History of the Peloponnesian War

Thucydides

Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.

Als Herrscher über ein so großes Land nun rüstete Sitalkes seine Heeresmacht, und als sie nun bereit stand, brach er auf gegen Makedonien, indem er zuerst durch eigenes Gebiet und dann über das wilde Kerkine-Gebirge ^Argentaro^ zog, welches auf der Gränze der Sinter und der Päonier liegt. Durch dasselbe zog er auf der Straße, die er selbst früher durch Aushaunng des Waldes angelegt hatte, als er gegen die Päonier Krieg führte. Indem sie vom Odryser-Lande aus über dies Gebirg zogen, hatten sie zur rechten Seite die Päoniei-, zu ihrer Linken aber die Sinter und Müder. Nachdem sie es überschritten, kamen sie in die Päonische Stadt Doberos. Auf diesem Marsche hatte er keinen Abgang an Mannschaft, außer was twae Krankheit wegraffte; im Gegentheil erhielt er Zuwachs, denn von den freien Thrakern schlossen sich Viele ungerusen aus Beutelust seinem Heere an, so daß dessen Gesammtzahl aus nicht weniger als 150,000 Mann angewachsen sein soll. Davon war die Mehrzahl Fußvolk und vielleicht ein Drittheil Reiter, deren größte Zahl die Odryser selbst und nächst ihnen die Geten stellten. Vom Fußvolke waren die Schwertträger die streitbarsten, die aus dem freien Rhodope-Gebirge herabgestiegen waren; der übrige gemischte Haufe war mehr durch seine Zahl furchtbar.

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[*]( 529 v. Chr. ) In Doberos also sammelten sie sich und schickten sich an, vom Gebirge herab in das tiefer liegende Makedonien einzufallen, über welches Perdikkas herrshcte. Denn zu den Makedoniern gehören auch die Lynkester und die Elimioten und die andern Völker im Binnenlande, welche diesen verbündet und tributpflichtig sind, dabei aber ihre eigenen Fürsten haben. Das jetzige Makedonien an der Seeküste aber hatten des Perdikkas Vater Alexandros und dessen Vorsahren, ursprünglich Temeniden aus Argos, erworben und ihrer Herrschaft unterworfen, indem sie durch Waffengewalt aus Pieria die Pierer vertrieben, welche sich später am Fuße des Pangäos hin jenseits des Strymonflufses in Phagres und anderen Platzen ansiedelten, — und noch jetzt wird das Land, welches vom Fuß des Pangäos sich gegen das Meer hin erstreckt, der Pierische Grund genannt. Aus der sogenannten Landschaft Bottia aber verjagten sie die Bottiäer, welche jetzt neben den Chalkidiern wohnen. Von Päonien erwarben sie den schmalen Strich, welcher sich am Axiosflusse ^Vistritza^ auswärts bis Pella und zum Meere erstreckt, und jenseits des Axios bis zum Strymon hin besitzen sie die sogenannte Landschaft Mygdonia, aus welcher sie die Edoner ausgetrieben haben. Sie haben aber auch aus dem Gau, der jetzt Eordia heißt, die Eorder verjagt, deren Mehrzahl dabei umkam, und nur ein kleiner Theil von ihnen hat sich in der Gegend um Physka wieder angesiedelt. So auch aus Almopia die Almoper. Aber auch noch andere Landschaften haben sich diese Makedonier unterworfen, die sie jetzt noch besitzen, wie Anthemus, Grestonia und Bisaltia und viele Gaue der eigentlichen Makedonier. Das Alles nun wird Makedonia genannt, und darüber war Perdikkas, des Alexander Sohn, König, als damals Sitalkes seinen Feldzug unternahm.

Diese Makedonier nun waren nicht im Stande, sich der heranrückenden großen Heeresmacht entgegenzustellen, und zogen sich deshalb in die Burgen und festen Plätze zurück, so viele deren im Lande waren. Ihre Zahl war aber nicht gar groß, sondern erst später hat Archelaos, des Perdikkas Sohn, nachdem er König geworden, die jetzigen Festungen im Lande gebaut, grade Straßen angelegt und die sonstigen, das Kriegswesen fördernden Maßregeln getroffen, wie er denn in Verbesserung der Reiterei, der Bewaffnung

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und der Ausrüstung überhaupt mehr gethan hat als alle acht Könige [*]( 429 v. Chr. ) vor ihm. — Das Heer der Thraker nun fiel aus Doberos zuerst in die Landschaften ein, welche früher die Herrschaft des Philippos gebildet hatten, und nahmen Eidomene mit Gewalt; Gortynia aber und Atalante und einige andere Plätze ergaben sich aus Zuneigung zu dem mitziehenden Amyntas, dem Sohne des Philippos, durch gütlichen Vergleich. Europos belagerten sie, konnten es aber nicht nehmen. Darauf drangen sie weiter in das übrige Makedonien vor, welches links von Pella und Kyrrhos sich erstreckt; diesseits dieser Plätze aber, nach Bottiäa und Pieria kamen sie nicht, sondern verheerten nur Mygdonia, Grestonia und Anthemus. Die Makedonier konnten gar nicht daran denken, ihnen Fußvolk entgegenzustellen, sondern nahmen Reiter von ihren binnenländischen Bundesgenossen, die bei guter Gelegenheit in geringer Zahl in den großen Heerhaufen der Thraker einbrachen, und wo sie anstürmten, konnte den tapferen Panzerreitern Nichts widerstehen; da sie aber umringt werden konnten, so geriethen sie dem vielfach überlegenen Haufen gegenüber oft in große Gefahr, so daß sie endlich Ruhe gaben, weil sie sich nicht stark genug glaubten, den Kampf mit der Mehrzahl zu wagen.

Sitalkes knüpfte nun mit Perdikkas Unterhandlungen an wegen der Dinge, die ihn zum Kriege veranlaßt hatten, und da die Athener mit der Flotte nicht ershcienen waren, weil sie nicht geglaubt hatten, daß er mit dem Heere kommen werde, sondern nur Gesandte mit Geschenken an ihn schickten, so entsandte er einen Theil seines Heeres gegen die Chalkidier und Bottiäer, trieb sie hinter ihre Mauern und verwüstete das Land. Während er nun in diesen Gegenden stand, so fürchteten die nördlichen Thessaler, die Magneter und die andern thessalischen Unterthanen und die Hellenen bis zu den Thermopylen hin, der Zug möge vielleicht auch ihnen gelten, und hielten sich deshalb gerüstet auf ihrer Hut. Es fürchteten sich aber auch die Thraker jenseits des Strymon, welche die gegen Norden sich dehnende Ebene bewohnen, Panäer und Odomunter, Droer und Dersäer; denn diese alle sind noch unabhängig. Auch bei den den Athenern feindlich gesinnten Hellenen erregte er die Besorgniß, ob er nicht, von jenen bewogen, gemäß des Bundes- vertrages gegen sie heranziehen werde. Er aber hielt unterdessen das

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[*](429 v. Chr ) Chalkidische und Bottische Gebiet und Makedonien besetzt und verheerte das Land, und da er Nichts von dem durchzusetzen vermochte, weshalb er den Krieg unternommen, auch sein Heer keine Nahrungsmittel mehr sand und überdies von der Kälte litt, so ließ er sich von seines Bruders Spardakos Sohn, dem Seuthes, der nach ihm der machtigste Mann war, überreden schleunig abzuziehen. Den Seuthes hatte aber heimlich Perdikkas gewonnen, indem er ihm seine Schwester mit großer Mitgift zu geben versprach. Jener also ließ sich überreden und zog, nachdem er dreißig Tage im Lande gestanden, wovon acht bei den Chalkidiern, mit dem Heere schleunig nach Haus zurück. Perdikkas aber gab später seine Schwester Stratonika wirklich dem Seuthes, wie er versprochen hatte. — Diesen Verlauf hatte der Feldzug des Sitalkes genommen.

Die Athener in Naupaktos aber unternahmen, nachdem die Flotte der Peloponnesier sich aufgelöst hatte, im Laufe des Winters unter Anführung des Phormio zur See einen Zug nach Astakos, landeten, drangen mit vierhundert athenischen Schwerbewaffneten von den Schiffen und vierhundert Mesfeniern in das Innere des Landes, trieben in Stratos, Koronta und den andern Plätzen diejenigen Bürger aus, denen sie nicht trauen zu dürfen glaubten, und kehrten dann, nachdem sie den Kynes, des Theolytos Sohn, nach Koronta zurückgeführt hatten, wieder auf ihre Schiffe zurück. Gegen Oiniadä nämlich, welches allein unter allen Akarnanern ihnen immer feindselig gewesen war, schien ein Zug des vorgerückten Winters wegen nicht mehr thunlich. Denn der Acheloos-Fluß, der vom Pindos herab durch Dolopia, das Gebiet der Agräer und Amphilocher und die Akarnanische Ebene fließt, dann seinen Lauf an der Stadt Stratos vorüber nimmt und bei Oiniadä sich in's Meer ergießt, indem er rings um die Stadt Seen bildet, macht des Wassers wegen einen Winterfeldzug schwierig. Es liegen auch von den Echinadischen Inseln die meisten Oiniadä grade gegenüber, dicht vor den Mündungen des Acheloos, so daß der Fluß, wenn das Wasser groß ist, fort und fort Land anschwemmt, und einige dieser Inseln sind bereits zum Festlande geworden, und wahrscheinlich wird es in nicht langer Zeit allen übrigen ebenso gehen. Denn die Strömung ist mächtig, wasserreich und schlammig, die Inseln

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[*]( 429 v. Chr. ) aber liegen dicht bei einander und halten zusammen das angeschwemmte Erdreich auf, so daß es sich nicht zerstreuen kann, weil sie quer vor dem Flusse und nicht in einer Linie mit demselben liegen und dem Wasser keinen graden Weg in's Meer lassen. Sie sind aber unbewohnt und von geringem Umfange. Es wird auch erzählt, daß Apollo dem Alkmäon, dem Sohne des Amphiaraos, als er nach dem Morde seiner Mutter umherirrte, durch einen Orakelspruch befohlen habe, dieses Land zu bewohnen; denn, sagte er, keine Heilung seiner Gewissensqual gäbe es, bevor er sich nicht ein Land zur Wohnung gefunden, welches noch nicht von der Sonne beschienen worden und noch nicht Land gewesen sei, als er die Mutter tödtete; alle übrige Erde sei durch ihn verunreinigt. Er aber in seiner Drangsal, erzählen sie, fand nur mit Mühe diese Anschwemmung des Acheloos, und es schien ihm, seitdem er nach dem Morde der Mutter so lange umhergeirrt, genug Land angewahcsen zu sein, um als einzelner Mann darauf wohnen zu können. So siedelte er sich denn an und gewann die Herrschaft über die Gegend um Oiniadä und hinterließ von seinem Sohne Akarnan dem Lande die Benennung. So wird uns die Sage vom Alkmäon überliefert.

Die Athener unter Phormio aber kehrten von Akarnauien nach Naupaktos zurück und fuhren dann mit Frühlingsanfang nach Athen, mitführend die Freigeborenen, die sie in den Seeschlachten zu Gefangenen gemacht, und die nun Mann gegen Mann ausgewechselt wurden, und mit den Schiffen, die sie genommen hatten. So hatte dieser Winter geendet, und mit ihm war auch das dritte Jahr dieses Krieges zu Ende gegangen, den Thukydides beschrieben hat.

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Druck von C. Hoffmann in Stuttgart.

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Viertes Kriegsjahr: 423—27. Kapitel I—XXV.

Kap. 1. Dritter Einfall der Peloponnesier in Attika. — 2 — 6. Abfall der Insel Lesbos und Maßnahmen der Athener unter Paches. — 7. Unternehmung gegen Oeniadä und Nerikon. — 8—15. Die Mytilenäer bewegen die Peloponnesier, ihnen eine Hülfsflotte zu senden. — 16—17. Thätig- keit der attischen Flotte. Seemacht der Athener. — 18. Absperrung von Mytilene. — 19. Des Atheners Lysikles Niederlage in Karien. — 20—24. Ein Theil der belagerten Platäer schlägt sich nach Athen durch. — 25. Der Spartaner Saläthos kommt nach Mytilene.

Fünftes Kriegsjahr: 427—26. Kapitel XXVI—I^XXXVIII.

Kap. 26. Vierter Einfall der Peloponnesier in Attika. — 27 — 28. Mytilene an die Athener übergeben. — 29 — 33. Der peloponnesischen Flotte unter Alkidas vergebliche Ausfahrt. — 34. Die Athener nehmen Notion. — 35 — 36. Die Athener verurtheilen alle Mytilenäer zum Tode. Reue deßhalb. — 37 — 40. Rede Kleon's für die Hinrichtung. — 41—48. Rede des Diodotos gegen dieselbe. — 49. Mytilene gerettet. — 50. Die Atheuer senden Kleruchen nach Lesbos. — 51. Niki as erobert und befestigt Minoa. — 52. Die Platäer ergeben sich an die Lakedämonier. — 53 — 59. Vertheidigungsrede der Platäer. — 60 — 67. Der Thebaner Gegenrede. — 68. Hinrichtung der

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Platäer und Zerstörung ihrer Stadt. — 69. Anschlag der Lakedämonier aus Kerkyra. — 70—75. Innere Zerwürfnisse auf Kerkyra. — 76—80. Die peloponnesische Flotte vor Kerkyra. — 81. Grausamkeiten der Kerkyräer gegen einander. — 82 — 85. Allgemeine politische und sittliche Zerrüttung Griechenlands. — 86. Attische Schiffe nach Sicilien. — 87. Die Seuche abermals in Athen. — 88. Gescheitertes Unternehmen der Athener gegen Lipara.

Sechstes Kriegsjahr: 426-25. Kapitel I.XXXIX—LXVl.

Kap. 89. Erdbeben und Überschwemmungen. — 90. Des Lach es Eroberungen auf Sicilien. — 91. Sieg der Athener bei Tanagra. — 92—93. Heraklea, neue Pflanzstadt der Lakedämonier. — 94. Demosthenes auf Leukadien.— 95—98. Unglücklicher Feldzug desselben gegen die Aetoler. — 99. Landung der attischen Schiffe im italischen Lokris. — 100 — 102. Die Lakedämonier unter Eurylochos in Aetolien und gegen Naupaktos — 103. Ereignisse auf Sicilien. — 104. Die Athener reinigen Delos. — 105— 114. Die Amprakioten von den Akarnanern und Athenern zweimal geschlagen. — 115. Weitere attische Schiffe nach Sicilien. — 116. Ausbrüche des Aetna.

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