History of the Peloponnesian War

Thucydides

Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.

Die Peloponnesier nun, da ihre Maschinen Nichts ausrichteten, und auch ihr Wall die Gegenbefestigung hervorgerufen hatte, wurden jetzt der Meinung, daß es mißlich sei, mit den vorhandenen Mitteln die Stadt zu nehmen, und schickten sich darum an, sie nur einzuschließen. Zuerst wollten sie es aber noch mit Feuer versuchen, — ob sie die Stadt, die nicht gar groß war, bei günstigem Winde in Brand stecken könnten. Denn sie sannen auf jedes Mittel, ohne große Kosten und ohne regelmäßige Belagerung die Stadt in ihre Gewalt zu bekommen. Sie trugen also Holzbüudel zusammen und warfen dieselben von ihrem Walle herab zuerst in die Vertiefung zwischen der Wallausschüttung und der Mauer, und, da diese durch die vielen Hände bald angefüllt war, auch sonst weiter an der Stadtmauer hin, so weit sie von der Höhe ihres Walles eben reichen konnten. Dann warfen sie oben darauf Feuerbrände mit Schwefel und Pech und zündeten so die Holzmasse an. Nun entstand eine solche Flamme, wie man bis dahin nie eine von Menschenhänden angelegt gesehen hatte. Denn daß die Bäume im Wald, vom Winde bewegt, sich an einander rieben und so von selbst in Flammen geriethen, ist freilich fch^n vorgekommen. Dies Feuer aber war furchtbar, und es fehlte nur wenig, so Hütten die Platäer, die allem Andern glücklich entgangen waren, durch dieses ihren Untergang gefunden. Denn es war eine große Strecke in der Stadt, der man nicht nahe kommen konnte, und hätte sich dazu noch ein ungünstiger Wind erhoben, woraus sich die Feinde auch Rechnung gemacht hatten, so wären sie ihrem Verderben nicht entgangen. Nun aber, heißt es, habe sich zum Glück ein Gewitter erhoben, mit starkem Regenguß, der die Flamme löschte, und so seien sie der Gefahr entronnen.

Die Peloponnesier nun, da ihnen auch dies fehlgeschlagen

185
hatte, entließen die Mehrzahl ihrer Truppen und behielten nur einen [*](429 v. Chr. ) Theil derselben zurück, um die Stadt rings herum durch eine Mauer einzuschließen, indem sie die Arbeit an der ganzen Länge derselben unter die einzelnen Städte vertheilten. Innerhalb wie außerhalb derselben wurde ein Graben gelassen, aus dem sie die Backsteine gewannen. Als dann der ganze Bau vollendet war, zur Zeit, wo der Arktur sim Sternbild des großen Bären^s in der Frühe sichtbar wird 2°), ließen sie eine Truppe zur Bewachung der halben Mauer zurück, — die andere Manerhälfte bewachten die Böotier, — zogen mit dem Heere ab und gingen dann aus einander, jeder in seine Heimat. Die Platäer hatten ihre Weiber und Kinder, die ältesten Leute und die ganze Masse des unnützen Volkes schon früher nach Athen gebracht, und von ihnen selbst hielten die Belagerung zurückgebliebene vier Hundert Mann aus, dabei achtzig Athener, und Hundert und zehn Weiber, um das Essen zu bereiten ^'). Das war ihre Gesammtzahl zur Zeit, als die Belagerung begann, und sonst befand sich Niemand in ihren Mauern, weder ein Sklave, noch ein Freier. So wurde die Einschließung von Platäa bewirkt.

Im selben Sommer und gleichzeitig mit dem Unternehmen gegen Platäa zogen die Athener mit zwei Tausend ihrer Schwerbe» waffneten und zwei Hundert Reitern zu Felde gegen die Chalkidier an der thrakischen Gränze und die Bottiäer, als eben die Halmfrucht in Blüthe stand. Xenophon, des Euripides Sohn, befehligte selbdritt. Sie rückten vor die Stadt Spartolos im Bottiäer-Lande und verwüsteten die Getreideflur. Man hatte Hoffnung, daß eine Partei in der Stadt ihnen dieselbe in die Hände liefern werde. Da aber die Andern, die das nicht wollten, sich an Olynthos gewendet hatten, so kamen von dort Schwerbewaffnete, und was sonst noch zu einem Heere gehört, und besetzten die Stadt. Dies Heer rückte jetzt aus Spartolos zur Schlacht aus, und gegen sie stellten sich die Athener auf, nahe bei den Mauern der Stadt selbst. Die chalkidischen Schwerbewaffneten nun und einige Hülfsvölker, die bei ihnen standen, wurden von den [*]( 20) Zu Herbstanfang, am 17. September des julian. Kalenders. Vgl. Jdler« Chronol. I, S. 53. ) [*]( 21) Die Speise zu bereiten und Brot zu backen, was das Geschäft der Weiber war. )

186
[*]( 429 v. Chr. ) Athenern besiegt und zogen sich nach Spartolos zurück; allein die Reiter der Chalkidier und ihre Leichtbewaffneten schlugen die beritte» nen und leichten Truppen der Athener. Jene hatten nämlich eine kleine Abtheilung leichter Schildträger aus der sogenannten Krusischen Landschaft bei sich. Eben hatte man aufgehört zu kämpfen, da kamen noch andere Leichtbewaffnete aus Olynth zu Hülfe, und als die leichten Trnppen von Spartolos dies sahen, erhöhte sich ihr Muth, sowohl wegen dieses Zuzugs, als auch weil sie eben glücklich gekämpft hatten, und griffen mit den chalkidischen Reitern und den neu angekommenen Hülfsvölkern die Athener von Neuem an. Diese zogen sich auf die beiden Abtheilungen zurück, welche sie bei dem Gepäck gelassen hatten. So oft nun die Athener von hier aus sich zum Angriff wendeten, wichen jene; zogen sich aber die Athener zurück, so blieben sie ihnen ans den Fersen und schleuderten Wurfspieße in ihre Reihen. Die chalkidischen Reiter blieben ihnen zur Seite und sprengten an, so oft es die Gelegenheit gab, und sie vorzüglich brachten die Athener in Verwirrung, trieben sie zur Flucht und verfolgten sie eine gute Strecke. Die Athener flohen nach Potidäa, brachten später unter dem Schutze eines Vertrages ihre Todten ein und kehrten dann mit dem Reste des Heeres nach Athen zurück. Gefallen waren von ihnen vier Hundert und dreißig und darunter die sämmtlichen Oberfeldherrn. Die Chalkidier aber und Bottiäer errichteten ein Siegeszeichen, sammelten ihre Todten und zerstreuten sich dann in ihre Städte.

Im Laufe desselben Sommers, nicht lange nach diesen Vorfällen, wollten die Amprakioten und Chaoner ganz Akarnanien sich unterwerfen und den Athenern abwendig machen und überredeten die Lakedämonier, aus Bundesmitteln eine Flotte zu rüsten und Tausend Schwerbewaffnete nach Akarnanien zu werfen. Wenn die Spartaner, sagten sie, mit Landtrnppen und mit Schiffen kämen, so daß dadurch die Akarnanier des Binnenlandes verhindert wären, zu Hülfe zu kommen, so könnten sie leicht Akarnanien besetzen und von hier aus auch die Inseln Zakynthos (Zante) und Kephallenia in ihre Gewalt bekommen, und dann könnten auch die Athener nicht mehr wie früher den Peloponnes umschiffen; vielleicht könne man sogar Naupaktos wegnehmen. Die Lakedämonier ließen sich bereden und schickten den Knemos, der noch Befehlshaber der Flotte war, und die Schwerbe

187
waffneten auf wenigen Schiffen sogleich ab; der Flotte befahlen sie [*]( 429 v. Chr. ) allsogleich nach vollendeter Ausrüstung gen Leukas zu segeln. Den meisten Eifer für die Amprakioten zeigten die Korinther, deren Pslanzvolk jene waren. Die Schiffe von Korinth nun und Sikyon und den andern dortigen Plätzen waren noch m der Ausrustung begriffen, die von Leukas aber und Anaktorion und Amprakia waren schon am Platze und warteten bei Leukas. Knemos und seine Tausend Schwerbewaffneten waren übergefahren, ohne daß Phormio, Befehlshaber der zwanzig attischen Schiffe, die bei Naupaktos aus Wache standen, es bemerkt hätte, und trafen nun sogleich ihre Anstalten zum Landfeldzuge. Bei ihm waren von Hellenen Amprakioten, Leukadier und Anaktorier und die Tausend Peloponnesier, die er selbst führte; von Barbaren Tausend Chaoner, welche keinen König haben; ihre Anführer, welche immer auf ein Jahr aus dem herrschenden Geschlecht gewählt werden, waren Photyos und Nikanor. Mit den Chaonern zogen auch Thesproter zu Felde, die ebenfalls nicht unter königlicher Herrschast stehen. Die Molofser und Atintaner führte Sabylinthos, Vormund des Königs Tharyps, der noch ein Kind war; die Paraväer ihr König Oroidos; Tausend Orestier, deren König Antiochos ist, standen mit des Antiochos Erlaubniß mit den Paraväern unter den Befehlen des Oroidos. Auch Perdikkas hatte, ohne daß die Athener es merkten, Tausend Makedonier abgeschickt, die aber zu spät kamen.

Mit diesem Heere setzte sich Knemos in Marsch, ohne die Flotte von Korinth abzuwarten. Durch ^das amphilochische^ Argos ziehend, verwüsteten sie den offenen Flecken Limnäa. Dann zogen sie gegen Stratos, die größte Stadt Akarnaniens, in der Meinung, daß Alles übrige ihnen leicht zufallen würde, wenn sie erst diese genommen hätten.

Als die Akarnanier erfuhren, daß ein starkes Landheer eingefallen und auch eine feindliche Flotte zu erwarten sei, eilten sie sich einander nicht zu Hülfe, sondern vertheidigten eine jede Gemeinde sich selbst und sandten indessen zu Phormio mit der Bitte, er möge zu Hülse kommen. Dieser aber ließ sagen, er könne jetzt unmöglich Naupaktos unbeschützt lassen, da eine Flotte von Korinth abzusegeln im [*]( 22) Vgl. II. 69.. )

188
[*]( 429 Chr, ) Begriffe sei. Die Peloponnesier nun und ihre Bundesgenossen marschirten in drei getrennten Abtheilungen gegen die Stadt der Stratier, um in der Nähe ein Lager zu schlagen und, wenn dieselben nicht gütlich mit sich reden ließen, die Festigkeit ihres Ortes ernstlich zu erproben. In der Mitte marshcirten die Chaoner und die übrigen Barbaren, rechts von ihnen die Leukadier, Anaktorier und wer mit ihnen war, und links Knemos mit den Peloponnesiern und Amprakioten. Diese Abtheilungen trennten große Zwishcenränme, und manchmal konnten sie sich einander gar nicht sehen. Die Hellenen nun marshcirten in Reih und Glied und mit aller Vorsicht, <>is sie an einem geeigneten Orte ihr Lager geschlagen haben würden. Die Chaoner aber, voller Selbstzuversicht, wie sie denn auch unter den dortigen Festländern für die streitbarsten gehalten werden, brachten es nicht über sich, erst ein Lager zu schlagen, sondern stürzten mit den andern Barbaren eiligst vorwärts, in dem Glauben, sie würden die Stadt im ersten Anschrei nehmen und sie allein den Ruhm davon haben. Die Stratier aber erhielten davon Wind und dachten, wenn sie über diesen vereinzelten Haufen gesiegt hätten, so würden die Hellenen nicht mehr gleich muthig gegen sie vorgehen. Deshalb legten sie in der Umgebung der Stadt Hinterhalte, und als jene nahe genug waren, rückten sie zu gleicher Zeit aus der Stadt heran und brachen aus den Hinterhalten hervor. Da hiedurch die Chaoner in Verwirrung geriethen, so verloren sie viele von ihren Leuten, und als die andern Barbaren sie weichen sahen, so hielten sie nicht mehr Stand, und Alles wandte sich zur Flucht. Von diesem Gefechte hatte keine der beiden hellenischen Abtheilungen etwas gemerkt, weil die Barbaren zu sehr vorausgeeilt waren nnd die Hellenen glaubten, jene beeilten sich, um ein Lager zu schlagen. Da aber jetzt die Barbaren fliehend herbeistürzten, so nahmen sie dieselben aus, vereinigten ihr Lager und blieben den Tag über ruhig an jenem Orte stehen, da die Stratier nicht mit ihnen handgemein wurden, weil die übrigen akarnanischen Hülsstruppen noch nicht zu ihnen gestoßen waren. Doch beunruhigten jene sehr durch Schleuderwürfe aus der Ferne und brachten sie dadurch in große Verlegenheit, da sie ohne volle Waffenrüstung sich nicht vom Fleck entfernen dursten. Denn die Akarnanier werden für die geschicktesten Schleuderer gehalten.

189

Als es Nacht geworden war, zog sich Knemos in aller Eile [*]( 429 v. Chr. ) mit dem Heere auf den Fluß Anapos zurück, der von Stratos achtzig > Stadien entfernt ist. Die Todten ließ er des folgenden Tags unter dem Schutze eines Waffenstillstands abholen, und da die Oiniaden als Freunde zu ihm gestoßen waren, so zog er sich aus ihr Gebiet zurück, bevor noch die Verstärkung der Akarnaner eingetroffen war; und von da aus gingen sie auseinander, Jeder in seine Heimat. Die Stratier aber errichteten ein Siegeszeichen wegen des Gefechtes mit den Barbaren.

Die Flotte von Korinth und den übrigen Bundesgenossen im krisäischen Busen, welche hätte zu Knemos stoßen sollen, damit die vom Meere landeinwärts wohnenden Akarnanier nicht zu Hülfe kommen konnten, war nicht eingetroffen, sondern in denselben Tagen mit dem Gefecht bei Stratos wurde sie zu einem Seekampfe mit Phormio und den zwanzig athenischen Schiffen gezwungen, welche bei Naupaktos aus Wache standen. Denn Phormio lauerte den an der Küste Einshciffenden außerhalb des Meerbusens auf, um sie auf offener See anzugreisen. Die Korinther aber und ihre Bundesgenossen waren bei dieser Fahrt aus einen Seekampf gar nicht gefaßt, sondern in ihrer Ausrüstung mehr auf das Land-Unternehmen gegen Akarnanien bedacht gewesen, und es war ihnen auch nicht eingefallen, daß die Athener mit ihren zwanzig Schiffen eine Seeschlacht gegen ihre sieben und vierzig wagen würden. Sie bemerkten aber jener Ansegeln erst, als sie selbst noch an der peloponnesischen Küste hinschifften, und da sie die Athener von Chalkis und dem Euenos-Flusse her in dem Augenblicke auf sie lossteuern sahen, als sie gerade im Begriffe waren, von Paträ in Achaja nach Akarnanien überzufahren, auch nicht durch die Wahl ihres Ankerplatzes während der Nacht der Aufmerksamkeit jener entgehen konnten, so wurden sie gezwungen, mitten auf der Ueberfahrt eine Seeschlacht anzunehmen^). Sie hatten je nach den Städten, die zu dem Geschwader mitgerüstet, besondere Anführer; die Korinther selbst befehligten Machaon, Jsokrates und Agatharchidas. [*]( 25) Weil die Peloponnesier sich außerhalb des krisäischen Busens in dem von Paträ befanden, was eben Phormio wünschte, II, 86, (Kr). Andere übersetzen: mitten im Meerbusen. )

190
[*](429 v. Chr. )Die Peloponnesier stellten ihre Schiffe in einem Kreise auf, den sie ausdehnten, so weit es möglich war, ohne dem Feinde das Durchsegeln zu gestatten, die Schnäbel auswärts, die Hintertheile einwärts gekehrt; ihre leichten Schiffe, die mitfuhren, stellten sie in die Mitte und dazu die fünf besten Segler, die zum Ausfall aus geringer Entfernung bei der Hand sein sollten, wenn der Feind an irgend einem Punkt angriffe.