History of the Peloponnesian War
Thucydides
Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.
Die mit dem ersten Schiffe abgegangenen Gesandten der [*]( 6) Weil dieser selbst so Bedeutendes geleistet hatte, vergl. II, 83 ff. )
„Was unter den Hellenen feststehender Grundsatz ist, ihr Lakedämonischen Männer und ihr Bundesgenossen, das wissen wir wohl. Wer in Kriegszeiten abfällt und seine frühere Bnndesgenossenschaft fahren läßt, den nimmt man zwar auf, aber man schätzt ihn nur insofern, als er zu nützen vermag, hält ihn für einen Verräther und setzt ihn denen nach, die bereits vordem Freunde waren. Dieser Grundsatz ist in der That nicht unrichtig, sofern nur die Abfallenden und die, welchen sie absagen, in Gesinnung und Neigung wie in Rüstung und Kriegsmacht einander gleichstanden, und kein billiger Grund zum Absalle vorhanden ist. Zwischen uns aber und den Athenern stehen die Dinge nicht so, und wir werden deßhalb Niemanden mit Recht schlechter scheinen, wenn wir, obgleich im Frieden von ihnen geehrt ^), zur Zeit der Gefahr uns von ihnen lossagen."
„Von der Gerechtigkeit unserer Sache und unserer Rechtlichkeit wollen wir also zuerst reden, zumal wir die Bundesgenossenschaft mit euch wünschen; denn wir wissen, daß weder zwischen einzelnen Männern feste Freundschaft, noch auch zwischen Staaten zu irgend welchem Zwecke Gemeinschaft bestehen kann, wenn nicht beide Theile mit wirklicher Rechtlichkeit gegen einander verfahren und sie auch sonst gleicher Denkart sind; denn in einer Verschiedenheit der Meinung ist die Verschiedenheit der That schon inbegriffen Unsere Bundesgenossenschast mit den Athenern nahm damals ihren Ursprung,- als ihr von dem medischen Kriege zurücktratet, sie aber noch aushielten, um zu Ende zu führen, was noch zu thun übrig war. Wir wurden aber nicht ihre Bundesgenossen, um auf die Hellenen das Joch [*]( 7) D. i. Juli 42S. Dorieus siegte in drei Olympiaden hinter einander (Ol. S7. 83 und 89) im Pankration, d. h. im Faust- und Ringkampf. Paus. VI. 7. i. ) [*]( 8) Weil ihnen, wie den Chiern, die Autonomie, d. h. das Recht sich selbst Gesetze zu geben, belassen worden war. )
„Wären wir Alle jetzt noch unabhängig, so dürften wir wohl mehr darauf vertrauen, daß sie an keine Aenderung des Verhältnisses dächten. Da sie aber bereits die Mehrzahl-sich unterworfen haben, mit uns aber wie mit ihres Gleichen verkehren müssen, so wird es ihrem Stolze natürlich um so empfindlicher sein, daß wir allein sogar jetzt noch auf gleichem Rechte mit ihnen stehen, nachdem bereits die Mehrzahl sich ihnen untergeordnet Hai, und das um so mehr, je mächtiger sie selbst dadurch geworden und je vereinsamter wir sind. Die Furcht aber, den Gegner gleich stark zu finden, ist das einzige feste Band der Bundesgenossenschaft; denn wenn sich auch Einer noch so gern überheben möchte, so läßt er sich doch durch den Gedanken zurückhalten, daß er nicht mit überlegener Kraft angreifen kann. Daß uns aber die Unabhängigkeit gelassen wurde, hat keinen andern Grund, als daß es ihnen zur Gewinnung der Oberherrschast förderlicher schien, bei Vermehrung ihrer Macht immer nur mit einem scheinbaren Rechtsgruude und mehr mit Staatsklugheit vorzugehen als mit Gewalt. Zugleich hatten sie so auch einen Beweisgruud für die Gerechtigkeit ihrer Sache, da sie sagen konnten, daß Bundesgenossen mit gleichem Stimmrecht wohl nicht wider ihren Willen mit ihnen zu Felde ziehen würden, wenn der von ihnen angegriffene Feind nicht im Unrecht wäre. Zugleich aber auch sind sie zuerst mit Hülfe der Stär
„Was ist das also für eine Freundschaft, und wie fest ist die Freiheit begründet, in welcher wir einander freundlich und beflissen begegneten, während es uns beiden ganz anders um's Herz war? Im Kriege haben jene aus Furcht uns den Hof gemacht, im Frieden thaten wir dasselbe ihnen gegenüber. Während bei Andern gegenseitiges Wohlwollen das Vertrauen vorzüglich kräftigt, war es bei uns die Furcht, was unser Verhältniß zusammenhielt. Mehr durch Furcht als durch Freundschaft zurückgehalten, blieben wir ihre Bundesgenossen, und wer zuerst von uns beiden in seiner Sicherheit den Muth dazu gesunden hätte, der würde auch zuerst bereit gewesen sein das Verhältniß zu brechen. Wenn also Einer glaubt, wir seien im Unrecht srüher abzufallen, weil jene noch zögerten die uns zugedachten Feindseligkeiten zu eröffnen, und wir hätten vielmehr abwarten sollen, bis wir gewiß wußten, daß von ihrer Seite etwas drohe, — der urtheilt nicht richtig. Denn wären wir in der Lage gewesen, im Besitze gleicher Mittel, ihren Anstalten unsere Anstalten, ihrer Zögerung unsere Zögerung entgegenzustellen, so hätten wir uns allerdings ganz nach ihrem Benehmen richten müssen. Da aber jene die Möglichkeit hatten [*]( 9) Darunter sind nach dem Scholiasten wohl auch Geschenke an die Partei- führer zu verstehen. )
„Das sind die Gründe und Ursachen, ihr Lakedämonier und ihr Bundesgenossen, die uns zum Abfall bewogen, einleuchtend genug, um Jeden, der uns anhört, zu überzeugen, daß wir recht gethan haben, und triftig genug, um unsere Besorgnis; zu wecken und uns zur eigenen Sicherstellung aufzufordern. Und das wollten wir damals schon, als wir noch mitten im Frieden des Abfalls wegen Gesandte zu euch schickten; da ihr uns aber abwieset, so blieb unsere Absicht unerfüllt. Jetzt aber sind wir der Aufforderung der Böotier allsogleich gefolgt und wir denken, daß es mit unserem Abfall seine zwei Seiten hat: von den hellenischen Bundesgenossen trennen wir uns, um nicht im Bündniß mit den Athenern ihnen Unrecht zu thun, sondern um an ihrer Befreiung mitzuhelfen, und von den Athenern fallen wir ab, um nicht in nächster Zukunft durch sie zu Grunde gerichtet zu werden, sondern ihnen selbst zuvorzukommen. Unser Abfall ist aber etwas schnell und unvorbereitet eingetreten, und um so mehr müßt ihr uns als Bundesgenossen aufnehmen und uns schleunigst Hülfe senden, damit ihr euch als Männer zeiget, die helfen, wo es Noth thut, und gleichzeitig auch dem Feinde zu schaden wissen.. Dazu aber ist jetzt ein so günstiger Zeitpunkt, wie früher nie. Die Athener sind durch die Seuche wie durch Geldausgaben zu Grunde gerichtet; von ihren Schiffen befindet sich ein Theil in euren Gewässern, und ein Theil ist gegen uns aufgestellt; sie können also unmöglich eine hinreichende Zahl von Schiffen haben, wenn ihr noch in diesem Sommer mit der Flotte und dem Landheere einen zweiten Einfall macht, sondern entweder können sie sich der angreifenden Schiffe nicht erwehren, oder sie müssen die ihrigen von beiden Punkten wegziehen. Denke aber Keiner, daß er dabei eines fremden Landes wegen sein eigenes der Gefahr preisgebe. Wer glaubt, daß Lesbos allzuweit entfernt sei, der wird schon sehen, daß es in seiner Nähe Nutzen gewähre. Denn der Krieg wird nicht in Attika geführt werden, wie vielleicht Einer glauben könnte, sondern da, wo Attika seinen Nutzen her zieht. Ihre Geldeinkünfte aber kommen von ihren Bundesgenossen, und diese werden noch größer sein, wenn sie uns erst unterjocht haben; denn ein Anderer wird dann nicht mehr abzufallen wagen, und die Einkünfte
„Achtet also die Hoffnungen, die Griechenland aus euch setzt, und ehret den olympischen Zeus, in dessen Heiligthum wir als Schutzflehende ershceinen: Helfet den Mytilenäern, nehmet sie zu Bundesgenossen an und laßt uns jetzt nicht im Stich, wo wir selbst Leib und Leben wagen, der Vortheil bei glücklichem Erfolge aber Allen gemeinsam sein wird, noch gemeinsamer aber der Schaden, wenn ihr euch nicht erbitten lasset uud wir dann unterliegen. Zeiget euch als solche Männer, für die die Hellenen euch halten, und wie unsere Furcht euch wünscht!"