History of the Peloponnesian War
Thucydides
Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.
In demselben Winter vermochten die belagerten Potidäer sich nicht mehr zu halten, da die Einfälle der Peloponnesier in Attika ihnen keineswegs die Athener vom Hals schafften, ihnen selbst vielmehr die Nahrungsmittel ausgingen, und außer andern Dingen, welche die Noth zu genießen zwang, Einige sogar schon Menschensleisch gegessen hatten. Deshalb boten sie den gegen sie aufgestellen Feldherren der Aihener, Aencphon, dem Sohne des Euripides, Hestiodoros, dem Sohn des Aristokleides, und dem Phanomachos, des Kallimachos Sohn, die Hand zu einem Vergleiche. Und diese zeigten sich dazu auch willig, da sie sahen, wie ihre Truppen in der rauhen Gegend litten, und der Staat überdies schon zwei Tausend Talente auf die Belagerung ausgegeben hatte. Sie kamen nun dahin nberein, daß sie selbst mit Weib und Kind, sowie auch ihre Bundesgenossen, Jeder mit einer Gewandung, die Weiber aber mit zweien ausziehen sollten, und ein festgesetztes Stück Geld zur Wegzehrung durften sie auch mitnehmen. Unter dem Schutze dieses Vertrages nun zogen sie gegen Ehalkidike, oder wie es grade Einer einrichten konnte. Die Athener aber waren ungehalten über ihre Feldherrn, daß sie aus eigene Hand den Vertrag geschlossen, denn sie glaubten, die Stadt hätte sich doch auf Gnade oder Ungnade ergeben müssen. Später sandten sie Ansiedler aus ihrer Mitte nach Potidäa und besetzten damit die Stadt für sich.
Das ist's, was in diesem Winter geschah, und damit ging das zweite Jahr des Krieges zu Ende, welchen Thukydides beschrieben hat.
Im nächstfolgenden Sommer nun machten die Peloponnesier und ihre Bundesgenossen keinen Einfall nach Attika, sondern [*](429 v. Chr. ) wendeten sich gegen Platäa. Es befehligte aber Archidamos, des Zeuxidamos Sohn, König der Lakedämonier. Tiefer ließ das Heer
„Archidamos und ihr Lakedämonier! Ihr handelt nicht recht, noch euer und der Väter, von denen ihr abstammt, würdig, indem ihr gegen das Gebiet der Platäer zu Felde zieht. Denn als Pansanias, des Kleombrotos Sohn, der Lakedämonier, Hellas von den Medern befreit hatte, im Bunde mit den Hellenen, die mit ihm die Gefahr der Schlacht theilen wollten, welche unter unsern Mauern vorfiel, brachte er auf dem Markte der Platäer dem Zeus Befreier ein Opfer, und nachdem er alle Bundesgenossen zur Zeugenschaft herbeigerufen, übergab er den Platäern ihr Land und ihre Stadt als freie unabhängige Männer zu bewohnen, und niemals sollte sie Einer ungerechter Weise, oder um sie in Botmäßigkeit zu bringen, mit Krieg überziehen; wenn es aber doch geschähe, so sollten alle die gegenwärtigen Bundesgenossen nach Kräften abwehren. Dies Vorrecht haben uns eure Väter ertheilt zur Belohnung der Tapferkeit und des Eifers, welche wir in jenen Gefahren bewiesen; ihr aber thut nun davon das Gegentheil; denn im Bunde mit den Thebanern, unseren ärgsten Feinden, kommt ihr nun, uns in Knechtschaft zu zwingen. So rufen wir denn zur Zeugenschaft die eidbewachenden Götter von damals, die Gottheiten eurer Väter und unsere heimischen und ermähnen euch, das Gebiet von Platäa nicht zu schädigen, noch die Eidschwüre zu verletzen, sondern uns unabhängig hier wohnen zu lassen, wie Pausanias uns zugestanden hat."
Auf diese Rede der Platäer antwortete Archidamos: „Was ihr sagt, ist recht, ihr Männer von Platäa, wenn nur eure Thaten zu den Reden stimmen. Wie euch Pausanias verstattet hat, möget ihr in Unabhängigkeit leben! Aber helft auch die Andern befreien, welche damals mit euch die Gefahr getheilt und den Schwur mitgeleistet haben und nun von den Athenern unterjocht sind. Ihretwegen und zur Befreiung der Uebrigen ist auch diese große Rüstung und der Krieg unternommen, und nur wenn ihr mit daran Theil nehmt, bleibt ihr recht eurem Schwüre getreu. Wollt ihr das nicht, so fordern wir euch auf, wie wir schon früher gethan: haltet euch ruhig, regiert euch selbst, stehet aber zu keinem von beiden Theilen, sondern gestattet beiden
So antwortete Archidamos. Da nun die Platäischen Abgesandten ihn angehört hatten, gingen sie in die Stadt zurück, und nachdem sie ihren Bürgern jene Worte mitgetheilt, gaben sie ihm zur Antwort, es wäre ihnen unmöglich, zu thun was er begehre, ohne die Athener zu befragen; denn ihre Weiber und Kinder wären bei jenen. Auch seien sie in Furcht wegen ihrer Stadt selbst, ob nicht etwa nach dem Abzüge der Lakedämonier die Athener kämen und ihren Schritt nicht guthießen, oder ob nicht die Thebaner wieder einen Versuch machen würden, sich ihrer Stadt zu bemächtigen unter dem Vorwande, daß sie in Betreff der Ausnahme beider Theile auch mit in den Eidvertrag eingeschlossen seien. Darauf hieß sie Archidamos gutes Muthes sein und sagte: „Uebergebt ihr nur eure Stadt und die Landhäuser uns Lakedämoniern, zeigt uns die Gränzen eurer Gemarkung, und die Bäume, und was sich sonst von eurem Besitze zählen läßt, das zählt uns zu. Ihr selbst mögt dann hinziehen und wohnen, wo ihr wollt, so lange der Krieg währt. Ist er dann zu Ende, so werden wir euch wiedergeben, was wir übernommen haben. Bis dahin werden wir es als Pfand behalten, euer Land bebauen lassen und euch einen Ertragsantheil zuwenden, von dem ihr leben könnet."
Mit dieser Antwort kehrten jene wieder in die Stadt zurück, beriethen sich mit der Bürgerschaft und sagten ihm dann, sie wollten sein Begehren zuerst den Athenern mittheilen, und wenn diese dazu riethen, so wollten sie ihm willfahren. Bis dahin, baten sie, möge er ihnen Waffenruhe gewähren und ihr Land nicht verwüsten. Er gab ihnen nun so viel Tage Waffenstillstand, als nöthig schien, um hin und her zu kommen, und verheerte ihr Land nicht. Nachdem aber die platäischen Abgesandten zu den Athenern gekommen waren und sich mit ihnen berathen hatten, kamen sie zurück und meldeten denen in der Stadt Folgendes: „Weder vordem, ihr Männer von Platäa, seit wir ihre Bundesgenossen geworden, — so sagen die Athener, — hätten sie euch in irgend einem Dinge beleidigen lassen, noch auch würden sie jetzt ruhig zusehen, sondern nach Kräften zu Hülfe ziehen. Sie ermähnen euch bei den Eiden, die unsere Väter geschworen haben, an der Bundesgenossenschaft Nichts zu ändern." [*]( Thukydides. II. ) [*]( 13 )
[*](429 v. Chr. ) Aus diese Meldung der Boten hin faßten die Platäer Beschluß, sie wollten die Athener nicht ausgeben, sondern sich lieber auch die Verheerung ihres Landes gefallen lassen, wenn es sein müßte, und auch sonst mit ansehen und dulden, was kommen sollte; hinausgehen aber dürfe Keiner mehr, sondern von der Mauer herab wolle man antworten, daß es unmöglich sei zu thun, wie dieLakedämonier begehrten. Als sie nun diese Antwort ertheilt hatten, so rief König Archidamos die Götter und Helden des Landes zu Zeugen aus und sprach: „Ihr Götter alle, die ihr im Land der Platäer waltet, und ihr Herden, wisset, daß diese zuerst den beshcwornen Bund verlassen haben, und wir im Anfang darum nicht Unrecht thaten, als wir in dies Land kamen, in welchem auch unsere Väter zu euch gebetet und über die Wieder gesiegt haben, indem ihr gewährtet, daß es für die Hellenen ein glückbringendes Schlachtfeld sei; noch auch werden wir Unrecht thun, was wir nun weiter unternehmen; denn wozu wir sie ost und nach Billigkeit aufgefordert, konnten wir nicht erlangen. So gewähret nun, daß das Unrecht an denen gestraft werde, die es begonnen, und daß die Genugthuung finden, welche nach dem Gesetze zur Ahndung schreiten."
Nachdem er so die Götter angerufen hatte, schritt er mit dem Heere zum Beginn der Feindseligkeiten und umschloß die Stadt zuerst mit einem Pfahlwerk aus abgehauenen Bäumen, daß keiner mehr heraus könne. Dann schütteten sie einen Wall gegen die Stadt auf, in der Hoffnung, die Stadt werde bald genommen sein, da ihrer im Heere so viele Arbeiter seien. Dann hieben sie Bäume aus dem Kithäron und verbauten damit den Wall auf beiden Seiten, indem sie statt Manerwänden kreuzweis durch einander gebogenes Holzwerk anbrachten, damit nicht zu viel Erde abrutsche. Auch Reisig, Steine, Erde und was sonst förderlich sein konnte, wurde zugetragen. Sie arbeiteten aber an diesem Wall siebenzig Tage und Nächte ununterbrochen, indem sie sich zur Ausrast ablösten, so daß die Einen zutrugen, während die Andern Schlaf und Speise genossen. Die lakedämonischen Anführer der Bundestrnppen standen aber auch dabei [*]( 19) benagen (Fremdenführer) hießen die Spartiatc», irelche die Truppen der Bundesgenossen befehligten; vgl. Z'enoph. Hellen III, 5, T; V, 2, 7. )
Als die Peloponnesier dies merkten, so faßten sie Lehm in Rohrkörbe und warfen diese in die entstandene Lücke, damit diese Masse nicht wieder durchrutschen und wie die Erde weggeschafft werden könnte. Jene, denen also hier ein Riegel vorgeschoben war, hörten damit auf, gruben aber nun einen unterirdischen Gang aus der Stadt heraus, und als sie nach ihrer Berechnung sich unterhalb des Walles befanden, so schafften sie wieder den Schutt von unten hinweg nach ihrer Seite hin. Hievon merkten die draußen lange Zeit Nichts, so daß ihr Aufschütten wenig nützte, da von unten die Masse des Walles weggeschafft wurde, und derselbe sich gegen die Lücke zu immerfort senkte. Da die Platäer aber fürchteten, bei ihrer geringen Zahl auch so Nichts gegen die Menge ausrichten zu können, so ersannen sie dazu noch Folgendes. An dem großen Thurme gegenüber dem Walle hörten sie auf zu bauen und fingen an von beiden Seiten desselben, von der niedrigen Mauer an einwärts in die Stadt eine halbmondförmige Mauer aufzuführen, damit, wenn die große Mauer genommen wäre, diese neuen Widerstand leiste, und die Feinde gegen sie einen neuen Wall aufschütten müßten und so beim weiteren Vordringen doppelte Mühe hätten, während sie überdies mehr als früher von zwei Seiten beschossen werden könnten. Zugleich mit dem Wallbau führten die Peloponnesier auch ihre Maschinen gegen die Stadt. Eine derselben wurde auf dem Walle gegen das große Thurmbauwerk aufgestellt und erschütterte dasselbe gewaltig, so daß die Platäer in Schrecken geriethen; andere arbeiteten gegen andere Punkte [*]( 13*)