History of the Peloponnesian War

Thucydides

Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.

Die Athener aber stellten ihre Schiffe in Einer Linie hintereinander und segelten im Kreise um jene herum und drängten sie so auf einen engen Raum zusammen, indem sie jene im Vorbeifahren fast streiften und immerfort Miene zum Angriff machten. Phormio hatte aber besohlen nicht anzugreisen, bevor er nicht das Zeichen gegeben habe, denn er hoffte, daß jene ihre Stellung nicht würden einhalten können wie ein Landheer, sondern daß die Kriegsschiffe eines an das andere anstoßen und auch die Lastschiffe sie belästigen würden, und wenn erst der Wind aus dem inneren Meerbusen herausblase, in dessen Erwartung er eben die Feinde umsegelte, und der sich gegen Sonnenaufgang zu erheben pflegte, so würden sie keinen Augenblick mehr Ruhe und Ordnung bewahren können; auch stehe es, glaubte er, bei ihm, anzugreifen, wann er wolle, da seine Schiffe bessere Segler seien, und jener Augenblick würde dazu der glücklichste sein. Wie mm der Wind sich erhob, und die Schiffe, die ohnedies schon beengt waren, von beiden, dem Winde und den Lastschiffen, zu gleicher Zeit bedrängt wurden, ein Fahrzeug an das andere anlief, und sie durch Stangen auseinander gestoßen werden mußten, so entstand ein großes Geschrei und vor lauter Habt-Acht!-rufen und Schelten hörten sie weder die Befehle, noch die eigenen Bootsleute. Auch waren ihre ungeübten Leute nicht im Stande, im Wellenschlage die Ruder zu handhaben, so daß die Schiffe dem Steuerruder noch weniger gehorchen konnten. Da nun gab Phormio das Zeichen, die Athener griffen an und versenkten zuerst eines der Admiralschiffe und machten danach alle andern seeuutüchtig, aus die sie nur stießen. Jene kamen in ihrer Verwirrung zu keinem Widerstande mehr, sondern flohen nach Paträ und Dyme in Achaia. Die Athener aber verfolgten sie, nahmen ihnen noch zwölf Schiffe und tödteten die Mehrzahl der Mannschaft. Dann segelten sie gen Molykrion, errichteten auf dem Vorgebirge Rhion ein Siegeszeichen, und nachdem sie dem Neptun noch ein Schiff zum Weih«

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gescheut gebracht, kehrten sie nach Naupaktos zurück. Auch Adie Pelo- [*]( 429 v. Chr. ) ponnesier segelten mit dem Reste ihrer Schiffe längs der Küste aus Dyme und Paträ nach der Eleischen Schiffswerft Kyllene, und auch Knemos mit den dortigen Schiffen, welche sich mit dieser Flotte Hütten vereinigen sollen, kamen nach dem Gefecht bei Stratos nach Kyllene.

Nun schickten die Lakedämonier dem Knemos als Beistände auf die Schiffe den Timokrates, Brasidas und Lykophron mit dem Befehl, ein zweites, glücklicheres Seetreffen zu veranstalten und nicht vor so wenigen Schiffen die See zu räumen. Denn sowohl aus andern Gründen, als auch weil sie sich jetzt zum erstenmale in einem Seekampfe versucht hatten, schien ihnen das Ganze höchst ausfallend, und sie glaubten nicht sowohl, daß ihre Flotte eben deswegen den kürzeren gezogen, sondern weil Feigheit im Spiele gewesen sein müsse; die vieljährige Erfahrung der Athener gegenüber ihrer eigenen Unersahrenheit bei ihrer geringen Uebung brachten sie nicht in Anschlag. In ihrem Unwillen also schickten sie jene ab. Nach ihrer Ankunft bei Knemos legten sie den einzelnen Städten eine Schiffslieserung auf und ließen die bereits vorhandenen zum Seekampf tüchtig machen. Es sandte aber auch Phormio nach Athen sowohl die Meldung von den Rüstungen jener, als auch den Bericht über seinen Seesieg und bat, ihm in Bälde eine möglichst große Zahl von Schiffen zu senden, da er jeden Tag einer Seeschlacht gewärtig sein müsse. Diese schickten ihm auch zwanzig Schiffe, gaben aber ihrem Anführer den Befehl, erst aus Kreta zu landen. Ihr Gastfreund, der Gortynier Nikias auf Kreta, nämlich hatte sie überredet, eine Landung gegen Kydonia zu unternehmen, mit dem Versprechen, diese ihnen feindlich gesinnte Stadt ihnen in die Hände zu liefern. In der That aber veranlaßte er sie hiezu den Polichnitern zu gefallen, den Gränznachbarn der Kydonier. Jener Anführer nun kam mit den zwanzig Schiffen nach Kreta und verheerte im Vereine mit den Polichnitern das Gebiet der Kydonier, mußte aber dann wegen der Stürme und Unsee geraume Zeit da« selbst verweilen.

Die Peloponnesier in Kyllene nun hatten, während die Athener auf Kreta zurückgehalten wurden, ihre Rüstungen zu einer Seeschlacht vollendet und segelten jetzt nach Panormos in Achaia, wohin bereits das peloponnesische Landheer zu ihrem Beistande marschirt war.

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[*](429. v. Chr.) Auch Phormio segelte nach dem molykrifchen Rhion und ging außerhalb desselben mit den zwanzig Schiffen vor Anker, mit denen er auch die erste Seeschlacht geliefert hatte. Dies Rhion war nämlich das den Athenern freundlich gesinnte; das andere liegt grade gegenüber im Peloponnes. Die Entfernung zwischen beiden zur See betrügt ungefähr sieben Stadien, und hier eben ist die Mündung des krisäischen Meerbusens. Bei dem achäifchen Rhion also, das von Panormos, wo ihr Landheer stand, nicht weit entfernt ist, gingen die Peloponnesier mit sieben und siebzig Schiffen vor Anker, da sie die Athener dasselbe thun sahen. So blieben sie sechs oder sieben Tage einander gegenüber liegen, sich unterdessen zur Seeschlacht übend und vorbereitend. Die Einen gedachten ihrer früheren Niederlage und wollten sich nicht aus den beiden Rhien hinaus aus die offene See wagen, und die Andern wollten nicht in den engen Busen einfahren, in der Ueberzeugung, daß ein Kampf auf beengtem Raume jenen günstig sei. Knemos und Brafidas aber und die übrigen Feldherrn der Peloponnesier wollten die Seeschlacht so bald als möglich liefern, bevor noch Hülfe von den Athenern kommen könne: deshalb riefen sie zuerst die Soldaten zusammen, und da sie sahen, daß die Mehrzahl derselben sich vom Schrecken der ersten Niederlage noch nicht erholthatten und sich keineswegs kampfes« muthig zeigten, so suchten sie sie aufzumuntern und redeten sie also an:

„Wenn sich wegen der früheren Seeschlacht, ihr Peloponnesier, Einer von euch vor der bevorstehenden fürchtet, so hat er darin gar keinen gerechten Grund zur Furcht. Denn damals war unsere Rüstung mangelhaft, wie ihr wißt, und wir segelten nicht in Erwartung einer Seeschlacht, sondern vielmehr eines Kampfes auf dem Lande. Zufällig waren uns auch einige Glücksumstände nugünstig, und auch unsere Erfahrung reichte wohl für den Seekampf nicht aus. Von unserer Seite ist also keineswegs Feigheit an der Niederlage Schuld gewesen, und es wäre Ungerechtigkeit gegen uns selbst, wenn unser Muth, der doch keineswegs vor der Tapferkeit der Feinde gewichen ist, sondern noch viele Rechtsertigungsgründe für sich hat, sich durch das eingetretene Unglück würde Herabdrücken lasten. Vielmehr muß man glauben, daß derMensch durch die Verhängnisse des Schicksals wohl einmal unglücklich sein kann, aber deshalb, was seinen Muth angeht, doch nach wie vor mit Recht für einen tapfern Mann gehalten werde, und

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daß Einer bei tapferer Gesinnung aus seiner Unerfahrenheit keinen [*]( 429 v. Chr.) Entschuldigungsgrund der Verzagtheit machen dürfe. Ihr aber steht nicht einmal wegen mangelnder Erfahrung so weit hinter jenen zurück, als ihr sie an Kühnheit übertrefft. Die Erfahrung jener, die ihr so sehr fürchtet, wird nur, wenn sie mit Tapferkeit verbunden ist, Beisnnung genug haben, um in der Gefahr das anzuwenden, was sie gelernt hat. Ohne Muth aber ist keine Kunst m der Gefahr etwas nütze; denn Furcht benimmt die Besinnung, und Geschicklichkeit ohne Tapferkeit vermag Nichts. Setzet also der größeren Erfahrung jener euerseits kühneren Muth entgegen, und eurer Furcht wegen der früheren Niederlage den Gedanken, daß wir damals ungerüstet waren. Auch kommt euch die größere Schiffszahl zu Statten, und daß ihr an der eigenen Küste in der Nähe eurer Schwerbewaffneten die Seeschlacht liefert. Meist gehört ja der Sieg der Mehrzahl und den besser Gerüsteten. So könnten wir also auch nicht einen einzigen Grund finden, weshalb wir wahrscheinlicher Weise den Kürzeren ziehen sollten. Was wir früher schlecht gemacht haben, das kommt uns jetzt als erworbene Belehrung zu Statten. So seid also gutes Muthes, ihr Steuermänner und Schiffleute! Thue Jeder das Seine und weiche nicht von dem Platze, wohin er gestellt worden ist. Wir aber werden nicht schlechter als die vor uns Anführer gewesen sind, den Angriff leiten und werden Keinem einen Vorwand lassen, sich feig zu zeigen. Wenn es aber dennoch Einer thun wollte, so wird ihn die geziemende Strafe treffen; die Braven aber werden mit dem verdienten Lohn der Tapferkeit geehrt werden."

Solches redeten zu den Peloponnesiern ihre Anführer, ihnen Muth einzusprechen. Aber auch Phormio seinerseits, da er bemerkte, daß seinen Soldaten der Muth sank, und daß sie unter einander zusammentraten und wegen der Zahl der Schiffe Besorgniß äußerten, berief eine Versammlung, um ise.aufzurichten und sie anzueifern, den gegenwartigen Umständen die Stirne zu bieten. Denn auch schon früher pflegte er immer so zu reden und sie so zu stimmen, als ob keine Zahl von feindlich heransegelnden Schiffen so groß fein könne, daß sie ihr nicht gewachsen wären; und auch die Soldaten hatten seit langem ein solches Vertrauen zu sich selbst gefaßt, daß sie als Athener vor keiner noch so großen Zahl peloponnesischer Schiffs weichen zu müssen glaub-

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[*]( 429 v. Chr ) ten. Da er sie nun aber wegen dessen, was sie sahen,"doch entmukyi^gt fand, so wollte er ihnen die Zuversicht wieder wach rufen, rief sie also zusammen und sprach so:

„Weil ich sehe, ihr Soldaten, daß ihr euch vor der Menge der Gegner fürchtet, so habe ich euch zusammengerufen; denn ich bin der Meinung, daß, was nicht furchtbar sei, auch nicht gefürchtet werden darf. Jene haben, weil sie zuerst von uns besiegt worden sind, und weil sie sich selbst nicht zutrauen, uns gewahcsen zu sein, diese große Zahl von Schiffen ausgerüstet, denn sie wollen nicht als Gleicher, dem Gleichen gegenüberstehen; und wenn sie scheinbar im Vertrauen daraus gegen uns heranrücken, als ob der Muth überhaupt ihnen angeboren und natürlich sei, so hat ihr Muth keine andere Quelle, als weil sie wegen ihrer Erfahrung im Landkriege in demselben meist glücklich sind, und darum glauben sie, daß sie auch zur See dasselbe leisten werden. Wenn sie aber auch in jenem voran sind, so dürfen wir doch jetzt mit Fug den Vortheil aus unserer Seite suchen; denn an Muth übertreffen sie uns nicht, sondern weil wir beide, die einen in diesem, die andern in jenem erfahrener sind, sind wir beide auch zuversichtsvoller. Auch haben die Lakedümonier, welche bei der Führung ihrer Bundesgenossen nur ihren eigenen Ruhm berücksichtigen, . die meisten von ihnen nur wider ihren Willen in diese Gefahr geführt, denn einmal so tüchtig geschlagen, würden diese nie wieder eine zweite Seeschlacht gewagt haben. Fürchtet also ihre Kühnheit nicht. Eine viel größere Fnrcht flößet ihr jenen ein, und auch mit mehr Grund, denn ihr habt zuerst gesiegt, und sie können sich nicht vorstellen, daß ihr ihnen die Stirne bieten werdet ohne die feste Zuversicht, etwas Hervorragendes zu leisten. Denn die Meisten, wenn sie dem Gegner gewachsen sind, wie diese hier, gehen mehr im Vertrauen auf ihre Macht als auf ihren Muth dem Feinde entgegen; wer dies aber mit viel geringerer Macht thut und ohne gezwungen zu sein, der wagt die Gefahr mit großer Mutheszuversicht. Das überlegen diese wohl und fürchten uns mehr wegen des unerwarteten Auftretens als wegen der verhältnis;müßigen Rüstung. Schon manches Heer ist aus Unersahrenheit einem weniger zahlreichen unterlegen, manches auch aus Feigheit. Uns dahier fällt keines von beiden zur Last. Ich bin aber gar nicht gewillt, die Schlacht innerhalb des Meerbusens zuliefern, und werde auch nicht

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hineinsegeln, denn ich'sehe ein, daß es einer Ueberzahl ungeübter [*]( 429 v. Chr. ) Schiffe gegenüber kein Vortheil für wenige, aber geübte und besser' segelnde Schiffe ist, auf engem Raum zu kämpfen. Denn man könnte weder, wie es nöthig ist, zum Anlauf mit dem Schiffsschnabel kommen, da man wegen der weiten Entfernung nicht das gehörige Absehen auf den Feind hätte, noch auch sich zurückziehen, wenn man in die Enge käme. Die feindliche Linie zu durchbrechen wäre auch nicht möglich, und ebensowenig die Wendungen, worin ja der Vortheil guter Segler besteht, sondern man müßte nothgedrungcn aus der Seeschlacht ein Fußtruppengefecht machen lassen, und dann wäre die Mehrzahl der Schiffe im Vortheil. Dem angemessen werde ich also nach Möglichkeit die nöthigen Vorkehrungen treffen. Ihr aber haltet euch auf den Schiffen in bester Ordnung und thut genau, was euch befohlen wird, zumal der Angriff aus der Nähe geschieht, und während des Kampfes selbst haltet auf's Aeußerste ans Ordnung und Stille. Beides ist auch sonst im Kriege von Nutzen, bei einem Seekampf aber ganz besonders. Nun also wehrt euch gegen diese, wie es eurer früheren Thaten würdig ist. Um große Dinge dreht sich der Kampf: es handelt sich darum, ob ihr die Hoffnung der Peloponnesier auf eine Seemacht zu Schanden machen, oder den Athenern die Furcht um ihre Meeresherrschaft näher rücken werdet. Nochmals erinnere ich euch, daß ihr die Mehrzahl dieser eurer Gegner schon besiegt habt; der Muth geschlagener Männer aber will sich gegenüber denselben Gefahren nicht mehr zu gleicher Höhe heben."

Solche Worte sprach auch Phormio zur Ermuthigung. Die Peloponnesier aber, da die Athener nicht nach ihrem Wunsche in den Meerbusen und die Enge einsegelten, wollten sie auch gegen ihren Willen hineinbringen lind fuhren deshalb mit der Morgenröthe, je vier Schiffe in Einer Linie, an ihrer Küste hin, einwärts gegen den Meerbusen , den rechten Flügel voran, wie sie auch vor Anker gelegen waren. Aus diesen Flügel hatten sie ihre zwanzig besten Segler gestellt, damit, — wenn vielleicht Phormio in der Vermuthung, daß sie gegen Naupaktos segelten, um dieser Stadt zu Hülfe zu kommen, selbst nahe an ihnen vorübersahren sollte, — die Athener nickt über diesen Flügel hinauskommen und so ihren Angriff vermeiden könnten, sondern sich von eben diesen Schiffen müßten einschließen lassen. Wie nun jene erwartet

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[*]( 429 v. Chr. ) halten, so fing Phormio, da er sie einwärts segeln sah, an, für den unbeschützten Ort zu fürchten, ließ widerwillig und in aller Eile seine Leute sich einschiffen und fuhr an der Küste hin, während das mefsenische Heer am Lande neben Herzog. Als nun die Peloponnesier sie Schiff hinter Schiff in Einer Linie auf ihren Flügel zusteuern sahen, und schon innerhalb des Meerbusens und nahe an der Küste, grade wie sie es gewünscht hatten, so machten auf ein gegebenes Zeichen alle Schiffe linksum und fuhren so schnell als möglich grade auf die Athener los, in der Hoffnung, so sämmtliche Schiffe abzufangen. Von diesen waren aber die eilf voransegelnden Schiffe bereits über den Flügel der Peloponnesier hinaus und vor dessen Wendung in die offenere See gekommen, die andern aber schnitten sie ab, trieben sie fliehend vor sich her nach dem Strand, richteten sie zu Grunde und tödteten die Athener auf ihnen, die sich nicht durch Schwimmen retten konnten. Einige von diesen Schiffen nahmen sie leer in's Schlepptau, und eines eroberten sie sammt der Bemannung. Nun eilten aber die Messenier herbei, sprangen in voller Rüstung in's Meer, erstiegen die Schiffe und vom Verdecke fechtend entrissen sie ihnen einige, die bereits im Schlepptau gingen.