History of the Peloponnesian War

Thucydides

Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.

„Von dem aber thun wir das Gegentheil; ja sogar noch mehr: wenn Einer im Verdacht steht, durch Geld bestochen gleichwohl das Beste zu rathen, so lassen wir aus Neid wegen dieses Geldgewinns, von dem doch nur eine unsichere Vermuthung besteht, den offenbaren Vortheil des Staates dahinsahren. Es ist nun einmal so: das Gute ohne Umschweife gerade heraus gesagt wird nicht weniger verdächtigt, als das Schlechte; die Folge davon ist: wie der schlimmste Rathgeber die Menge durch Betrügereien gewinnen muß, ebenso muß der, welcher zum Besseren räth, sich erst durch Flunkern Vertrauen gewinnen. Und so ist es denn bei uns, in Folge der Ueberklugheit, unmöglich, dem Staate durch grades Vorgehen und ohne Schliche einen Nutzen zu erweisen. Denn wer offenkundig dem Staate Gutes thut, dem wird mit dem Verdachte gelohnt, daß er im Geheimen irgendwie einen noch größeren Gewinn dabei in Aussicht habe. Gleichwohl müssen wir, trotz diesen Zuständen, wo es sich um die höchsten Dinge handelt, in dem, was wir reden, weiter sehen, als ihr Kurzsichtigen, zumal wir für unsere Vorschläge verantwortlich sind, ihr aber als Zuhörer unverantwortlich. Wenn der Ueberredende und der Zustim- [*]( 15*)

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[*]( 427 v. Chr. ) mende gleicher Gefahr ausgesetzt wären, so möchtet ihr in eurem Urtheil wohl bedächtiger sein. So aber straft ihr in eurer Hitze beim ersten besten Mißlingen einzig und allein die eine Abstimmung dessen, der euch überredet hat, und nicht eure eigenen, wenn sie auch in großer Zahl mitgesündigt haben."

„Ich bin aber jetzt weder aufgetreten, um der Mytilenäer wegen irgend Jemandem zu widersprechen, noch auch um sie anzuklagen. Denn uns, wenn wir anders klug sind, handelt es sich nicht darum, ob jene Unrecht gethan haben, sondern darum, daß wir einen klugen Entschluß sassen. Denn selbst wenn ich nachgewiesen hätte, daß sie uns tödtlich beleidigt haben, würde ich deßhalb noch nicht auch für die Hinrichtung stimmen, wenn diese uns nicht vortheilhast wäre, und ebenso wenig würde ich, wenn sie irgendwie Nachsicht verdienten, diese gewähren, wenn es mir nicht vortheilhaft für den Staat schiene. Ich meine, wir sollten unsern Beschluß mehr mit Berücksichtigung der Zukunft als der Gegenwart fassen; und hier bin ich grade in dem Punkte, worauf Kleon das meiste Gewicht legt, daß nämlich das Verhängen der Todesstrafe uns für die Zukunft von Vortheil sei, weil Abfall so leichter verhütet werde, grade der entgegengesetzten Meinung, obgleich ich eben so gut wie er dabei unser künftiges Wohl im Auge habe. Ich wünschte nicht, daß ihr zu Liebe der scheinbaren Richtigkeit seines Vorschlags den Nutzen von euch stießet, den der meinige bietet. Denn da eurer leidenschaftlichen Erregtheit gegen die Mytilenäer seine Meinung auf Gerechtigkeit gegründet scheint, so kann sie euch wohl leicht mitreißen. Aber wir haben ja keinen Rechtshandel gegen sie durchzufechten, wobei es sich um Recht oder Unrecht handelte, sondern wir berathen uns, auf welche Art wir ihre Sache am meisten zu unserm Vortheil austragen können."

„In den Staatsverfassungen ist ans vielerlei Dinge die Todesstrafe gesetzt, auch auf solche, die dem vorliegenden Verbrechen nicht gleichkommen, sondern dahinter zurückbleiben. Gleichwohl lassen sich die Menschen durch die Hoffnung anreizen, es immerhin zu wagen ; und nie hat sich Einer in diese Gefahr begeben, der sich nicht getraut hätte, mit seinem schlimmen Wagniß durchzudringen. Und ist jemals eine abtrünnige Stadt an die Ausführung gegangen, welche die Zurüstung, sei es nun eigene oder durch Anderer Kampfgenossenis

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schaft dargebotene, nach eigener Schätzung für unzureichend hielt? Es [*]( 427 v. Chr. ) liegt in aller Menschen Natur, daß sie sowohl in Privatverhältnissen, als auch gegen den Staat sündigen, und es gibt kein Gesetz, das sie davon zurückhalten kann. Sind ja die Menschen bereits durch alle Abstufungen der Strafen, sie immer steigernd, hindurchgegangen, um so vielleicht die Zahl der Verbrechen und die Menge des Uebels zu mindern. Denn gewiß standen vormals auf den größten Verbrechen mildere Strafen; da aber immerfort Uebertretungen Statt fanden, so verschärften sich die meisten im Laufe der Zeit bis zur Todesstrafe, und trotzdem achtet man auch dieser nicht. Entweder also muß man etwas noch Abschreckenderes ausfindig machen als diese, oder es gibt überhaupt nichts, was da Einhalt thun kann. Und so ist es in der That; denn einmal ist's die Armuth, 5ie durch Noth Kühnheit gebiert und zum Wagniß treibt, das andere Mal der Reichthum, der in Uebermuth und Hochmuth Habsucht erzeugt, und so auch die andern durch Leidenschaft herbeigeführten menschlichen Zustände, die alle unter dem Einfluß irgend einer unwiderstehlichen höhern Macht stehen, überall aber die Hoffnung, die Begierde. Diese macht die Führerin, jene geht mit. Diese sinnt den Anschlag aus, jene spiegelt den Beistand eines freundlichen Glückes vor, und so richten beide den größten Schaden an, und obwohl unsichtbar, sind sie doch mächtiger als Martern, die mit Augen zu sehen sind. Dazu kommt noch das Glück, das auch nicht weniger aufmunternd mitwirkt. Denn wider Erwarten gesellt es sich manchmal zu der geringeren Kraft und verleitet Einen zum Wagniß, und mehr noch ganze Staaten, da es sich da ja um die größten Dinge handelt, um Freiheit und Herrschaft über Andere, und weil jeder Einzelne, wenn er im großen Haufen mitläuft, seine eigene Kraft blindlings überschätzt. Kurz, wer mit der Gewalt der Gesetze oder durch sonst ein anderes Schreckmittel die Menschen hindern zu können glaubt, wenn die eigene Natur sie zu irgend einer That fortreißt, der glaubt das Unmögliche und beweist große Einfalt."

„Wir dürfen also nicht im Vertrauen darauf, daß die Todesstrafe jede Bürgschaft gewähre, einen nachtheiligen Entschluß fassen, noch auch den Abtrünnigen jede Hoffnung benehmen, daß es eine Möglichkeit gibt, von ihrem Fehl wieder umzukehren und ihn in möglichst kurzer Frist wieder vergessen zu machen. Ueberlegt doch, daß bei

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[*]( 427 v. Chr. ) solchem Verfahren eine abtrünnige Stadt, wenn sie die Aussicht auf Erfolg geshcwunden sieht, gewiß zu einem Vergleiche bereit sein wird, so lange sie noch im Stande ist, die Kriegskosten zu erstatten und sonst ihre Steuern zu zahlen. Welche Stadt aber, glaubt ihr wohl, werde sich bei jenem andern Verfahren nicht noch viel stärker rüsten als sonst und eine Belagerung bis zum Aeußersten aushalten, wenn es für sie ganz dieselben Folgen hat, ob sie sich vorher oder nachher ergibt? Wie aber soll für uns kein Schaden daraus erwachsen, wenn wir die Kosten einer langen Belagerung tragen müssen, weil wir jede Aussöhnung zurückweisen, und wenn wir im Fall der Einnahme eine zerstörte Stadt in die Hände bekommen und für die Zukunft ihrer Steuerzahlungen verlustig sind? Und auf diesen beruht doch unsere Kraft gegenüber dem Feinde! Wir dürfen also nicht uns selbst den größern Schaden zufügen, indem wir als Richter über die Verbrecher die Sache zu genau nehmen, sondern vielmehr darans sehen, daß wir bei mäßiger Ahndung für die Zukunft in der Lage bleiben, Städte unter uns zu haben, die zahlen können, und müssen uns selbst nicht mit der Strenge der Gesetze, sondern durch Sorgfalt unserer Vorkehrungen Sicherheit zu schaffen suchen. Thun wir aber davon nicht das Gegentheil, wenn wir einen sonst freien und mit Gewalt bezwungenen Staat, der einem natürlichen Zuge folgend durch Abfall seine Unabhängigkeit herzustellen strebt, wieder unterworfen haben und dann meinen, wir müßten ihn streng bestrafen? Freie Männer muß man nicht, wenn sie abgefallen sind, scharf züchtigen, sondern bevor sie noch abfallen , muß man scharfes Augenmerk haben und seine Vorsichtsmaßregeln ergreisen, daß sie nicht einmal auf den Gedanken kommen; hat man sie aber wieder einmal durch Waffen zum Gehorsam bringen müssen, so soll man sie die Schuld so wenig als möglich empfinden lassen."

„Nun bedenkt aber auch, wie sehr ihr euch in folgender Rücksicht verfehlen möchtet, wenn ihr dem Kleon folgt. Jetzt noch ist euch in allen Städten die Volkspartei freundlich gesinnt und betheiligt sich entweder nicht an dem Abfall der vornehmen Minderzahl, oder, wenn sie dazu gezwungen wird, verharrt sie gegen die Abtrünnigen in offener Feindschaft, und kommt es dann eurerseits zum Kriege, so habt ihr in der feindlichen Stadt die große Menge zum Bundes

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genossen. Wenn ihr nun aber das Volk der Mytilenäer hinrichtet, [*]( 427 v. Chr. ) das nicht nur keinen Antheil am Abfall genommen hat, sondern, so- i bald es nur gerüstet und bewaffnet war, allsogleich die Uebergabe der Stadt bewirkte, so vergeht ihr euch einmal, weil ihr eure Wohlthäter tödtet, und dann gebt ihr ja den Vornehmen grade die Waffe in die Hände, die sie am heißesten wünschen; dein wenn sie eine Stadt zum Abfall bringen wollen, so werden sie sogleich das Volk aus ihrer Seite haben, da ihr bereits ein Beispiel gegeben habt, wie ihr Schuldig und Unschuldig mit gleicher Strafe belegt. Aber selbst wenn das Volk euch beleidigt hätte, dürftet ihr euch nichts merken lassen, damit die einzige Partei, die noch zu euch steht, nicht in einen Feind verwandelt werde. Und ich halte es überhaupt zur Behauptung der Herrschaft für viel nützlicher, wenn wir eine Beleidigung ertragen, als wenn wir nach dem Buchstaben des Gesetzes die vernichten, die wir nicht vernichten dürfen. Und was Kleon meint, daß bei dieser Strafart dem Recht und dem Vortheil gleiche Rechnung getragen sei, das sieht Jeder ein, kann man nicht bei einander haben."

„Ihr also seid überzeugt, daß meine Ansichten richtiger sind, und gebt weder dem Mitleiden noch auch der Nachsicht zu viel Raum; denn auch ich will nicht, daß ihr euch durch sie bestimmen lasset; sondern den Gründen zu Liebe, die ich vorgebracht, folget mir: diejenigen Mytilenäer, welche Paches als die Gefährlichen hieher geschickt hat, die richtet in aller Ruhe, und die übrigen lasset im Besitze ihrer Stadt. Das verbürgt Nutzen für die Zukunft und ist abschreckend genug für unsere Feinde. Denn wer vernünftig zu Rathe geht, ist stärker dem Feind gegenüber, als wer zwar mit kräftiger That, jedoch ohne alle Vernunft auf ihn losgeht."

So sprach Diodotos. Da diese Vorschläge so ziemlich mit gleicher Stärke unterstützt, sich einander die Wage hielten, so geriethen die Athener gleichwohl noch in einen Meinungskampf, und bei der Abstimmung waren beide Parteien nahezu gleich stark; doch siegte die des Diodotos. Sie sandten nun sogleich einen zweiten Dreiruderer ab mit dem Befehl zur Eile, damit der erste nicht früher ankomme und sie die Stadt bereits vernichtet fänden, denn jener hatte einen Vorsprung von nahezu einem Tag und einer Nacht. Da nuu die Mytilenäischen Gesandten das Schiff mit Wein und Mehl versahen und

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[*]( 427 v. Chr. ) große Versprechungen machten, wenn sie jene überhalten, so wurde diese Fahrt mit solchem Eifer beschleunigt, daß die Mannschaft aß, ohne das Ruder ruhen zu lassen, Brod nämlich mit Wein und Oel eingerührt, und während eine Abtheilung der Ruhe genoß ruderten die Andern. Da nun glücklicher Weise kein widriger Wind blies und das erste Schiff mit seinem empörenden Austrage sich nicht beeilte, das andere jedoch sich also sputete, so war jenes nur um so viel srüher angekommen, daß Paches eben erst den Volksbeschluß gelesen hatte und im Begriffe war, an die Ausführung zu schreiten, als das spätere Schiff danach einlief und die Vernichtung der Stadt verhinderte. So nahe ist die höchste Gefahr an Mytilene vorübergegangen.