History of the Peloponnesian War

Thucydides

Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.

„Dadurch habt ihr gezeigt, daß ihr auch damals nicht der [*]( 427 v. Chr. ) Hellenen wegen allein nicht zu den Medern gehalten habt, sondern nur < weil auch die Athener es nicht gethan haben; ihr wolltet eben dasselbe thun wie diese und das Gegentheil von jenen. Jetzt aber verlangt ihr, daß auch von diesen hier die Tapferkeit belohnt werde, die ihr Andern zu Liebe gezeigt habt. Das ist nicht in der Ordnung. Habt ihr die Partei der Athener vorgezogen, so theilt jetzt mit ihnen auch die Gefahr und beruft euch nicht immer auf jenen Bundesfchwur, als ob euch der jetzt Rettung bringen sollte. Ihr seid längst davon zurück- getreten und seid ihm untreu geworden, denn ihr habt die Aegineten und andere Eidgenossen lieber unterwerfen helfen, als daß ihr es gehindert hättet, und das aus ganz freier Wahl und indem ihr eure freie Verfassung hattet, wie sie noch jetzt ist, und Niemand euch zwang, wie es uns geschah. Habt ihr doch noch die letzte Aufforderung vor eurer Einschließung, daß ihr euch ruhig verhalten solltet und keiner von beiden Parteien zu helfen brauchtet, zurückgewiesen! Wen träfe nun der Haß aller Hellenen gerechter als euch, die ihr zum Verderben jener eure Tapferkeit gezeigt habt? Und wenn ihr einmal Bravheit an den Tag gelegt habt, wie ihr sagt, so habt ihr jetzt gezeigt, daß das nicht eure eigentliche Natur war; wonach aber diese immer begehrte, das ist nun in seiner wahren Gestalt an's Licht gebracht; denn ihr seid mit den Athenern den Weg der Ungerechtigkeit gewandelt. Was es mit unserer unfreiwilligen Perser- und eurer freiwilligen Athenerfreundfchaft für eine Bewandtniß hat, haben wir hiemit dargethan."

„Was nun unser letztes Unrecht gegen euch betrifft, daß ihr nämlich sagt, wir seien wider alles Recht mitten im Frieden und zur Zeit des Neumondfestes gegen eure Stadt gezogen, so glauben wir auch hierin nicht schuldiger zu sein als ihr selbst. Sind wir aus eigenem Antriebe fechtend gegen eure Stadt gerückt und haben, wie Feinde zu thun pflegen, euer Land verwüstet, so sind wir schuldig; wenn aber Männer, die durch Reichthum und Geschlecht unter euch die ersten waren, in der Absicht, euch von dem auswärtigen Waffenbündniß abzubringen und zum gemeinsamen Bunde der Gesammtböoten zurückzuführen, uns aus freiem Antrieb ihrerseits herbeigernsen haben, [*]( 36) Vgl. II. 2. ) [*]( 16* )

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[*]( 427 v. Chr. ) worin besteht dann unser Unrecht? Da ist doch die Schuld eher auf Seiten der Führer als bei denen, die nur folgen. In der That aber haben nach unserem Urtheil weder jene gefehlt, noch auch wir. Sie waren Bürger so gut als ihr und haben mehr als ihr auf's Spiel gesetzt, als sie uns die Thore öffneten. Und indem sie uns in freundlicher , nicht in feindlicher Absicht in eure Stadt brachten, wollten sie nur die Schlechteren unter euch hindern, noch schlechter zu werden, und die Besseren in die verdienten Rechte einsetzen. Sie wollten eure Einsicht zur Vernunft lenken und die Stadt keineswegs ihrer Bürger berauben, sondern sie nur der eigenen Stammverwandtshcaft zurückgeben und euch mit Niemanden verfeinden, sondern mit allen Parteien gleich freundlich stellen."

„Daß wir aber nicht als Feinde aufgetreten sind, zeigt unser Benehmen: Nicht nur daß wir Niemanden ein Leids angethan, haben wir vielmehr von vorn herein verkündet, wer eine Staatsverfassung nach der väterlichen Weise aller Böotier wolle, der möge zu uns treten. Ihr fügtet euch dem auch ganz willig, gingt einen Vergleich mit uns ein und verhieltet euch anfangs ruhig; dann aber, als ihr merktet, daß unser nur Wenige seien, da, anstatt Gleiches mit Gleichem zu vergelten — obgleich unser Verfahren allerdings etwas aufdringlich war, da wir nicht mit Bewilligung der Menge in die Stadt gekommen waren — und anstatt uns gütlich zum Abzug zu bereden, seid ihr plötzlich zu Thätlichkeiten geschritten, habt uns dem Vergleiche zuwider angegriffen und im Handgemenge Viele von uns getödtet. Und das könnten wir noch leichter vershcmerzen, denn jene haben in gewissem Sinne Gerechtes erlitten. Daß ihr aber die Andern, welche die Hände flehend emporstreckten und die ihr auch gefangen nahmt, eurem Versprechen, Keinen mehr zu tödten, zum Trotz hinterdrein dennoch hingerichtet habt, ist das nicht eine gottlose That? Und damit habt ihr euch in einer kurzen Spanne Zeit dreifach verfehlt, durch den Bruch des Vergleichs, durch die nachherige Hinrichtung der Männer, und dann, weil ihr uns mit dem Versprechen hintergangen habt, sie nicht tödten zu wollen, wenn wir euch an eurem Besitz auf dem Lande nicht schädigten. Und trotzdem behauptet ihr noch, wir seien die Schuldigen, und verlangt, für euer Theil, von aller Sühne losgesprochen zu werden. Nein, das wird nicht geschehen, wenn anders diese

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Männer hier ein gerechtes Urtheil fällen. Ihr sollt für Alles zumal [*]( 427 v. Chr. ) büßen."

„Ueber diese Dinge, ihr Lakedämonier, haben wir uns deßhalb und sowohl euret- als unsertwegen ausgelassen, damit ihr wisset, daß ihr sie mit vollem Recht zum Tode verurtheilen werdet, und daß wir mit noch heiligerem Rechte Rache an ihnen gesucht haben. Laßt euer Ohr nicht rühren durch Tugenden einer vergangenen Zeit, wenn dergleichen je wirklich vorhanden waren. Solche sollen den Bedrückten zu Statten kommen, denen aber, die schändlich handeln, müssen sie Verdoppelung der Strafe wirken, weil sie sich in einer Weise vergangen haben, wie es ihrer Art nicht geziemte. Auch ihr Winseln und Wehklagen darf ihnen nichts nützen, noch daß sie ein Geschrei anheben von den Gräbern eurer Väter und der Verödung ihrer Stadt. Wir weisen dagegen auf die Blüthe unserer Bürger hin, die viel Schrecklicheres leiden und von der Hand dieser den Tod nehmen mußten. Das waren diejenigen, deren Väter theils bei Koronea fielen, indem sie Böotien euch zubrachten, theils nun, alt und verlassen im verödeten Haus, mit viel mehr Recht euch flehend nahen, ihnen an diesen hier Rache zu, schaffen. Des Mitleids sind würdiger die, welche Unverdientes leiden mußten; wen aber die Gerechtigkeit schlägt, wie diese hier, verdient im Gegentheil eher, daß man sich darüber freue. Ihre jetzige Verlassenheit haben sie nur sich selbst zuzuschreiben; denn sie haben freiwillig die besseren Bundesgenossen von sich gestoßen. Ohne vorher beleidigt zu sein, haben sie widerrechtlich gegen uns gehandelt und dabei mehr ihrem Hasse als der Billigkeit Gehör gegeben, so daß ihre Strafe jetzt kaum ihrem Verbrechen gleichkommen wird. Denn sie werden nach dem Gesetze leiden und nicht, wie sie sagen, als solche, die im Kampfe die Hände flehend emporgehoben, sondern die sich unter der Bedingung ergeben haben, nach dem Gesetze gerichtet zu werden. Schaffet nun auch, ihr Lakedämonier, Sühnung dem Gesetze der Hellenen, das von diesen übertreten wurde, und uns, die wir wider alles Recht gelitten, stattet den schuldigen Tank ab für den Eifer, den wir gezeigt haben. Laßt unsere Sache in eurem Urtheil nicht durch dieser Leute Redekünste aus dem Feld schlagen, sondern gebt den Hellenen ein Beispiel, daß ihr nicht Wettkämpfe der Worte wollt, sondern die Thaten. Sind diese brav, so genügt kurze Meldung,

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[*]( 427 v. Chr. ) faulen Thaten freilich müssen kunstvoll geschlungene Reden einen Schleier umhängen. Wenn ihr aber als Häupter des Bundes, wie jetzt, so in jedem Falle euer Urtheil nach den entscheidenden Thatsachen kurz fällt, so wird es Einer künftig eher bleiben lassen, zur Beschönigung ungerechter Thaten schöne Worte zu suchen."

So redeten die Thebaner. Die Lakedämonier aber als Richter glaubten, sie hätten die Frage bereits richtig gestellt, ob sie nämlich während der Dauer dieses Krieges irgend einen Dienst von jenen erfahren hätten — weil sie nämlich schon in der Zeit vor diesem Kriege das Ersuchen an sie gestellt hätten, sich gemäß dem Bunde, den Pausanias nach der Besiegung der Meder mit ihnen geschlossen hatte, ruhig zu verhalten, und weil jene auch später die Anträge, die ihnen vor der Einschließung ihrer Stadt gemacht wurden, nämlich sich jenem Bunde gemäß neutral zu verhalten, nicht angenommen hätten. Demnahc glaubten die Lakedämonier, daß jene wegen Nichterfüllung dieser gere chten Forderung schon nicht mehr als Verbündete zu betrachten seien und überdies; ihnen bereits Schaden zugefügt hätten. Sie ließen also jeden einzeln vorführen und fragten ihn nochmals, ob er den Lakedämoniern und ihren Bundesgenossen während dieses Krieges irgend einen Dienst erwiesen habe, und wie er dieß verneinte, wurde er abseits geführt und hingerichtet. Verschont aber wurde nicht Einer. So starben von den Platäern selbst nicht weniger als zweihundert und dazu sünsuudzwanzig Athener, welche die Belagerung mit ausgehalten hatten; die Weiber verkauften sie als Sklavinnen. Die Stadt selbst gaben die Thebaner ungefähr ein Jahr lang Bürgern von Megara-^) zu bewohnen, die in Folge innerer Zwiste waren ausgetrieben worden, wie auch denjenigen Platäern, die zu ihrer Partei gehalten und noch am Leben waren. Später aber machten sie die ganze Stadt dem Boden gleich und bauten neben dem Tempel der Hera eine Her- [*]( 37) An die Stelle einer ganz entarteten Demokratie und zerrütteter Zustände folgte in Megara schon vor Beginn des Krieges eine oligarchische Regierung, womit der Abfall von der athenischen Bundesgenossenschaft (vgl. l. 103) gegeben war. Zu Anfang des Krieges findet sich eine oligarchische Partei wieder in der Verbannung. Zu diesen werden auch die hier erwähnten Flüchtlinge gehört haben. ) [*]( 38) Dieser Tempel spielte eine Rolle in der Schlacht bei Platäa As, )

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berge von zweihundert Fuß Länge, rings herum und unten und oben [*]( 427 v. Chr. ) mit Gemächern, und verwendeten dazu die Dächer und Thürpfosten der Platäer. Von dem Uebrigen, was sich an Erz und Eisen in der Stadt fand, machten sie Ruhebetten und weihten sie der Hera und bauten dieser auch einen steinernen Tempel von hundert Fuß Länge. Grund und Boden erklärten sie für Gemeindeland und verpachteten es auf zehn Jahre, wovon der Nutzen den Thebanern zufiel. Wie denn wohl auch überhaupt der Thebaner wegen sich die Lakedämonier so hart gegen die Platäer gezeigt haben, weil sie glaubten, jene würden ihnen in dem gegenwärtigen Kriege von Nutzen sein. Dieß Ende nahm es mit Platäa im drei und neunzigsten Jahre, seitdem sie Bundesgenossen der Athener geworden waren (519 v. Chr. G.)>

Die vierzig Schiffe der Peloponnesier indessen, welche den Lesbiern zu Hülfe gekommen waren, wurden damals auf ihrer Flucht auf der hohen See von einzelnen athenischen Schiffen verfolgt. Dann trieb sie ein Sturm an die Küste von Kreta und von hier gelangten sie einzeln nach dem Peloponnes, wo sie bei Kyllene dreizehn Dreiruderer der Leukadier und Amprakioten antrafen und dabei des TelliZ Sohn Brasidas, der dem Alkidas als Mitberather an die Seite gegeben, worden war. Als die Lakedämonier nämlich ihre Unternehmung auf Lesbos gescheitert sahen, so wollten sie ihre Flotte vermehren und nach dem von innern Unruhen heimgesuchten Kerkyra segeln, da die Athener nur mit 12 Schiffen bei Naupaktos standen; und sie wollten sich damit beeilen, damit nicht früher noch eine athenische Flotte zu Hülfe kommen könnte. Und hiezu nun rüsteten Brasidas und Alkidas.

Die Kerkyräer nämlich waren unter sich uneins geworden, nachdem die in den Seeschlachten wegen Epidamnos gemachten Kriegsgefangenen wieder zurückgekommen waren, freigegeben von den Korinthern , wie es hieß, weil sich die Staatsgastfreunde mit einer Summe [*]( Herodot IX, 52. 53. Zu der Hera, die hier verehrt wurde, betete auch PausaniaS im Beginn der Schlacht, als den Spartanern die Opserzeichen nicht günstig ausfallen wollten. Gewiß wurde dieser Tempel, schon wegen der Gräber der Gefallenen in der Nähe, sehr häufig besucht (Herodot IX, 35), weßhalb für Besucher und Wallfahrer die Herberge gebaut wurde, von der hier die Rede ist. )

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[*]( 427 v. Chr. ) von achthundert Talenten für sie verbürgt hätten, in der That aber, weil sie sich von den Korinthern hatten bereden lassen, ihnen Kerkyra wieder zuzuwenden. Und in diesem Sinne wirken sie auch, indem sie die einzelnen Bürger angingen, um sie zum Abfall von den Athenern zu bereden. Als nun sowohl ein attisches, als auch ein korinthisches Schiff Gesandte brachten und diese redend aufgetreten waren, so beschlossen die Kerkyräer, den Athenern zwar dem Vertrage gemäß Bundesgenossen zu bleiben, sich aber auch zu den Peloponnesiern so freundlich zu stellen, wie früher. Nun war dort Peithias, der aus eigenem Antrieb Gastfreund der Athener geworden war und damals zu den Volksvorstehern gehörte. Den führten jene Männer vor Gericht, indem sie behaupteten, er wolle Kerkyra den Athenern unterthänig machen. Er wurde aber freigesprochen und stellte nun seinerseits die fünf reichsten unter jenen Männern vor Gericht, mit der Beschuldigung, daß sie aus dem heiligen Haine des Zeus und des Alkinoos Wein- pfähle gehauen hätten. Jeder Pfahl aber sollte nach dem Gesetz mit einem Stater gebüßt werden. Als nun jene verurtheilt' wurden und wegen der hohen Strafsumme sich als Schutzflehcnde in die Heiligthümer begaben, um zu erlangen, daß sie in selbstgewählten Fristen abzahlen dürften, so setzte es Peithias durch, daß nach der Strenge des Gesetzes verfahren werden sollte, denn er saß auch mit im Rathe. Nach dem Buchstaben des Gesetzes aber durfte ihnen dieß nicht erlaubt werden, und als sie nun auch erfuhren, daß Peithias, so lange er noch im Rathe sitze, das Volk dahin stimmen wolle, der Athener Freunde und Feinde auch für ihre Freunde und Feinde zu erklären, so ermannten sie sich, drangen mit Dolchen bewaffnet plötzlich in die Rathsver« [*]( 39) In den alten Zeiten war das Staatsgastrecht (Proxenie) an die Person des Fürsten geknüpft, an dessen Stelle später die Staatsgemeinde trat. StaatSga st freund einer Stadt war derjenige Bürger eines andern Staates,'welcher aus irgend welchen Beweggründen freiwillig die Pflicht übernahm, die Bürger jener Stadt in seiner eigenen Heimat gastfreundlich aufzunehmen und politisch zu vertreten, wofür ihm der Staat, dessen Bürger er war, wiederum Gastsreund und zweites Vaterland wurde. Dieß Verhältnis; ist also mit unseren Consulaten zu vergleichen, nur daß der Staatsgastfreund von vorn herein nicht Bürger des vertretenen Staates war. Vergl. II. 29. ) [*]( 40) Der Silberstater ist nahezu gleich ! Thlr. pr., der Sold stater das fünffache. )
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sammlung und stießen den Peithias nebst andern Rathsherrn, wie auch [*]( 427 v. . Chr. ) einige sechzig Bürger nieder. Einige wenige von der Partei des Pei» < thias flüchteten sich auf den attischen Dreiruderer, der noch im Hafen lag.