History of the Peloponnesian War

Thucydides

Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.

Als diese Männer und Saläthos angekommen waren, ließen die Athener den Saläthos sogleich hinrichten, obwohl er manche Versprechungen machte, neben Anderem auch, daß er die Peloponnesier zum Abzug von Platäa bewegen wolle; denn diese Stadt wurde immer noch belagert. Wegen der Mytilenäer aber berathschlagten sie erst, und in ihrer Erbitterung faßten sie Beschluß, nicht nur die nach Athen Gebrachten, sondern Alles in Mytilene, was die mann- baren Jahre erreicht habe, hinzurichten, Weiber und Kinder aber zu Sklaven zu machen. Dabei machten sie ihnen nicht nur zum besondern Vorwurf, daß sie überhaupt abgefallen, obfchon sie die Herrschaft der Athener nicht in der Art wie die Uebrigen zu ertragen hatten ^), sondern es war besonders das Erscheinen der peloponnesischen Schiffe in den Ionischen Gewässern, was ihre Aufregung vermehrte, die auf eigene Gefahr es gewagt hätten, jenen zu Hülfe zu kommen 23). Denn daraus schien hervorzugehen, daß der Abfall von [*]( 22) Weil sie eben nur Steuern zu zahlen hatten, ohne ihre Autonomie eingebüßt zu haben. Vgl. Anm. 8. ) [*]( 23) Das Erscheinen der peloponnesischen Flotte in den ionischen Gewässern war für die Athener ein höchst überraschender Wink, daß ihre Seeherrschast nicht gerade unerschütterlich fest begründet sei; ind dieß mußte einen ähnlichen Ein-)

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[*]( 427 v. Chr. ) langer Hand vorbereitet sei. Zur Uebermachung des Beschlusses schickten sie dann einen Dreiruderer an den Paches und befahlen ihm, mit den Mytilenäern so rasch wie möglich ein Ende zu machen. Am folgenden Tage schon faßte sie indeß eine gewisse Reue, und sie besannen sich, es sei doch ein unmenschlicher Beschluß und es wolle viel heißen, eine ganze Stadt zu verderben und nicht die Schuldigen allein. Als dieß die anwesenden Gesandten der Mytilenäer und ihre Freunde unter den Athenern merkten, so bearbeiteten sie die Staats- beamten, die Sache nochmals zur Abstimmung bringen zu lassen, und sie überredeten sie dazu um so leichter, da es auch ihnen selbst deutlich geworden war, daß es die Mehrzahl der Bürger gern sehe, wenn ihnen jemand die Möglichkeit biete, die Sache nochmals zu berathen. Als nun die Volksversammlung allsogleich zusammenberufen worden und Verschiedene, ein Jeder seine Meinung darlegten, so trat auch Kleon, des Kleänetos Sohn, wieder auf, der schon das erste Mal das Todesurtheil durchgesetzt hatte, übrigens auch sonst der Gewaltthätigste unter den Bürgern war und das Vertrauen des Volks wie kein Anderer damals besaß, und redete also:

„Schon oft habe ich auch bei andern Gelegenheiten einen demokratishcen Staat als unfähig erkannt, über Andere zu herrschen, nie aber deutlicher als heute, wo euch der Mytilenäer wegen Reue ergriffen hat. Weil ihr euch nämlich im täglichen Verkehr unter einander selbst furcht- und arglos benehmt ^), so zeigt ihr euch euren Bundesgenossen gegenüber ebenso, und wenn ihr hierin irgend eine Thorheit begeht, sei es nun, daß ihr euch von ihnen beschwatzen laßt, oder daß ihr eurem eigenen Mitleiden den Gesallen thut, so bedenkt ihr nicht, daß eure Weichmüthigleit weder für euch selbst gefahrlos sei, noch euch den Dank der Bundesgenossen erwerben könne. Ihr [*]( druck auf sie machen, wie heutzutage die Hebung der französischen Flotte aus die Engländer. Diese können ebensowenig einen Nebenbuhler zur See dulden, wie die Athener eS konnten. Weil es sich hierbei um Sein oder Nichtsein handelt, so heutzutage die Anstrengungen der Engländer, und damals die furchtbare Erbitterung der Athener gegen die Mytilenäer, die als die nächste Veranlassung erschienen. ) [*]( 2') Hierauf thaten sich die Athener viel zu Gute. Vergl. II. 37, wo ihnen PerikleS dieselbe Schmeichelei sagt. )

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bedenkt nicht, daß eure Herrschaft eine Gewaltherrschaft ist, daß eure [*]( 427 v. Chr. ) Unterthanen Ränke gegen euch schmieden und euer Joch widerwillig tragen. Sie werden euch nicht etwa in dem Maße lieber gehorchen, als ihr euch zu eurem eigenen Schaden ihnen gefällig erzeiget, sondern in dem Maße, als ihr eure Herrschaft über sie mehr ans eure Uebermacht, als auf ihr Wohlwollen gründet. Das Unglückseligste aber ist es, wenn Nichts von dem, was wir einmal beschlossen haben, in Kraft verbleibt, und wenn wir nicht lernen wollen, daß ein Staat, der zwar schlechtere, aber unwandelbare Gesetze beobachtet, mächtiger ist, als wenn er bei vortrefflichen Gesetzen sie nicht zur Ausführung bringt; daß geringer Verstand bei Selbstbeschcidung nützlicher wirkt als große Geschicklichkeit bei zügellosem Wankelmuth, und daß ungebildetere Leute mit ihrem Gemeinwesen meist besser zurechtkommen als gebildetere 22). Denn diese wollen weiser ershceinen als die Gesetze und immer noch Klügeres missen als das, was zum Besten des Gemeinwesens bereits gesagt worden ist, als ob es keine trefflichere Gelegenheit gäbe, ihr Licht leuchten zu lassen, und grade durch solches Benehmen bringen sie die Staaten in's Unglück. Die Andern aber in ihrem Mißtrauen in die eigene Einsicht bescheiden sich, nicht so weise zu sein wie die Gesetze und unfähig, an der Rede eines Mannes Ausstellungen zu machen, der Treffliches vorgebracht hat, und grade weil sie mehr unparteiische Richter als Parteikämpfer sind, so treffen sie meist das Richtige. So müssen auch wir es machen und nicht im Eifer, gegen Andere unsere Redetüchtigkeit und unsern Scharfsinn geltend zu machen, uns hinreißen lassen, gegen die eigene Ueberlegung euch zu irgend etwas zu bereden." '

,Ich meines Theils bleibe bei meiner Meinung, und kann [*]( 25) Dieser Grundsatz war gewiß ein Paradepferd des selbst ungebildeten Kleon. Daher AristophaneS in den Rittern, ihn verspottend: Regieren ist kein Ding für Leute Von Charakter und Erziehung! Niederträchtig, Unwissend muß man sein! Drum folge du Dem Ruf. den dir der Götterspruch verkündet! Worte, an den Wursthändler gerichtet, dem ein Orakel verheißt, daß er Kleon stürzen werde, und der sich als unfähig zum Regieren erklärt, weil er nichts gelernt habe. )

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[*]( 427 v. Chr. ) mich nur wundern über die, welche die Angelegenheit der Mytilenäer noch einmal zur Sprache bringen und damit einen Zeitverlust herbeiführen, der nur den Schuldigen zu Gute kommt. Denn dadurch wird nur der Zorneifer abgeschwächt, mit welchem der Beschädigte gegen den Schädiger vorgehen sollte, während doch nur die Rache, die der Beleidigung aus dem Fuße folgt, mit gleicher Wage die gerechte Wiedervergeltung übt. Es soll mich aber auch wundern, wer mir hierin zu widersprechen sich herausnehmen wird, und zu beweisen, daß die Verbrechen der Mytilenäer für-uns nutzbringend seien, unser Vortheil aber für die Bundesgenossen Nachtheil einschließe. Ein solcher müßte doch im Vertrauen auf seine Rednergabe den Gegenbeweis zu führen streben, nicht das Allgemein Anerkannte sei zum Beschlusse erhoben worden, oder er müßte durch Geld bestochen sein, euch durch Redekunst, die den Schein der Wahrheit borgt, hinter's Licht zu führen. Der Staat aber läßt die Siegespreise solcher Wettkämpfe Andern zukommen ; er selbst behält nur die Gefahren für sich. Und die Schuld hiervon tragt ihr, als schlechte Kampfrichter, denn euer Augenmerk richtet ihr nur auf die Reden, die Thatsachen aber hört ihr nur so nebenher mit an, und künftige Unternehmungen beurtheilt ihr nach denen, die schöne Worte darüber machen, wie leicht sie auszuführen seien, — was aber bereits geschehen ist, nach denen, die mit schönen Worten Ausstellungen zu machen wissen: nnd ihr solltet doch bedenken, daß man sich bei geschehenen Dingen besser auf seine eigenen Augen verläßt , als auf fremdes Gerede. Durch unerwartete Neuheit der Rede euch hinter's Licht führen zu lassen, versteht ihr vortrefflich, und ebenso auch, der überzeugenden Bewährtheit eines Vorschlags eure Ohren zu verschließen; denn ihr seid Sklaven des Außerordentlichen und Verächter des Gewöhnlichen. Jeder will nur selbst zum Reden kommen, und wenn nicht das, so doch mit denen, die solcherlei vortragen, wie im Wettkampf ringen, um den Schein zu vermeiden, als käme seine eigene Einsicht nur so hinterdrein, oder auch um schnell noch die eigene Ansicht auszusprechen, bevor jener noch geredet. Ihr seid ebenso flink, voraus zu errathen, was gesagt werden wird, als schwerfällig, die Folgen desselben vorauszusehen. Ihr sucht, so zu sagen, ganz andere Dinge herbeizuführen als die Zustände, in denen wir leben, und seid doch nicht einmal im Stande, die gegenwärtige
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Lage vernünftig zn beurtheilen, und kurz, ihr seid immer Sklaven [*]( 427 v. Chr. ) des Ohrenkitzels, und ihr gleicht eher den müsftgen Gaffern auf den Bänken der Sophisten 26), als Männern, die über das Staatswohl berathen."

„Davon nun möchte ich euch abbringen, und deßhalb weise ich euch nach, wie sehr diese Eine Stadt der Mitylenäer sich an euch versündigt hat. Für solche, die nicht im Stande waren, die Forderungen eurer Herrschaft zu befriedigen, oder die von den Feinden gezwungen wurden, und so abgefallen sind, für die habe auch ich Verzeihung. Bewohner einer Insel aber, und zwar einer befestigten Insel, die nur von der Seeseite her einen Angriff unserer Feinde'zu fürchten gehabt hätten — und selbst für diesen Fall waren sie durch eine Zahl ausgerüsteter Dreiruderer nicht ohne Schutz — Leute, die nach ihren eigenen Gesetzen lebten und von uns auf's Höchste geehrt wurden, — wenn die solches thaten, haben sie damit etwas Anderes gethan, als aus uns einen Angriff gemacht? Und ist das nicht eher ein Anfall als ein Abfall zu nennen? Denn Abfall findet doch nur bei denen Statt, die vergewältigt worden. Und haben sie nicht im Bunde mit unseren ärgsten Feinden uns zu verderben gesucht? Und [*]( 26) Bezieht sich besonders auf Protagoras, ProdikoS und Gorgias, welcher' letztere damals grade mit der leontinischen Gesandtschaft nach Athen gekommen war (vergl. Thuk. Ill, SK). Trotz des außerordentlich hohen Honorars — Gorgias und ProtagoraS forderten 100 Minen (die Mine — 22 Flur. 22 Ggr.) für den Lchrkurs! — strömte ihnen die Jugend zahlreich zu. Auf ihre Leichtigkeit und Spitzfindigkeit, die allerdings dem ernsten, wahrhaften Sinn nicht minder schadeten, als Kleons rohe Oberflächlichkeit, spielt hier Kleon nicht an, denn ihm, dem Ungebildeten, erscheinen sie als Vertreter der Bildung, die er haßt. Sokrates ist hier vielleicht auch schon mitgemeint. Nur fünf Jahre später fällt die Abfassung der Wolken des Aristophanes, die ihn als Sophisten verspotten. Ganz ähnlich wie Kleon hier über die Sophisten, so später sein Gegner Aristophanes in den Fröschen (405 v. Chr.), freilich von ganz andern Gesichtspunkten aus, über SokrateS: Schande, wer bei Sokrates ' Sitzen mag und schwatzen mag — In gespreizten leeren Phrasen, Düsteleien, Quäckeleien, , Faulgeschäftig sich zu üben Ist für hohle Köpfe nur!. )

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[*]( 427 v. Chr. ) das ist doch viel verbrecherischer, als wenn sie mit eigener Macht, dafern sie diese besessen hätten, kriegführend gegen uns ausgetreten wären. Weder haben sie sich das Unglück der Andern zum warnenden Beispiel dienen lassen, die bereits früher ihren Abfall von uns mit der Niederlage gebüßt haben, noch auch gab ihnen ihr gegenwärtiger Wohlstand Grund zur Besinnung, daß sie sich nicht in'S Verderben stürzten, vielmehr forderten sie die Zukunft mit großer Keckheit heraus, und geschwellt von Hoffnungen, die eben so weit über ihre Kräfte hinausgingen, wie sie noch hinter ihren Wünschen zurückblieben, haben sie den Krieg gewählt und sich nicht besonnen, Gewalt vor Recht gehen zu lassen; denn unter Umständen, wo sie glaubten, mit uns fertig werden zu können, haben sie uns angegriffen, ohne beleidigt worden zu sein. So pflegen sich ja meist die Staaten zum Uebermuth zu wenden, welchen in kurzer Zeit und unerwartet großer Wohlstand zu Theil geworden ist. Gewöhnlich ist aber das Glück, wenn es dem Menschen nach dem gemeinen Gang der Dinge zu Theil wird, beständiger, als wenn es unerwartet.gekommen ist; und man darf wohl auch sagen, daß es leichter ist, ein Unglück fern zu halten, als das Glück sich auf die Dauer zuzugesellen. Wir hätten aber den Mytilenäern schon längst nicht vor allen Andern solche Ehre erweisen sollen, so hätte ihr Uebermuth nicht so ausgeartet; denn der Mensch ist nun-einmal von solcher Art, daß er den verachtet, der ihm den Hof macht, und sich vor dem beugt, der feste Haltung zeigt. So sollen sie denn nun auch bestraft werden, wie sie es verdienen, und nicht etwa dürft ihr nur der Minderzahl die Schuld beimessen, und den großen Haufen laufen lassen. Denn Alle mit einander haben sie uns angegriffen. Hätten die Andern zu uns gehalten, so könnten sie jetzt weiter ihren Staat in Unabhängigkeit regieren; aber sie haben eben das Wagestück der Minderzahl für weniger bedenklich gehalten und sind mitabgefallen. Und wenn ihr von euren Bundesgenossen diejenigen, die freiwillig abgefallen sind, nur mit derselben Strafe belegt, wie diejenigen, die vom Feinde dazu gezwungen wurden, wer, glaubt ihr, werde dann nicht die Gelegenheit zum Abfall vom Zaun brechen, da ihm im Fall des Gelingens die Freiheit winkt, und wenn die Sache schief geht, ihn eben keine sonderliche Strafe trifft? Da wird sofort unser Vermögen und Leben von jeder einzelnen Stadt be
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droht sein. Und wenn ihr im günstigen Fall eine Stadt zu Grunde [*]( 427 v. Chr. ) gerichtet habt, wo bleiben da für die Zukunft die Steuern und Einkünfte, auf denen unsere Macht beruht? Bleiben wir aber im Nachtheil, so haben wir uns zu unsern dermaligen Feinden noch neue aus den Hals gezogen, und die Zeit über, da wir unsern jetzigen Feinden Widerstand leisten sollten, werden wir uns mit unseren eigenen Bundesgenossen herumzuschlagen haben."

„Wir dürfen ihnen also weder Hoffnung machen, daß sie durch Ueberredung, noch auch, daß sie durch Geld sich Verzeihung erwirken werden und Nachsicht, als hätten sie nur "menschlich gefehlt. Denn es war ihr eigener Wille, uns zu schaden, und mit Wissen haben sie zu unserem Verderben gearbeitet. Verzeihung verdient aber nur, was ohne böse Absicht geschah. Was ich also das erste Mal verfochten habe, dafür stehe ich auch jetzt ein und sage, daß ihr den bereits gefaßten Beschluß nicht abändern dürft, und daß euch die drei Dinge, die für jede Herrschaft das Gefährlichste sind, Erbarmung, Reiz der Rede und glimpfliche Nachsicht, uicht zu einem Mißgriff verleiten sollen. Mit mitleidigem Erbarmen soll man die Gesinnung Gleichfühlender belohnen und es nicht gegen die verschwenden, die kein Gegenerbarmen fühlen, sondern nothwendig immer uns feindselig sein werden. Und die Redner, die euch durchaus mit schönen Worten eine Freude machen wollen, mögen sich bei minder erheblichen Dingen eine Gelegenheit zum Wettkampf suchen, und nicht da, wo die Stadt einen kurzen Ohrenkitzel schwer wird büßen müssen, während ihnen selbst ihre schönen Worte schöne Summen einbringen^). Glimps- [*]( 27) Wenn hier Kleon von Bestechung der Gegner redet, so kehrt ArlstophaneZ in den Rittern dieselbe Anklage der Bestechung in derselben Sache der Mytilenäer- gegen Aleon. Dort sagt der Wursthändler: So abscheulich, wie du, hat am Volk von Athen Sich noch Keiner versündigt; Belege sind da, Und so wahr ich leb'; ich beweise dir gleich, Daß mit vierzig Minen und mehr du dich ließ'st Von den Mytilenäern bestechen! An andern Stellen Heißt'S: Von Potidäa, läugne mir's, bekamst du zehn Talente! und: WaS iss'st du gern? — Pasteten, galt-gefüllt. )

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[*]( 427 v. Chr. ) liche Nachsicht aber ist mehr gegenüber Solchen am Platz, die sich uns auch in der Zukunft voraussichtlich ergeben bezeigen werden, als gegen solche, die nichts destoweniger unsere Freunde bleiben. Kurz, wenn ihr mir folgt, so handelt ihr gerecht gegen die Mytilenäer und zugleich zu eurem Vortheil; beschließt ihr aber anders, so werdet ihr euch nicht nur den Dank Jener nicht verdienen, sondern auch euch selbst das Verdammungsurtheil sprechen. Denn thaten jene Recht, abzufallen, so käme es euch ja nicht zu, die Herrschaft zu führen. Wollt ihr diese aber, auch wenn sie ungebührlich ist, trotzdem festhalten, so müßt ihr natürlich entweder euren Vortheil wahren und jene bestrafen, oder eure Herrschaft niederlegen und in Frieden und Ruhe die Biedermänner spielen. Entschließt euch also, das euch Zugedachte als Wiedervergeltung gegen sie zu wenden, und zeigt euch, an denen die Gefahr vorübergegangen ist, nicht weniger empfindlich als die, die euch so Schlimmes zugedacht. Bedenkt doch, wie sie ganz gewiß gegen euch verfahren hätten, wenn sie Sieger geblieben wären, zumal sie selbst mit dem Unrecht begonnen haben. Denn wer ohne gerechte Ursache einem Andern Böses anthut, der ruht erst mit dessen Vernichtung, weil er wohl sieht, welche Gefahr ihm droht, [*]( Die später bei PyloS gemachten spartanischen Gefangenen hebt er auf, heißt es, um bei der Auslösung einen Profit für sich zu machen; „Äafsendieb" und „krummfingerig" wird er auch genannt. Bestechlich und unehrlich war er also jedenfalls; doch wäre das Stück mit den Mytilenäern ein sehr starkes: er müßte das Geld bereits in der Tasche gehabt und sich gedacht haben, wenn Alle todt seien, könne kein Kläger auftreten. Dergleichen ist allerdings schon vorgekommen. — Dem Volke zu Gefallen reden und handeln konnte er auch, und wohl besser als diejenigen, denen er es hier zum Vorwurf machte. Aristophanes, Ritter: Er merkt sich gleich des DemoS (Volk) schwache Seiten, Der Hund von einem paphlagonischen Gerber! Duckt sich vor ihm; mit Lecken, Schwänzeln, Schmeicheln Und Lederstückchen fängt er ihn und spricht: „Geh baden, lieber Demos; wohl verdient „Als Richter hast du diese drei Obolen; lGcshcwornen-Sold, den Kleon von 2 auf 3 Obolen erhöht hatteZ „Komm, thu' dir gütlich, iß und trink! Soll ich „Den Imbiß bringen?" — Und dann rapst er weg, Was wir gekocht, u. s. w. )
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so lange der Feind noch auf den Füßen steht, und mit Recht, denn [*]( 427 v. Chr. ) wer nur aus Uebermuth unnöthigerweise mißhandelt wurde, ist, wenn er der Gefahr entgangen ist, viel erbitterter als der Feind gegenüber dem offenen Feinde. Werdet also nicht Verräther an euch selbst! Bringt euch die Vorstellung möglichst nahe, was ihr hättet zu leiden gehabt, und wie ihr eure letzten Kräfte aufgeboten haben würdet, ihrer Meister zu werden. Uebt nun die Wiedervergeltung, laßt euch nicht von diesem Augenblicke weich machen, und vergeßt nichts wie nahe das Unheil über euren Häuptern schwebte. Züchtiget diese nach Verdienst und stellt sie den andern Bundesgenossen als deutliches Beispiel vor Augen, daß, wer immer abfällt, den Tod leiden muß. Wissen sie das einmal, so werdet ihr euch nicht mehr so oft mit den eigenen Bundesgenossen herumshclagen müssen, während eure Feinde gute Ruhe haben" A). [*]( 28) Diese Rede charakterisirt allerdings den Demagogen Kleon einigermaßen, doch hat die Feder des Thukydides zu viel Feinheit einfließen lassen, so daß die Fassung der Gedanken kaum für den Mann paßt, der auf der Rednerbllhne polterte, die Kleider aufriß, sich auf den Schenkel schlug und während des Redens hin und herlief (Plutarch. Nik.), oder für „den Brüllochsen mit der Donnerstimme", wie ihn Aristophanes nennt. Doch enthält die Rede Anhaltspunkte genug, den tückischen, unverschämten, seiner eigenen Schlechtigkeit sich bewußten Volks- betrüger erkennen zu lassen, dessen entschlossene Bosheit Alles fürchtet. Aristophanes wagte Vieles, als er ihn in den (verlorenen) Babyloniern und in den Rittern dem Gelächter preisgab. Kein MaSkenmacher wollte zur Aufführung der Ritter eine Kleons-MaSke für den Schauspieler, der ihn darstellen sollte, verfertigen: — Sein Kopf ist nicht der feine, Kein MaSkenmacher wollt' ihn porträtiren, oAus Angst vor ihm — Der Dichter selbst spielte ohne Maske die Rolle, und rechnete sich feine Kühnheit selbst hoch an. In den Wolken rühmt er sich, daß er dem „großmächtigsten Kleon", dem, „bei dessen Anblick Sonne und Mond sich verfinsterte," muthig einen „Bauchtritt" gegeben habe. Auch später noch, und sogar nach seinem Tode ließ er ihn nicht ruhen. Hier mögen noch Worte des ChorS aus den Rittern stehen: O du verworfener, Scheußlicher Schreier! Sind Voll deines UebermuthS Länder und Meere nicht? ) [*]( Thukydides. III. ) [*]( 15 )
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[*]( 427 v. Chr. ) So redete Kleon. Nach ihm aber trat Diodotos, des Eukrates Sohn auf, der auch bei der ersten Versammlung am stärksten dafür gesprochen hatte, die Mytilenäer lieber nicht hinzurichten und redete also:

„Gegen die, welche die Sache der Mytilenäer zu einer zweiten Abstimmung gebracht haben, kann ich ebensowenig einen Tadel finden, wie Lob für die, welche es rügen, daß über so außerordentlich wichtige Dinge mehrmals berathschlagt werde. Vielmehr muß ich glauben, daß Eile und leidenshcaftliche Stimmung die größten Feinde eines klugen Beschlusses seien; denn die eine pflegt aus Unverstand, die andere aus Ungezogenheit und Kurzsichtigkeit zu entstehen. Und wer gar dafür einsteht, daß die Rede nicht die Lehrerin des Handelns sei, der besitzt entweder keine Vernunft, oder er hat irgend einen eigennützigen Hintergedanken. Unvernünftig ist er, wenn er sich einbildet, auf irgend eine andere Weise über das belehren zu können, was noch in der Zukunft und im Dunkel liegt. Seinem Eigennutz aber dient er, wenn er im Bewußtsein der Absicht, zu Schmählichem überreden zu wollen, sich nicht zutraut, über Unschönes schön reden zu können, und dafür nun durch dick aufgetragene Verleumdung die Gegner auf der Rednerbühne und die Zuhörer zu verwirren sucht. Die Gefährlichsten aber nun sind die, welche auch noch die Beschuldigung hinzufügen, als ob die Andern durch Geld bestochen schöne Reden hielten. Denn wenn sie nur die Anklage des Unverstandes erheben möchten, so würde Einer, wenn er mit seiner Ansicht nicht durchdringt, zwar den Ruf der Unverständigkeit, aber doch nicht den der Ungerechtigkeit davontragen. Wird ihm aber Un- [*]( Nicht der Gemeindeplatz, Zollhaus, GerichtSkanzlei? Riihrer in jedem Dreck, Hast du die ganze Stadt Säuisch nicht abgewiihlt? ) [*]( 29) Vertritt in seinen Ansichten die gemäßigte Demokratie. Er ist vielleicht Sohn des FlachShändlerS EukrateS, der unmittelbar nach des großen PeriileS Tod neben LysikleS, dem Viehhändler, dem sich Aspasia vermählt hatte, eine vorübergehende Rolle spielte. — Im ersten Theil der Rede wird Kleon scharf getroffen. )

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ehrlichkeit vorgeworfen, so wird er auch, wenn er seine Ansicht durch­ [*]( 427 v. Chr. ) setzt, verdächtig, nnd setzt er sie nicht durch, so scheint er unverständig' und unehrlich zugleich. Mit dergleichen wird aber dem Staat schlecht gedient, denn die Furcht beraubt ihn seiner Rathgeber. Aber sehr wohl würde er sich befinden, wenn er solche Bürger von der Rednerbühne ausschließen möchte, denn dann wäre die mindeste Gefahr vorhanden, sich zu Schlechtem verleiten zu lassen. Der gute Bürger muß sich nicht durch Abschrecken seiner Gegner als den besseren Redner zeigen wollen, sondern dadurch, daß er sie sich selbst gleichstellt. Auch soll ein Staat, in dem es vernünftig hergeht, demjenigen, der die meisten guten Rathschläge gibt, deßhalb zwar nichts an Ehre zulegen, ihm jedoch auch nicht die Ehre kürzen, und den, der mit seiner Meinung nicht durchdringt, soll er nicht nur nicht strafen, sondern nicht einmal seine Ehre antasten. Dann würde, wer Erfolg hat, gewiß nicht, um größerer Auszeichnung gewürdigt zu werden, manches auch gegen bessere Einsicht und nach Gunst reden, und wer durchgefallen ist, würde ebenso wenig, um derselben Ehre theilhaftig zu werden, die Menge zu gewinnen streben."