History of the Peloponnesian War

Thucydides

Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.

So sprachen die Mytilenäer. Die Lakedämonier aber und ihre Bundesgenossen, da sie jene angehört hatten, zeigten sich ihren Vorstellungen geneigt und nahmen die Lesbier in die Bundesgenossenschaft aus, und um den Einfall nach Attika in's Werk zu setzen, befahlen sie den Bundesgenossen mit zwei Dritteln ihrer Mannschaft nach dem Jsthmos zu marschiren. Auch waren sie selbst dort die ersten am Platz und richteten aus der Landenge die Maschinen her, um die Schiffe von der korinthischen Seite nach dem -attischen Meere hinüberzuziehen '"), und mit Schiffen und Fußvolk waren sie auch bei der Hand. Sie also zeigten sich hierin sehr eifrig, die andern Bundes­ [*]( 10) Dieß geschah häufig, und am häufigsten eben auf dem korinthischen Jsthmos, weil die Zeitersparniß hier sehr bedeutend war. Herodot 7, 24 meint, eS sei überflüssige Mühe von Seiten des Xerxes gewesen, die Landenge beim Athos zu durchstechen, da die Schiffe ohne Mühe hätten darllbergczogen werden können. Noch Philipp III. von Makedonien und der pharische Demetrios liehen leichtere Fahrzeuge über den korinthischen Jsthmos bringen. Wachsmuth, hellen. Alterthumskunde II, I. S. 422. Vergl. Thuk. III. 81. )

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[*]( 423 v. Chr. ) genossen aber kamen nur langsam zusammen, denn sie waren gerade mit dem Einbringen der Feldsrucht beschäftigt und unlustig zu einem Feldzug.

Da nun die Athener merkten, daß jene aus Geringschätzung ihrer Schwäche solhce Rüstungen betrieben, so wollten sie ihnen doch zeigen, daß sie sich in ihrem Urtheil getäuscht hätten, und daß sie selbst wohl im Stande seien, sich der vom Peloponnes ansegelnden Flotte zu erwehren, auch ohne ihre Schiffe von Lesbos wegzuziehen. Sie bemannten also aus ihrer eigenen Bürgerschaft, die Ritter und Pentakosiomedimnen ausgenommen, und aus ihren Beisitzern '') hun­ [*]( 11) Die gesammte athenische Bürgerschaft war durch Solon in vier Steuer- klassen eingetheilt worden: l) die Pentakosiomedimnen, d. h. solche, die auf eigenem Boden über 500 Medimnen (1 Med. 2K30 Par. Cub.Zoll) trockenen, oder 500 Metreten (I Metr. 1SS0 Pan Cub.Zoll) nassen Produktes zogen und versteuerten, was einem Versteuerungskapital von mindestens 1 Talente — 1375 pr. Thlr. entspricht); 2) die Hippeis d.i^Ritter versteuerten über 300 Medimnen, d. i. mehr als 3000 Drachmen (die Dr. — 5 Ggr. K Ps.); 3) die Zeugiten d. i. die noch ein Gespann von Zugthieren halten können, versteuerten über 150 Medimnen, d. i. mehr als 1000 Drachmen; 4) die Thetes, waren steuerfrei, dafür aber auch von Aemtern und Würden ausgeschlossen. — Die Metöken d.i. Beisitzer ohne Bürgerrecht, jedoch durch Vermittlung eines Bürgers, des ProstateS, des gesetzlichen Schutzes genießend, zahlten jährlich IS Drachmen, wobei die Familie inbegriffen ist; einzelne Frauenzimmer K Drachmen. Wer diese Summe nicht entrichtete, wurde als Sklave verkauft. — Im Jahr 3 78 v. Chr. wurde unter dem Archon Naus inikos eine neue Schätzung eingeführt, welche auch das bewegliche Vermögen veranschlagte und einen Theil des Gesammtvermögens als zu versteuerndes Kapital bestimmte. Die höchste Klasse mußte den fünften Theil des Gesammtvermögens versteuern, so Demosthenes, der 15 Talente besaß, 3 Talente; jede folgende einen geringeren Theil. Dazu kamen aber noch andere Leistungen für die Reicheren. Jeder Bürger, der drei Talente oder darüber besaß, kam regelmäßig ein Jahr um das andere an die Reihe, die Kosten einer Leiturgie zu tragen. Die ordentlichen d. i. die regelmäßig wiederkehrenden Leiturgie n waren: 1) die Chöre gie d. i. Besorgung deS Chors für Tragödie, Komödie, Satyrspiel, festliche Aufzüge u. f. w., bestehend in Ausbringung des Personals für Gesang, Musik und Tanz, Besoldung des Lehrers, Stellung von Gewand und Schmuck u. s. w., was 2000 — 3000 Drachmen ausmachte. 2) Die Ohmnasiarchie, Bezahlung und Verköstigung der Wettkämpfer zu einem Fest. Die theuerste war die Lainpadarchie, d. i. Besorgung eines Wettlausä mit Fackeln. 3) Hestiasis, Bewirthung der Stammgenossen d. i. von ungesähr 2000 Gästen, die derselben Phyle, Stammsamilie, angehörten. 4) Die )

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der! Schiffe, gingen damit unter Segel und zeigten sich beim Isthmos [*]( 428 v. Chr. ) und landeten am Peloponnes, wo es ihnen beliebte. Da sahen diel Lakedämonier, wie sehr sie sich getäuscht hatten, und meinten nun, die Lesbier hätten ihnen die Wahrheit nicht gesagt, nnd da sie die Sachlage für sehr schwierig hielten, so kehrten sie nach Hause zurück, zumal auch die Bundesgenossen nicht zur Stelle waren und überdies; gemeldet wurde, daß auch.die in den peloponnesischen Gewässern befindlichen dreißig Schiffe der Athener die Landschaften in der Nähe ' ihrer Stadt verheerten. Später rüsteten sie dann eine Flotte, um sie nach Lesbos zu schicken, und schrieben bei den Städten eine Anzahl von vierzig Schiffen ans und machten den Alkiadas zum Admiral über dieselben, der die Fahrt dorthin unternehmen sollte. Inzwischen waren auch die Athener mit ihren Schiffen nach Hause gegangen, da sie auch jene hatten abziehen sehen.

Um die Zeit, als diese Schiffe auf die Fahrt gingen, [*]( Archetheorie, Besorgung der Festgesandtschast zu den großen Spielen nach Delos (vgl. Thuk. M. 104). — Die außerordentliche Leiturgie, die Trierarchie, war die kostspieligste; ein Schiff, zu welchem der Staat Rumpf und Mast geliefert hatte, war fertig auszurüsten, zu bemannen nnd weiter in Stand zu halten. Sold und Verpflegung der Mannschaft bestritt der Staat. — Diese Leistungen stellten. daS Gleichgewicht in der Besteuerung her, verliehen dem öffentlichen Leben Glan, und erhöhtes Interesse nnd waren für den Leistenden eine Ehrensache. — > ) [*]( Wie die Theilnahme an öffentlichen Aemtern und Würden von der Steuer- klasse abhing, der Einer angehörte, so auch die Theilnahme am Kriegsdienst. Die , Pentakosiomedimnen dienten als Hopliten, Schwerbewaffnete, jeder mit einem Waffenknecht, die Hippeis als Reiter. Die Thetes standen nicht in den Kriegsrollen verzeichnet, zogen aber nach den Perserkriegen doch als Leichtbewaffnete mit aus, oder versahen, wie an unserer Stelle, mit den Zeugiten den Flottendienst. Zuweilen wurden sie auch auf Staats- kosten oder von reicheren Bürgern als Hopliten ausgerüstet. Ebenso die Beisitzer (Metöken). In der äußersten Noth, wie bei Marathon und bei den arginufischen Inseln, wurden auch Sklaven aufgeboten. Die in der letzteren Schlacht mitfochten, erhielten das Bürgerrecht. — Uebrigenskonnte jeder Bürger, auch wenn er noch nicht in den Musterrollen stand oder schon daraus gestrichen war, so 'srilh oder so lange er Waffen tragen konnte, mitziehen. Mit dem Ausgang des peloponnesischen Krieges war jedoch der Eifer erkaltet und es fand nun schon die Söldnerei Eingang. Vergl. Wachsmuth, hellen. Alterthumsknnde II, l. )

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[*]( 428 v. Chr). hatten die Athener die größte Anzahl trefflicher Fahrzeuge zugleich in Thätigkeit, obwohl zu Anfang des Krieges eine nahezu gleiche, wenn nicht eine größere Zahl vorhanden war Denn Attika und Euböa und Salamis wurden durch hundert Fahrzeuge bewacht, und in den peloponnesischen Gewässern kreuzten andere hundert, und außerdem waren noch die bei Potidäa und an andern Punkten aufgestellten vorbanden, so daß in dem einen Sommer im Ganzen nicht weniger als zweihundertundsünszig Schiffe im Dienst waren und dieser Umstand vorzüglich und die Belagerung von Potidäa waren es, was den Schatz angriff; denn vor Potidäa wurde der-Dienst durch Schwerbewaffnete versehen, welche Tag für Tag zwei Drachmen Löhnung empfingen, eine für den Mann selbst, die andere für seinen Diener. Und dieser waren Anfangs dreitausend, die auch in gleicher Anzahl bis zu Ende der Belagerung blieben, und dazu noch die sechszehn- hundert bei Phormio, welche früher abzogen. Auf sämmtlichen Schiffen wurde aber dieselbe Löhnung gezahlt. Die Gelder also wurden gleich Anfangs auf diese Weise in Anspruch genommen, und an Schiffen war das die größte Zahl, welche je von ihnen bemannt wurde.

Um dieselbe Zeit, da die Lakedämonier bei dem Jsthmos standen, unternahmen die Mytilenäer zu Lande einen Zug gegen Methymne, mit eigener Bürgerschaft und mit Hülfstruppen, in Erwartung , daß die Stadt ihnen durch Verrath übergeben werde. Da aber bei ihrem Angriff die Sachen nicht so gut gingen, wie sie erwartet hatten, so zogen sie nach Antissa und Pyrrha und Eresos, gaben den Verhältnissen in diesen Städten eine ihrer Sicherheit gemäßere Gestalt, verstärkten die Befestigungen und gingen dann schleu­ [*]( 12) Diese Stelle leidet durch irgend ein Verderbnis; beS Textes an Dunkelheit. ) [*]( 13) Hiezu kommen noch die 40 Schiffe vor Lesbos. ) [*]( 14) Kriegslöhnung nebst Verpflegung war seit PerikleS eingeführt. Ein Hoplit erhielt täglich s Obolen (1 Ob. — II Pfcnn.) bis 2 Drachmen (l Dr. — 5 Ggr. S Pf.), ein Reiter das Dreifache, Seeleute 4 —S Obolen. Die thrakischen Söldner (Thuk. VII. 2 7) während beS peloponnesischen Kriegs erhielten 1 Drachme. Während Kriegszeiten sollte jeder Ueberschuß auf das Kriegswesen verwendet werden. Hierin liegt schon der Uebergang zum Söldnerwesen und zum Verfall des Staates. , )

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nigst wieder nach Hause. Nach ihrem Rückzüge unternahmen aber auch die Methymnäer ihrerseits einen Zug gegen Antissa; bei einem Ausfalle aber wurden sie von den Antissäern und deren Hülsstruppen geschlagen und verloren viele von ihren Leuten; die Uebrigen zogen in aller Eile ab. Als nun die Athener von diesen Ereignissen erfuhren, und daß die Mytilenäer zu Lande freie Hand hätten, und ihre eigenen Soldaten zur Einschließung nicht genügten, so schickten sie, als bereits der Herbst eingetreten war, den Paches, des Epikuros Sohn, als Feldherrn, und mit ihm tausend Schwerbewaffnete aus ihrer eigenen Mitte. Diese versahen auf der Fahrt auch den Ruderdienst auf den Schiffen selbst II) und schlossen nach ihrer Ankunft Mytilene mit einer einfachen Mauer ein. Hie und da an den beherrschenden Punkten wurden auch Werke aufgeführt. So war Mytilene mit Macht [*]( 427 v. Chr. ) von beiden Seiten eingeschlossen, wie zu Wasser so zu Lande, und, darüber war der Winter herbeigekommen.

Da nun die Athener noch mehr Geld brauchten um die Belagerung fortzusetzen, so legten sie sich damals zum ersten Mal eine außerordentliche Steuer auf, die sie bis auf zweihundert Talente brachten, und schickten auch zwölf Schiffe aus um bei den Bundesgenossen Geld einzutreiben. Auf diesen befehligte selbfünft Lysikles. Der nun, umherfchiffeud, betrieb sowohl anderwärts die Geldsammlung, und landete auch in Karien und zog in der Ebene des Mäander auswärts bis zum Sandischen Hügel. Die Karer und Ana'e'ter aber griffen ihn an und er selbst fiel, und mit ihm auch ein großer Theil seiner Leute.

Desselbigen Winters litten die Platäer sehr durch Mangel an Nahrung-Mitteln, denn sie wurden immer noch von den Peloponnesiern und Böotiern belagert. Nun war auf Hülfe von Athen keine Hoffnung, noch zeigte sich sonst eine Rettung, und darum beschlossen sie selbst und die, welche von den Athenern mit ihnen die Belagerung aushielten, zuerst in Gesammtheit die Stadt zu verlassen [*]( l5) Sonst waren die Ruderer, die von den Matrosen wohl zu unterscheiden sind, Bürger niederer Klassen, Sklaven oder Söldner, bei den Spartanern Heloten. Den Bürgern, deren Sklaven zur Flotte gepreßt wurden, zahlte der Staat eine Vergütung. )

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[*]( 427 v. Chr. ) und die Mauer der Feinde zu übersteigen, wenn sie es zwingen könnten. Den Anschlag dazu gaben ihnen Theänetos, des Telmides Sohn, ein Wahrsager, und Eumolpides, Sohn des Daimachos, der auch den Oberbefehl bei ihnen führte. Später aber wurde die Hälfte von ihnen wieder unentschlossen, weil sie die Gefahr für zu groß hielten, und es blieben nur ungefähr zweihundertnndzwanzig Mann freiwillig bei dem Entschlüsse und führten denselben also aus. Sie machten Leitern von gleicher Höhe mit der Mauer der Feinde. Das Maß dazu nahmen sie an den aufeinanderliegenden Schichten der Ziegelsteine, an einer Stelle, wo die ihnen zugewandte Mauer nicht überkleidet war. Es zählten nämlich mehrere von ihnen zugleich diese Schichten, und hätte auch der Eine oder Andere sich geirrt, so konnte sich doch die Mehrzahl in der richtigen Zählung nicht täuschen, zumal sie auch öfter zählten und die Mauer überdies; nicht weit entfernt war, sondern die Stelle derselben, die sie brauchten, ziemlich genau gesehen werden konnte. Auf diese Weise nahmen sie das Maß zu den Leitern, indem sie nach der Dicke der einzelnen Steine die nöthige Länge bestimmten.

Die Mauer der Peloponnesier war aber auf folgende Weise gebaut. Sie bestand aus zwei Ringmauern, deren eine gegen Platäa gerichtet und die andere für den Fall berechnet war, wenn allenfalls von Athen aus aus die äußere Seite ein Angriff geschähe. Diese beiden Ringmauern waren ungefähr sechszehn Fuß von einander entfernt. Der Zwishcenraum war zu Hütten für die Besatzung vertheilt und ganz ausgebaut. Das ganze Werk war nirgends unterbrochen , so daß es wie eine einzige dicke Mauer ershcien, die nach beiden Seiten Brustwehren hatte. Jedesmal nach der zehnten Brustwehr kam ein großer Thurm, von gleicher Breite wie das Werk, so daß dieselben auf der einen Seite bis an die innere, und auf der ander« Seite bis an die äußere Ringmauer reichten und man nicht an ihnen vorüberkommen konnte, sondern durch sie hindurch gehen mußte. Ju Nächten nun, wenn das Wetter stürmisch und feucht war, ließeu sie die Brustwehren unbesetzt und versahen die Wache von den Thürmen herab, die nicht weit von einander abstanden und oben überdacht waren. So war die Mauer eingerichtet, mit der sie die Platäer umschlossen hielten.

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