History of the Peloponnesian War
Thucydides
Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.
„Bedenket auch, daß ihr jetzt bei der Mehrzahl der Hellenen als Muster der Bravheit geltet, wenn ihr aber entscheidet über uns, was sich nicht gebührt, — und eure Entscheidung kann nicht unbe-
„Doch bitten wir euch bei den Göttern, bei denen wir einst unseren Waffenbund beshcwuren, und bei unserem Verdienst um die Hellenen: lasset euch bewegen und ändert euren Entschluß, wenn ihr den Thebanern bereits schon ein Versprechen gegeben habt. Wir fordern als Belohnung unseres Verdienstes, daß ihr nicht solche tödtet, die zu tödten sich nicht geziemet, und daß ihr lieber um einen Dank werbt, der mit der Ehre besteht, als um einen, der Schimpf bringt. Wollet nicht Andern ein Vergnügen machen, indem ihr selbst Unehre auf euch nehmet! Unsere Leiber sind wohl schnell abgethan, schwer aber ist es, Schande vergessen zu machen. Denn ihr werdet an uns keine Feinde bestrafen, was ganz nach Recht geschähe, sondern freundlich Gesinnte, die nur die Noth zwang zu den Waffen zu greifen. Nach Recht also würdet ihr entscheiden, wenn ihr uns des Lebens sichertet und bedenken wollt, daß wir freiwillig und mit aufgehobenen Händen flehend zu euch gekommen sind — und die Hellenen haben unter sich das Gesetz, daß solche nicht getödtet werden dürfen — und
„Es will sich zu eurem Ruhme nicht schicken, ihr Lakedämonier, weder daß ihr so am hellenischen Recht und an euren Vorfahren sündigt, noch daß ihr eure Wohlthäter fremdem Haß zu Liebe, und ohne daß ihr selbst beleidigt wäret, dem Verderben übergebt. Ihr solltet uns schonen und die Härte eure? Herzens brechen, indem ihr mitleidig, wie es geziemt, nicht nur die Furchtbarkeit des Schicksals bedenkt, das wir leiden sollen, sondern auch, Männer welcher Art es sind, die solches dulden müssen, und wie unberechenbar es ist, wie viele das Verderben unschuldig trifft. Und wir, wie es uns geziemt und die Noth uns zwingt, nahen euch als Bittende, indem wir aufrufen zu den Göttern, die auf gleichen Altären von allen Hellenen verehrt werden , daß sie euren Sinn uns gnädig stimmen ; wir halten euch die Eide vor, die eure Väter geschworen, und bitten euch flehentlich, nicht zu vergessen der Gräber eurer Väter, und bei diesen Todten rufen wir euch an: gebt uns nicht in die Hände der Thebaner und überliefert die euch so freundlich Gesinnten nicht ihren bittersten Feinden! An
So redeten die Platäer. Die Thebaner aber, aus Furcht, die Lakedämonier möchten auf die Rede jener weich werden, traten auch vor und sagten, sie selbst wollten auch eine Rede halten, da auch jenen wider ihr Erwarten länger das Wort gestattet worden sei, als zur Beantwortung der Frage nöthig war. Als jene nun sie reden hießen, so sprachen sie wie folgt:
„Wir hätten nicht verlangt, eine Rede halten zu dürfen, wenn auch jene aus die gestellte Frage in Kürze geantwortet und nicht, gegen uns sich wendend, Anklagen erhoben und von der Sache abschweifend sich selbst vertheidigt hätten, wo Niemand sie anklagte, und gelobt, wo Niemand sie getadelt hat. Wir haben nun dem Einen zu widersprechen und den Ungrund des Andern zu beweisen, damit weder unsere angebliche Bosheit ihnen zu Statten komme, noch auch ihre hohe Einbildung von sich selbst, sondern ihr über beides die Wahrheit höret und danach entscheidet. Wir geriethen mit ihnen zuerst damals in Zwist, als wir nach dem Anbau des ganzen übrigen Böotiens Platäa gründeten und zugleich damit auch einige andere Plätze, die wir in Besitz genommen, nachdem wir die Bewohner, Leute aus allerlei
„Zur Zeit aber, als der Barbar gegen Hellas heranzog, sagen sie, hätten von allen Böotiern sie allein es nicht mit den Medern gehalten, und damit brüsten sie sich selbst am meisten und machen uns eine Schande daraus. Freilich nun, geben wir zur Antwort, hielten sie nicht mit den Medern, weil eben die Athener es auch nicht thaten; dafür haben sie aber, als später auf dieselbe Weise die Athener gegen die Hellenen auszogen, von allen Böotiern allein es mit den Athenern gehalten. Und nun überlegt einmal, in welcher Versassung unsere beiden Staaten waren, als der eine und der andere jenes thaten! Unsere Stadt wurde damals weder oligarchisch mit sonst gleichen Rechten für die Bürger regiert, noch auch in demokratishcer Weise, sondern es lenkten, was von einem gesetzlichen nnd maßvollen Zustande am weitesten abliegt und der Tyrannis am nächsten steht, wenige Männer mit gewaltsamer Herrschaft die Regierung. Und diese hofften zu eigenem Vortheil die Zügel noch stärker fassen zu können, wenn erst der Meder gesiegt hätte, und darum führten sie ihn in's Land herein, indem sie das Volk mit Gewalt im Zaum hielten. Es war also nicht die Gesammtheit der Bürger, die dieß thaten, denn es fehlte die freie Selbst- bestimmung; und es ist nicht Recht, ihnen daraus einen Vorwurs zu machen, da doch nur während eines gesetzlosen Zustandes der Fehler begangen wurde. Vielmehr muß man untersuchen, wie wir uns später benahmen, als dann der Meder abzog und wir unsere gesetzmäßige Verfassung wieder erhielten. Als da die Athener heranzogen und wie das übrige Hellas so auch unser Land zu unterwerfen versuchten, und sie bei dem herrschenden Parteizwist auch schon einen großen Theil desselben genommen hatten, haben wir da nicht bei Koronea mit [*]( 33) Hyanter, Thraker, Pelasgcr. Strabo S, 2. S. 401. vgl- Thuk. I. 12. ) [*]( 34') Vgl. l. 113 und II. 2. ) [*]( Thukydides. III. ) [*](16)
„So viel sei zu unserer Rechtfertigung gesagt, warum wir auf Seiten der Perser standen. Jetzt aber wollen wir zu beweisen suchen, daß ihr Platäer den Hellenen viel größeres Unrecht zugefügt habt und jede noch so harte Züchtigung viel eher verdient als wir. Um euer Recht gegen uns zu wahren, so sagt ihr, wäret ihr Bundesgenossen und Bürger^) der Athener geworden. Nun, dann hättet ihr sie ja nur gegen uns zu eurer Hülfe herbeiziehen dürfen, und nicht mit ihnen gegen Andere zu Felde ziehen; denn dieß stand ja in eurem Belieben, auch sofern ihr von den Athenern gegen euren Willen wozu gezwungen werden solltet, da ja bereits der Lakedämonische Waffenbund gegen den Perser vorhanden war, auf den ihr euch in eurer Vertheidigung immer beruft. Denn derselbe genügte, euch vor unserem Angriffe zu schützen und, was da? Bedeutendste ist, euch Sicherheit der freien Berathung und Entschließung zu gewähren. Aber freiwillig und nicht mehr gezwungen habt ihr lieber die Partei der Athener gewählt. Nun sagt ihr weiter, es sei schimpflich, seine Wohlthäter zu verrathen; ja, aber viel schimpflicher und ungerechter war es, die Gesammthellenen zu verrathen, zu denen ihr doch geschworen hattet, als die Athener allein, denn diese wollen Hellas knechten, jene aber es frei machen. Sodann ist die Art, wie ihr eure Dankbarkeit zeigt, der Natur der Wohlthat nicht entsprechend, denn ihr habt sie zu Hülfe gernfen, wie ihr sagt, weil euch selbst Unrecht geschah, und doch habt ihr jenen selbst mitgeholfen, Andern Unrecht anzuthun. Oder ist es etwa schimpflicher, einen entsprechenden Dank gar nicht abzustatten, als einen solchen, den man zwar um der Sache der Gerechtigkeit willen schuldig geworden ist, aber nur unter Verletzung der Gerechtigkeit abstatten kann?" [*]( 35) Das hier erwähnte Bllrgerthum kann sich nur daraus beziehen, daß dem 427 eingetretenen Vollbürgerrecht vielleicht die Erlaubniß der Wechselheirathen zwischen Platäern und Athenern, oder auch Isopolitie, d. i. Bürgerrecht zweiten GradeS, ohne Stimmrecht und Anspruch auf Aemter, voranging. )