History of the Peloponnesian War

Thucydides

Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.

Diese nun, nachdem sie mit ihren Vorbereitungen zu Ende [*]( 427 v. Chr. ) gekommen, nahmen einer mondlosen Nacht wahr, da es unter Stürmen regnete, und verließen die Stadt. Anführer dabei waren dieselben, die auch zu dem Versuche gerathen hatten. Zuerst überschritten sie den Graben, der die Stadt umschloß, dann kamen sie bis an die Mauer der Feinde, unbemerkt von den Wachen, die in der Dunkelheit weder weit vor sich hin sahen, noch auch das Geräusch der Herankommenden hören konnten, da der Sturm ihnen in's Gesicht schlug. Auch hielten sich jene weit auseinander entfernt, damit nicht ihre Waffen an einander anklirren und sie verrathen möchten. Sie waren auch nur leicht gerüstet und nur am linken Fuße beschuht, um in dem Kothe sicher auftreten zu können, Sie näherten sich nun in dein Zwishcenranme zwischen zwei Thürmen den Brustwehren, weil sie dieselben unbesetzt wußten. Zuerst kamen die Leiterträger und legten diese an; dann stiegen zwölf Leichtbewaffnete mit Dolch und Brustpanzer hinauf, welche Ammeias, des Koröbos Sohn, führte, der anch als der Erste die Mauer erstieg. Von denen, welche nach ihm hinaufkamen, wandten sich je sechs gegen einen der beiden Thürme. Dann nach diesen kamen andere Leichtbewaffnete mit kurzen Spießen, hinter denen drein Andere die Schilde nachtrugen, damit sie um so leichter hinaufkämen. Die Schilde sollten sie dann an jene abgeben, wann sie nah an den Feind gekommen wären. Als aber schon eine größere Zahl hinaufgekommen war, bekamen die Wachen auf den Thürmen Wind; denn Einer von den Platäern hatte beim Festhalten an der Brustwehr einen Stein losgelassen, der beim Herunterfallen Geräusch machte, worauf die Wache sogleich rief. Die Besatzung eilte nach der Mauer, ohne in der finsteren, stürmischen Nacht zu wissen, was der Lärm bedeute, und gleichzeitig machten auch die in der Stadt zurückgebliebenen Platäer einen Ausfall gegen eine Stelle der feindlichen Mauer, gerade entgegengesetzt derjenigen, wo ihre Leute dieselbe überstiegen, um die Aufmerksamkeit der Feinde ganz von derselben abzuziehen. Diese blieben nun aus Verwirrung jeder auf seinem Platze stehen uud Keiner wagte von seinem Posten aus den Andern zu Hülfe zu eilen, sondern Alle standen unschlüssig, wie sie sich den Vorfall deuten sollten. Die dreihundert Mann von ihren,. [*]( Thukydides. III. ) [*]( 14 )

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[*]( 427 v. Chr. ) welche vorkommenden Falls für eine nöthige Hülfeleistung bestimmt waren, eilten auf den Ruf der Wache außerhalb der Ringmauer, und nach der Seite von Theben hin wurden Lärmfeuer angezündet. Nun zündeten aber auch die Platäer in der Stadt auf ihrer Mauer Lärmfeuer in Menge dagegen an, die schön früher zu diesem Zweck in Bereitschaft gesetzt worden waren, damit die Feinde sin Thebens in Verlegenheit wären, was sie aus den Feuerzeichen machen sollten und auf eine andere Vermuthung, als den wirklichen Vorfall kämen, während unterdessen ihre eigenen Leute aus der Stadt sich durchschlügen und einen sicheren Vorsprung gewännen.

Unterdessen erstieg ein Theil der Platäer die Mauer, und so wie die Vordersten hinaufgekommen waren, bemächtigten sie sich der beiden ^nächsten) Thürme, indem sie die Wachen daselbst tödteten, und besetzten dann selbst die Durchgänge unter den Thürmen, um zu verhindern, daß da Keiner zu Hülfe kommen könne. Dann legten sie von der Mauerhöhe Leitern an die Thürme, hießen eine Zahl Männer hinaufsteigen und konnten nun vom Fuß der Thürme wie von oben herab heranrückende Feinde durch Schießen abwehren. Unterdeß hatte aber auch der große Haufe der Platäer viele Leitern zugleich angelegt, rissen die Brustwehren ab und setzten zwischen den beiden Thürmen über die Mauer. War einer glücklich hinübergekommen, so stellte er sich am Rand des Grabens auf, und so schossen und schleuderten sie von dort aus, wenn Einer etwa längs der säußeren) Mauer herankäme, das Uebersteigen zu hindern. Als nun auch die von den Thürmen alle herabgekommen waren, gelangten die, welche zuletzt nieder- stiegen, nur noch mit Mühe bis an den Graben, denn jetzt stießen die dreihundert auf sie mit Fackeln. Die Platäer nun, die am Rand des Grabens im Dunkeln standen, konnten jene viel besser sehen und zielten mit Pfeilen und Wurfspießen nach den unbedeckten Körpertheilen; sie selbst aber, wie sie im Finstern standen, konnten wegen des Fackelscheins nicht so leicht gesehen werden. So kamen denn auch die Letz« ten der Platäer rechtzeitig über den Graben, wenn auch mit Mühe nnd Gefahr; denn es hatte zwar Eis drüber gefroren, aber nicht stark genug, um Menschen zu tragen, sondern mehr wässerig,. da grade Nord- oder Nord-Ost-Wind blies. Dieser Wind hatte in der Nacht auch Schnee gebracht und das Wasser im Graben so geschwellt, daß

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beim Uebersetzen kaum noch die Köpfe hervorragten. Doch wurde [*]( 427 v. Chr. ) ihnen auch die Flucht um so leichter bei so stürmischem Wetter. l

Nun wandten sich die Platäer von dem Graben weg und schlugen alle zu Haus den Weg ein, der nach Theben führt, rechter Hand lassend die Kapelle des Heros Androkrates denn sie glaubten , daß jene am allerwenigsten vermuthen würden, sie hätten diese Richtung nach dem feindlichen Land hinein genommen; auch sahen sie sogleich, wie die Peloponnesier mit Fackeln zu ihrer Verfolgung die Straße einschlugen, die zum Kithäron und nach Dryoskephalä und so nach Athen führt. Bei sechs oder sieben Stadien weit hielten sich die Platäer auf der Straße nach Theben, dann schlugen sie sich seitwärts nach dem Gebirge zu, auf die Straße nach Erythrä und Hysiä, und gewannen so den Kamm des Gebirgs und entkamen nach Athen, ihrer zweihundertundzwölf Mann von den Ausgefallenen; denn einige von diesen waren wieder umgekehrt in ihre Stadt hinein, noch vor der Mauer, und Einer, ein Bogenschütze, war bei dem auswendigen Graben von den Feinden gefangen worden. Unterdessen waren die Peloponnesier wieder in ihre Lagerung zurückgezogen, absehend vom Nachsetzen. Die Platäer in der Stadt aber wußten von dem Ausgang der Sache nichts, weil die Zurückgekehrten gemeldet hatten, Niemand wäre am Leben geblieben; drum schickten sie, da der Tag angebrochen, einen Herold hinaus und verlangten Waffenruhe, ihre Todten zu begraben. Als sie aber die Wahrheit erfuhren, ließen sie es dabei. So haben die platäifchen Männer die Mauer überstiegen und sich gerettet.

Aus Lakedämon aber wurde zu Ende desselben Winters Saläthos, ein Lakedämonier, mit einem Dreiruderer gen Mitylene geschickt. Der fuhr denn auch bei Pyrrha an, schlich sich von da zu Lande weiter und durch das Bett eines Waldstroms über die Verschanznng (der Athener), die an dieser Stelle zu passiren war, und gelangte so nach Mytilene und sagte den Häuptern der Stadt, daß ein Einfall auf das Gebiet von Attika unternommen werde und zugleich auch die vierzig Schiffe ershceinen sollten, die zu ihrem Entsatz bestimmt seien. Er selbst aber sei eben dieser Dinge wegen voraus­ [*]( 16) Landes- und Schutz-Hering der Platäer. ) [*]( 14* )

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[*]( 427 v. Chr. ) gesandt und zugleich auch um sonst Nöthiges vorzukehren. Da gewannen nun die Mytilenäer frischen Muth und waren jetzt weniger bedacht, sich mit den Athenern zu vergleichen. So ging dieser Winter zu Ende und damit das vierte Jahr dieses Kriegs, den Thukydides beschrieben hat.

Des folgenden Sommers, nachdem die Peloponnesier die zweiundvierzig Schiffe nach Mytilene gesandt hatten, unter Führung des Alkidas, der bei ihnen Flottenführer war und den sie nun zum Befehlshaber setzten, fielen sie selbst und ihre Bundesgenossen in Attika ein, damit die Athener ans zwei Seiten zu wehren hätten und um so weniger gegen die Schiffe ausziehen sollten, die gen Mytilene fuhren. Bei diesem Einfall befehligte Kleomenes in Vertretung des unmündigen Königs Panfanias, des Pleistoanax Sohn '?), dem er Vatersbruder war. Sie verheerten die auch früher schon verwüsteten Striche von Attika, was etwa wieder aufgeschossen und was bei den früheren Einfällen vershcont geblieben war, und dieser Einfall wurde nächst dem zweiten den Athenern der empfindlichste; denn die Feinde, immer in Erwartung, etwas von Lesbos zu hören, daß ihre Schiffe nämlich glücklich gelandet und etwas ausgeführt hätten, verblieben im Lande und zogen sengend bald hier- bald dorthin. Da es ihnen aber nicht nach Wunsche ausging und zuletzt die Lebensmittel fehlten, . so zogen sie wieder ab und zerstreuten sich in ihre Städte.

In Mytilene inzwischen, da die Schiffe vom Peloponnes noch nicht gekommen waren und immer noch säumten, und auch das Getreide schon fehlte, wurden die Bürger gezwungen, sich mit den Athenern zu vergleichen, und zwar aus solche Veranlassung. Saläthos, der jetzt auch selbst schon die Schiffe nicht mehr erwartete, gab dem Volk, das früher nur leicht bewaffnet war, schwere Rüstung, weil er einen Ausfall gegen die Athener thun wollte. Da diese nun solche Bewaffnung hatten, so hörten sie nicht mehr auf ihre Oberen, rotteten sich zusammen und verlangten, die Reichen sollten ihre Getreidevorräthe herausgeben und unter die gesammte Bürgerschaft vertheilen, [*]( 17) Die hier genannten Kleomenes und Pleistoanax sind Söhne des Pau- fanias, des Siegers von Platäa. Pleistoanax, des jüngeren Pausanias Vater, war verbannt. )

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oder sonst, so sagten sie, wollten sie selbst sich mit den Athenern ver- [*](427 v. Chr. ) gleichen und ihnen die Stadt übergeben.

Da nun die am Ruder waren wohl sahen, daß sie nicht im Stande wären jenes zu hindern, und daß sie große Gefahr liefen, wenn sie von dem Vergleiche ausgeschlossen würden, so schlossen sie im Namen des ganzen Gemeinwesens einen Vertrag mit Paches und dem Heere unter solchen Bedingungen, daß es den Athenern anheimgestellt sein sollte, über die Mytilenäer zu verfügen, wie es ihnen gutdünkc. Inzwischen wollten sie das Heer in die Stadt aufnehmen und eine Gesandtschaft nach Athen schicken, dort ihre eigene Sache zu vertreten. Bis diese wieder zurückgekommen, dürfe Paches keinen Mytilenäer weder in das Gefängniß werfen, noch in die Knechtschaft verkaufen, noch tödten. Also lautete der Vergleich. Die aber von den Mytilenäern am meisten zu den Lakedämoniern gehalten hatten, waren nun sehr in Furcht, und als das Heer einzog, trauten sie nicht, sondern flüchteten gleichwohl noch vorher zu den Altären. Paches aber bewog sie, herauszutreten, indem er versprach, sie nicht zu kränken, und verwahrte sie auf Tenedos, bis die Athener Beschluß gefaßt hätten. Er schickte aber auch nach Antissa Dreiruderer und erzwang die Uebergabe, und schaltete auch im Uebrigen mit der Flotte, wie es ihm gutdünkte.