History of the Peloponnesian War
Thucydides
Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.
Die übrigen Männer indessen, welche Paches, als am Abfalle zumeist schuldig, geschickt hatte, ließen die Athener auf Kleon's Vorschlag hinrichten; es waren ihrer aber einige über tausend. Auch rissen sie der Mytilenäer Mauern nieder und nahmen ihre Schiffe weg. Späterhin legten sie zwar den Lesbiern keine weiteren Steuern auf, theilten aber all ihr Land, nur das Gebiet der Methymnäer ausgenommen , in dreitausend Ackerloose. Davon schieden sie dreihundert aus und heiligten sie den Göttern, aus die übrigen aber schickten sie als Loosherren diejenigen aus ihrer Mitte, die das Loos getroffen hatte Diesen mußten die Lesbier, die das Land selbst zu bebauen [*]( 30) Vor den Perserkrieg«n wurde der Doppelzweck der Versorgung ärmerer Bürger und Gewinnung oder Sicherung der Herrschaft über irgend einen gelegenen Punkt durch Kolonien (Apoikien) erreicht. Deren Gelingen hing aber vom Glück ab? es war eine Art Auszug auf Abenteuer zur gefahrvollen Gründung neuer Städte und zur mühsamen Ueberwachung jungsräulichen Bodens. Jetzt aber, nachdem Athen bereits zu großer Macht gelangt war, bot sich ein viel bequemeres Mittel, beide Zwecke zu erreichen, die Kleruchien, d. i. AckerlooSvertheilungen. Erobertes Land wurde, besonders häufig seit Perikles, an athenische Bürger durchs Loos vertheilt, und so wurde bereits bebautes Land und ein schon geordneter Besitzstand ohne alle Mühe rechtskräftig erworben. Der neue Loosherr oder Kleruch blieb dabei athenischer Bürger und konnte auf dem neuerworbenen Gute leben oder auch in der Stadt. Doch ist anzunehmen, daß diejenigen Kleruchen, welche in Athen kein liegendes Vermögen zurückließen, und das muß wohl bei der größeren Zahl der Fall gewesen sein, den blei. benden Aufenthalt auf ihrem neuen Ackerloose nahmen, ohn- welchen Umstand wohl auch der Zweck der politischen Unterwerfung und Behauptung der treuen Eroberung )
Desselbigen Sommers nach der Einnahme von Lesbos unternahmen die Athener unter Führung des Nikias, des Sohnes des Nikeratos', einen Zug wegen der Insel Minoa, welche vor Megara liegt. Auf derselben hatten die Megarenser einen Thurm gebaut und bedienten sich ihrer anstatt eines Vorwerks. Nikias dachte aber, die Athener könnten auf derselben einen Wachposten halten, der ihnen näher gelegen sei als Budoron und Salamis, damit die Peloponnesier nicht mehr, wie früher geschehen war, mit ihren Dreiruderern oder Kaperschiffen von dort unbemerkt auslaufen könnten , und ihnen auch die Zufahrt nach Megara abgeschnitten wäre. Er warf also zuerst mit seinem Sturmzeug vom Meere aus zwei vorspringende Thürme von Nisäa nieder, machte darauf die Einfahrt in den Raum zwischen der Insel und dem Festlande frei , und sperrte dann die dem Festlande gegenüberliegende Seite der Insel durch eine Mauer ab, da man hier der vom Lande nicht weit abliegenden Insel vermittelst einer über die Untiefen geschlagenen Brücke zu Hülse kommen konnte. Nachdem er dieß in wenigen Tagen ausgeführt und auf der Insel noch eine Verschanzung sammt Besatzung zurückgelassen hatte, zog er mit dem Heere wieder ab.
Um dieselbe Zeit in diesem Sommer gaben sich auch die Platäer, die keine Nahrungsmittel mehr hatten und der Belagerung [*]( kaum erreicht worden wäre. Die alten Bewohner wurden theils ganz auSgetrieben, wie auf Slegina, Thuk. II, 27, theils blieben sie als zinspflichtige Pachtbauern, wie in diesem Falle. Die Zahl der Kleruchen war oft sehr groß. So gingen 4000 Kleruchen nach Euböa, um die Ländereien der chalkidischen Hippoboten in Besitz zu nehmen (Herodot V, 77), 2000 sandte PerikleS nach Histiäa. Platon's Vater und Aristophanes waren Kleruchen aus Aegina, Epikur's Vater aus SamoS. — Diese besonders von PerikleS in demokratischem Sinne ausgebeutete Maßregel hob allerdings für den Augenblick die Macht Athens sehr, war aber auch einer der Hauptgründe zum Haß der Bundesgenossen, wie der Gegner. )
„Unsere Stadt haben wir euch übergeben, ihr Lakedämonier, weil wir auf euer Wort hin vertrauten, nicht vor einem solchen Gerichte stehen zu müssen, sondern daß es gesetzlicher ausfallen werde, und wir nahmen eure Bedingungen an, um vor keinen anderen Richter gestellt zu werden, als vor euch selbst, wie dieß jetzt auch wirklich der Fall ist, weil wir glaubten, bei euch das billigste Urtheil zu finden. Nun aber fürchten wir, daß wir uns in Beidem betrogen haben, denn wir müssen mit Recht argwöhnen, daß es sich hier um das Schrecklichste handle, und daß ihr nicht den Ruhm billiger Richter davontragen werdet. Wir schließen das, weil von euch keine Voranklage gestellt worden ist, gegen die wir uns zu rechtfertigen hätten, sondern wir selbst haben um die Erlaubniß zum Reden bitten müssen, und
„Gleichwohl wollen wir vorbringen, was wir an Rechts- gründen in Betreff unserer MißHelligkeiten mit den Thebanern haben, und die Erinnerung an das wachrufen, was wir euch und den andern Hellenen Gutes gethan, und eben damit wollen wir euch zu überreden versuchen. Auf eure kurze Frage, ob wir in dem gegenwärtigen Kriege um die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen uns ein Verdienst erworben, geben wir zur Antwort: Fragt ihr uns als Feinde, so ist euch von uns kein Unrecht geschehen, wenn ihr nichts Gutes von uns empfangen habt; laßt ihr uns aber als Freunde gelten, so habt ihr das größere Unrecht begangen, da ihr uns mit Krieg überzöget. Sowohl im Frieden als auch im Kampfe gegen die Meder haben wir uns als wackere Männer erzeigt, denn den Frieden haben wir jetzt nicht zuerst gebrochen, und damals haben wir allein von allen Böotiern zur Befreiung von Hellas die Waffen mit euch vereinigt. Denn obwohl wir Festlandsbewohner sind, haben wir doch zur See bei Artemision mitgekämpft, und in der Schlacht, die hier auf unserem eigenen Boden geliefert wurde, haben wir bei euch und dem Pausanias gestanden, und wenn damals noch sonst etwas Anderes sich ereignete, woher den Hellenen Gefahr drohte, so haben wir über Vermögen an Allem uns betheiligt, und euch insbesondere, ihr Lakedämonier, als damals die
„In den großen Ereignissen der alten Zeit haben wir uns also als solche Männer zu zeigen getrachtet; eure Feinde aber sind wir erst später geworden, und davon trüget ihr die Schuld; denn da wir um eure Bundesgenossenschast nachsuchten, weil uns die Thebaner zu vergewaltigen trachteten, habt ihr uns zurückgewiesen und gerathen, uns an die Athener zu wenden, da diese näher bei uns, ihr aber zu weit entfernt wohntet. In diesem Kriege aber habt ihr von uns nichts Sonderliches zu leiden gehabt, noch durftet ihr es überhaupt erwarten. Wenn wir trotz eures Befehles von den Athenern nicht abfallen wollten, so haben wir damit kein Unrecht gethan, denn auch jene haben uns gegen die Thebaner beigestanden, als ihr uns von der Hand wieset. Sie zu verrathen wäre nicht schön gewesen, zumal wir von ihnen nur Gutes empfangen und sie durch unsere eigenen Bitten zu Bundesgenossen gewonnen und an ihrem Bürgerrecht Theil erlangt haben. Vielmehr war es selbstverständlich, daß wir ihren Befehlen eifrig nachkamen. Was aber ihr beiden ^Lakedämonier und Atheners als Führer euren Bundesgenossen vorshcriebet, davon fällt keine Schuld [*]( 31) Zugleich mit den Athenern. Vergl. l, 102. ) [*]( 32) Dieß ist ein Beispiel der Einbürgervng in Masse zur Belohnung der Anhänglichkeit, das den Athenern viel Lob eintrug. Der Volksbeschluß lst aus demselben Jahre 427 (Ol. SS, 1.). Die Platäer sollten alle Rechte athenischer Vollbürger haben, mit Ausnahme der Zulassung zu Familienopfern und zur Arhcontenwürde; denn hiezu war Vollbürgerthum im dritten Gliede erforderlich. Der Name Platäer blieb jetzt in Athen Bezeichnung für Neu bürg er. Aristophanes, Frösche (als die Sklaven, die bei den Arginusen mitgefochten hatten, das Bürgerrecht erhielten: Schande wär's, wenn Jeder, der nur eine Seeschlacht mitgemacht, Gleich Platäer würd', und ehmalS Sklave, nun ein freier Herr. Später wurden die Platäer als Kleruchen nach dem entvölkerten Skione versetzt (im Jahr 421. That. V, 32). Nach dem antalkidischen Frieden wurde die Stadt- wieder aufgebaut (3S7?), 373 aber zum zweiten Mal zerstört, woraus die Vertriebenen abermals in Athen Wohnort und Bürger-recht fanden. )
„Die Thebaner haben uns aber gar viele Beleidigungen zugefügt, und die letzte kennt ihr selbst, in deren Folge wir eben dieß jetzige Unglück leiden. Denn sie haben unsere Stadt mitten im Frieden und dazu noch am Neumondsfeste überrumpelt, und wir haben sie nach gutem Rechte dafür gestraft und nach dem Gesetze, das für Alle gilt, daß es erlaubt und Pflicht ist, sich des angreifenden Feindes zu erwehren; und es wäre Ungebühr, sollten wir jetzt dafür büßen: denn wenn ihr zu eurem und jener augenblicklichem Vortheil das Recht nach eurer feindseligen Gesinnung schöpfen wollt, so werdet ihr nicht als wahrhafte Richter nach Recht und Billigkeit dastehen, sondern als Diener eures Vortheils. Und wenn ihr nun wirklich denkt, daß die Thebaner euch nützlich sind, so waren wir und die andern Hellenen es doch in höherem Grade damals, als ihr in größerer Gefahr schwebtet. Denn jetzt seid ihr Andern furchtbar, gegen die ihr zu Felde zieht, damals aber, als der Barbar Allen die Knechtschaft brachte, standen diese auf seiner Seite. Und wenn nun schon von uns gefehlt sein soll, so ist es billig, daß ihr diesen Fehl mit unserem damaligen Eifer aufwägt, und ihr werdet finden, daß dieser überwiegt, zumal in Anbetracht der Zeit, wo es unter den Hellenen ein großes Ding war, wenn Einer seine Tapferkeit der Macht des Xerxes entgegenstellte, und die noch höheres Lob gewannen, welche beim Anzug der Barbaren nicht für sich selbst Vortheil und Sicherheit erseilschten, sondern lieber unter Gefahren die edelsten Güter daran setzen wollten. Unter diesen waren auch wir, und damals auf's Höchste geehrt, müssen wir nun wegen derselben Denkart unsern Untergang fürchten, weil wir es vorzogen, lieber nach Recht und Billigkeit zu den Athenern, als um unseres Vortheils willen zu euch zu stehen. Und doch sollte man sich als solcher zeigen, der über dieselben Dinge auch immer dasselbe Urtheil fällt. Und man sollte doch nichts Anderes für wahrhaft nützlich erachten, als wenn man einen Vortheil, den die Gelegenheit bietet, mit treuer Dankbarkeit gegen rechtschaffen Bundesgenossen vereinigen kann."