Mit der Morgenröthe wurde niu auch der übrige Theil des Heeres gelandet, auf etwas mehr als siebzig Schiffen, Alle — mit Ausnahme der Ruderer auf dem Vordertheile — die Einen so, die Andern so gewaffnet, achthundert Bogenschützen und eine gleiche Zahl von Leichtbewaffneten, dazu die Hülsstruppen der Messenier und die übrigen Alle, die um Pylos standen, ausgenommen die Besatzung der Festung. Auf Anordnung des Demosthenes vertheilten sie sich je zu zweihundert Mann und darüber, hie und da auch darunter, und besetzten die hervorragendsten Punkte, damit die Feinde in die größte Verwirrung geriethen und von allen Seiten umringt nicht wüßten, wo sie Widerstand leisten sollten,

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[*]( 425 v. Chr. ) sondern von der großen Zahl von beiden Seiten in den Schuß genommen würden: von denen in ihrem Rücken getroffen, wenn sie die vor sich angriffen, und von denen längs ihrer Front und dem Rücken Aufgestellten, wenn sie nach der Flanke ausfallen wollten. Wohin sie sich aber auch wendeten, immer sollten die leichten Schwärmer sie im Rücken belästigen, denen am schwersten beizukommen ist, weil sie mit ihren Pfeilen, Wurfspießen, Steinen und Schleuderkugeln aus der Ferne wirken, und ihnen etwas anzuhaben war unmöglich, da sie, selbst im Fliehen Schaden zufügten und dem Feind auf dem Rückzug augenblicklich wieder zusetzten. Auf diese Art hatte Demotshenes früher schon den Landungsplan entworfen, und so setzte er ihn auch in's Werk.

Als aber die um den Epitadas, welche die Hauptmasse aus der Insel waren, den ersten Wachposten niedergehauen sahen, und wie das Heer gegen sie anmarschire, so schlössen sie ihre Glieder und gingen auf die Schwerbewaffneten der Athener loS, um mit ihnen handgemein zu werden; denn diese standen in ihrer Fronte, die leichten Truppen aber auf den Flanken und im Rücken. Sie konnten aber an die Schwerbewaffneten nicht ankommen und hier ihre Geschicklichkeit zeigen, denn das leichte Volk umringte und beschoß sie von beiden Seiten, und jene rührten sich gar nicht gegen sie, sondern blieben ruhig stehen. Die Leichtbewaffneten freilich, wo sie am kecksten anliefen und drängten, trieben sie in die Flucht, aber diese vertheidigten sich im Weichen, da sie leicht gerüstet waren und bei der Rauheit des nie angebauten und darum ungleichen Bodens auf der Flucht leicht einen Vorsprung gewannen, während die Lakedämonier in ihrer schweren Rüstung nicht nachkommen konnten.

So beschossen sie denn eine kurze Weile einander aus der Entfernung; als aber die Lakedämonier, wo sie angegriffen wurden, nicht mehr scharf ausfallen konnten, und die leichten Truppen sahen, daß sie schon schwerfälliger zur Abwehr würden, auch besonders aus dem Anblick ihrer vielfach überlegenen Zahl Muth schöpften und sich schon mehr an den Anblick jener gewöhnt hatten, so daß sie ihnen nicht mehr so furchtbar erschienen — zumal ihnen auch nicht von jenen begegnet worden war, wie sie erwartet hatten, als sie noch eben erst bei der Landung durch die bloße Vorstellung, daß sie gegen

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Lakedämonier kämpfen sollten, in Schrecken und Verwirrung gesetzt [*]( 425 v. Chr. ) waren, — so fingen sie an, jene zu verachten, erhoben ein Geichre, i und stürmten in Masse aus sie ein, Steine, Pfeile oder Wurfspieße schleudernd, wie sie gerade ein Jeder bei der Hand hatte. Da nun mit dem Angriff zugleich das Schlachtgeschrei ertönte, fiel Furcht die Leute an, die solcher Kampsart ungewohnt waren, und in dichten Wolken stieg die Asche des kürzlich niedergebrannten Waldes auf, und es war unmöglich, etwas vor Augen zu sehen vor der Menge der Geschosse und Steine, die von der großen Menshcenmasse geschleudert wurden, und dem Staube, der emporwirbelte. Jetzt wurde den Lakedämoniern heiß, denn ihre Panzer schützten nicht mehr vor den Pfeilen, und die Wurfspeere brachen darin ab, wenn Einer getroffen wurde, und sie wußten sich gar nicht mehr zu helfen, da ihnen die Aussicht benommen war und sie vor dem lauteren Geschrei der Feinde die eigenen Kommandoworte nicht vernehmen konnten. Von allen Seiten umringte sie die Gefahr, und sie sahen keine Hoffnung mehr, sich irgendwie durch Abwehr zu retten.

Endlich, nachdem ihrer schon viele verwundet waren, weil sie sich immer aus demselben Fleck herumbewegten, schlössen sie sich eng aneinander und marschirten gegen das Bollwerk an der äußersten Spitze der Insel, das nicht weit entfernt lag, und zu der dortigen Besatzung. Als sie aber das Feld räumten, da wurden die Leichtbewaffneten erst recht keck und verfolgten sie mit noch lauterem Geschrei. Und so viele der Lakedämonier auf dem Rückzüge gefangen wurden, die mußten aus dem Platze sterben; die Mehrzahl aber entkam noch in das Bollwerk und stellte sich mit der dortigen Besatzung am ganzen Umfang auf, um abzuwehren, wo angegriffen werden konnte. Die Athener folgten ihnen auf dem Fuße nach, hatten aber wegen der Stärke des Platzes keine Möglichkeit ihn zu umstellen und abzuschließen, griffen also von vorn an und versuchten sie herauszuwerfen. Und so hielten lange Zeit und den größten Theil des Tages hindurch beide Theile mit den Beshcwerden des Kampfes auch noch den Durst und die Hitze der Sonne aus, indem die Einen sich abmühten, jene von der Höhe herab zu werfen, diese aber nicht vom Platze weichen wollten, doch fiel den Lakedämoniern die Abwehr leichter, als vorher, da sie die Flanken frei hatten.

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[*]( 425 v. Chr. ) Da aber so nichts ausgerichtet wurde, so ging der Anführer der Messenier zu Kleon und Demosthenes hin und sagte, daß ihre Mühe auf diese Weise verloren sei; wenn sie ihm aber eine Abtheilung Bogenschützen und Leichtbewaffnete geben wollten, um jene im Rücken auf einem Pfade zu umgehen, den er suchen wollte, so gedenke er den Zugang zu erzwingen. Er erhielt, was er verlangte, und brach, um von den Feinden nicht gesehen zu werden, von einer ihren Blicken entzogenen Stelle aus, kletterte den Berg hinauf, wo nur immer der steile Abfall der Insel es erlaubte und die Lakedämonier im Vertrauen auf die Festigkeit des Platzes kein Augenmerk hatten, umging sie so ungesehen, obgleich mit großer Mühe und Schwierigkeit, und setzte durch sein plötzliches Erscheinen auf der Höhe in ihrem Rücken diese, die daraus nicht gefaßt waren, in Schrecken und Verwirrung, während er jenen, die nun erfüllt sahen, was sie gehofft hatten, die Zuversicht erhöhte. Die Lakedämonier wurden nun von beiden Seiten beschossen und waren, um Kleines mit Großem zu vergleichen, in derselben Nothlage, wie die bei den Thermopylen, — denn jene wurden niedergehauen, nachdem die Perser sie auf dem Bergpfade umgangen hatten, und so ging es auch hier — die Lakedämonier, von zwei Seiten beschossen, leisteten keinen kräftigen Widerstand mehr, sondern in der Minderzahl gegen die Uebermacht fechtend und aus Mangel an Nahrung am Körper geschwächt, zogen sie sich zurück, und die Athener besetzten nun die Zugänge.

Als nun Kleon und Demosthenes sahen, daß jene, wenn sie auch nur noch einen Fuß breit weiter zurückwichen, von ihren Leuten würden niedergehauen werden, machten sie dem Kampf ein Ende und hielten die Ihrigen zurück, in der Absicht, jene lebend nach Athen zu führen, sofern sie aus den Heroldsruf hören, ihren Sinn beugen und aus der Noth eine Tugend machen wollten, und ließen also durch den Herold fragen, ob sie die Waffen und sich selbst den Athenern auf Gnade oder Ungnade übergeben wollten.