History of the Peloponnesian War

Thucydides

Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.

„Es versteht sich aber von selbst, daß ihr die Ehre, welche unserer Stadt aus der Herrschaft erwächst, und mit der ihr alle großthut, nicht im Stiche lassen dürfet, und keine Mühe scheuen, wenn ihr nicht überhaupt das Streben nach Ehre ausgeben wollet. Auch deutet nicht, daß es bei diesem Kampfe sich nur um Eines drehe, eigene Abhängigkeit oder Unabhängigkeit, — nein, es handelt sich auch um den Verlust der Herrschaft über Andere und um die Gefahren, die der Haß mit sich bringt, welchen unsere Herrschaft uns zugezogen hat; und diese aufzugeben, dazu ist jetzt gar keine Zeit mehr, wenn es auch vielleicht unter den gegenwärtigen Umständen Einer aus Furcht und aus biedermännischer Liebe zur Unthätigkeit thun möchte. Denn eure Herrschaft ist bereits eine Zwangsherrschaft geworden, und solche an sich zu reißen gilt zwar für Unrecht, allein sie aufzugeben ist gefahrvoll. Dergleichen Leute, wenn sie irgendwo nach ihrer Weise ein freies Staatswesen hätten und ihre Mitbürger mit ihren Meinungen ansteckten, sollten ihren Staat bald zu Grunde gerichtet haben! Denn solche Unthätigkeit kann die Freiheit des Staates nicht erhalten, wenn nicht eine rührige Thatkraft daneben steht; und nicht in einem herrshcenden Staate, sondern in einem unterworfenen ist gefahrlose Dienstbarkeit von Nutzen."

„Ihr aber laßt euch von so denkenden Mitbürgern nicht zum Narren halten und hegt keinen Unwillen gegen mich, — denn ihr selbst habt mit mir den Krieg beschlossen, — wenn auch die Feinde eingefallen sind und gethan haben, was zu erwarten stand, da ihr ihnen einmal nicht nachgeben wolltet. Es ist aber über unsere Erwartung auch noch diese Seuche hinzugekommen, das Einzige, was uns in schrecklicherer Art betroffen hat, als wir Alle voraussehen konnten; und ich weiß, daß ich von einem Theil eben deshalb noch mehr gehaßt werde; aber nicht mit Recht, ihr müßtet denn auch das mir zuschreiben, wenn euch gegen Erwarten irgend ein Glück zu Theil wird. Was von den Göttern kommt, muß man mit Ergebenheit, was von den Feinden kommt, mannhaft ertragen. So wenigstens

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[*]( 430 v. Chr. )war es früher in dieser Stadt Sitte, und ihr wollt es doch nicht ab« stellen? Bedeutet, daß sie unter allen Menschen den größten Namen hat, weil sie dein Unglücke nie gewichen ist; daß sie im Kriege an Menschenleben und Anstrengungen die größten Opfer gebracht hat, und bis auf diesen Tag eine Macht erworben, deren Andenken bei den Nachkommenden nie erlöschen wird, auch wenn mir jetzt einmal etwas zurückgehen sollten, denn Alles, was entstanden ist, muß ja auch einmal niedergehen. Wir sind es, die unter den Hellenen über die größte Zahl von Hellenen geherrscht und in den schwersten Kriegen der Gesammtheit wie den Einzelnen widerstanden haben, und so haben wir diese Stadt, die wir bewohnen, in allen Stücken zur blühendsten und größten gemacht. Das Alles mag freilich der tadeln, der die Thätigkeit für den Uebel halt; wer aber etwas ausrichten will, der wird uns selbst nacheifern, und wer im Erwerben nicht so glücklich ist, der wird uns beneiden. Daß wir aber gehaßt und scheel angesehen werden unter den jetzigen Umständen, das ist das Loos noch Aller gewesen, die je über Andere zu herrschen wünshcten. Wer aber um die größten Dinge Neid auf sich nimmt, der hat das Rechte gewählt; denn Haß dauert nicht lange aus, der gegenwärtige Glanz aber und der zukünftige Ruhm lebt ewig im Gedächtniß der Menshcen. Ihr also bedenket voraus, was in der Zukunft euch Ruhm und für die Gegenwart keine Schande bringt, und nach beiden strebet jetzt schon mit allem Eifer. Mit den Lakedämoniern fanget keine Unterhandlungen an, noch dürst ihr zeigen, daß die gegenwärtigen Unfälle euch niederdrücken; denn wer vom Unglück den Muth sich am wenigsten bengen läßt und ihm mit der That am kräftigsten widerstrebt, die sind unter Staaten und unter Bürgern die besten."

Durch solcherlei Reden suchte Perikles den Unwillen der Athener gegen sich zu entkräften und ihre Gedanken von den augenblicklichen Uebeln abzuleiten. In den öffentlichen Angelegenheiten nun folgten sie seinen Worten und schickten nicht weiter mehr zu den Lakedämoniern, sondern rüsteten sich noch eifriger zum Kriege; für sich aber blieb jeder von seinen eigenen Leiden niedergedrückt: das gemeine Volk, weil es nur Weniges besessen nnd auch das noch verloren hatte, die Reichen, weil sie sich ihrer schönen Besitzungen, ihrer Häuser auf dem Lande und der kostbaren Einrichtungen beraubt sahen,

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und, was von Allem das Wichtigste, weil sie Krieg hatten anstatt des [*]( 430 v. Chr. ) Friedens. Und in der That hörten sie insgesammt nicht eher aus, ihn mit ihrem Unwillen zu verfolgen, als bis sie ihn um eine Summe Geldes gestraft hatten. Wie es aber der große Haufe zu machen pflegt, so wählten sie ihn nicht lange danach wieder zum Feldherrn und übertrugen ihm alle Staatsgeschäfte; denn über das, was Jeder in seinem Häuslichen zu leiden hatte, dachten sie bereits milder, den Bedürfnissen des Staates aber glaubten sie, sei er am besten gewahcsen. Und in der That, so lange er im Frieden dem Staate vorstand, lenkte er ihn mit Mäßigung und bewahrte ihn mit sicherer Hand vor Unheil, und unter seiner Regierung erreichte er seine größte Macht. Als aber der Krieg eintrat, so zeigte es sich, daß er auch hierin die Kräfte des Staates vorher richtig geschätzt hatte. Er lebte aber während desselben noch zwei Jahre und sechs Monate, und als er gestorben war, da wurde seine Voraussicht in Betreff des Krieges erst recht erkannt; denn er hatte behauptet, wenn die Athener sich sonst ruhig verhielten, nur auf die Flotte Bedacht nähmen, während des Krieges ihre Herrschaft nicht weiter ausbreiten und die Stadt selbst keiner Gefahr aussetzen wollten, so würden sie Sieger bleiben. Sie aber wendeten dies Alles in's Gegentheil um und unternahmen aus persönlichem Ehrgeize und um des eigenen Aortheils willen andere Dinge, die mit diesem Kriege gar nicht im Zusammenhang standen, zu ihrem eigenen und ihrer Bundesgenossen Unglück, — Dinge, die, wenn sie gelangen, den Einzelnen zwar Ehre und Nutzen mehren konnten, wenn sie aber mißlangen, dem Staate für den Verlauf des Krieges zum Schaden gereichten. Die Ursache davon war, das; jener, an Ansehen und Einsicht hervorragend, unbestechlich war wie kein Anderer und die Menge durch seinen Freimuth im Zaume hielt. Er wurde nicht von jener gelenkt, sondern lenkte sie vielmehr selbst, weil er nicht durch unerlaubte Mittel zu seiner Macht gelangt war und ihnen deshalb nicht zu Gefallen reden mußte, sondern sich das Recht nahm, ihnen auch mit Leidenschaft zu widersprechen. Wenn er nun merkte, daß sie zur unrechten Zeit aus Uebermuth waghalsig werden wollten, so schlug er durch seine Reden ihre Stimmung bis zur Zaghaftigkeit nieder, und sah er sie in übertriebener Furcht, so richtete er sie wieder zur Kühnheit auf. So gab es dem Namen nach eine Volksherrschaft, in der
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[*]( 430 v. Chr. )That aber ging vom ersten Manne die Herrschaft aus. Die aber nach ihm kamen, mehr Einer mit dem Andern gleiches Ranges waren und doch Jeder der Erste werden wollten, fingen an dem Volke zu Gefallen ihm die Staatsangelegenheiten in die Hände zu geben, weshalb, wie es in einem großen und Andere beherrshcenden Staate natürlich ist, sowohl viele andere Fehler begangen wurden, als auch besonders die Seeunternehmung gegen Sicilien. Bei dieser lag aber der Fehler nicht sowohl in der Absicht rücksichtlich derer, gegen welche der Zug unternommen wurde, als vielmehr darin, daß die Unternehmer hinterher die Sache des abgegangenen Heeres nicht im Auge behielten, sondern unter lauter Ränken der Einzelnen um den Vorrang beim Volke die Kraft des Heeres todt legten und wegen der Staatsangelegenheiten zuerst unter sich selbst in Zerwürsniß geriethen. Obgleich sie nun in Sicilien sowohl ihre übrige Kriegsrnstung als auch den größten Theil der Flotte einbüßten, und auch bereits zu Haus unter ihnen Zwiespalt herrschte, so widerstanden sie doch noch drei Jahre ihren früheren Feinden und den Sikelioten noch dazu, während gleichzeitig auch die meisten ihrer Bundesgenossen zu jenen übergegangen waren und auch des Perserkönigs Sohn, Kyros, sich denselben angeschlossen hatte, der den Peloponnesiern Geld zu einer Flotte gab. Und nicht eher gaben sie nach, als bis sie durch ihre eigenen Zwistigkeiten ganz und gar herabgekommen waren. Soweit war Penkles damals noch unter der Wirklichkeit zurückgeblieben, als er voraus berechnete, daß sie im Kriege gegen die Pcloponnesier allein sehr leicht den Sieg behalten würden.

Die Lakedämonier aber und ihre Bundesgenossen gingen desselbigen Sommers mit Hundert Schiffen unter Segel gegen Zakynlhos, der Insel gegenüber von Elis. Es wohnen dort Ansiedler aus den Peloponnesischen Achaiern, und damals hielten diese zu den Athenern. Die Lakedämonische Flotte führte Tausend Schwerbewaffnete, und der Spartaner Knemos hatte den Oberbefehl. Sie stiegen an's Land und verheerten weithin die Insel; da aber jene nicht nachgaben, so schifften sie nach Hause zurück.

Gegen Ende desselben Sommers wollten Aristeus, der Korinther, und von den Lakedämoniern als Abgesandte Aneristos und ^^ikolaos und Stratodemos und der Tegeate Timagoras und mit

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ihnen anS persönlicher Bewegung Es auch der ArgiverPolliszum Könige [*](430 v. Chr. ) nach Asien reisen, ob sie ihn vielleicht bewegen möchten, Hülfsgelder zn zahlen und mit ihnen am Kriege theilzunehmen. Auf dem Wege dahin gingen sie zuerst nach Thrakien zum Sitalkes, dem Sohne des Teres, um ihn wo möglich zu überreden, daß er von der Bundes- genostenschast mit den Athenern abfalle und ein Heer nach Potidäa schicke, wo noch die Belagerungstruppen der Athener standen. Von hier ans wollten sie dann durch jenes Vermittelung über den Hellespont zum Pharnakes, des Pharnabazos Sohn, gelangen, der sie dann weiter zum Hofe des Königs befördern sollte. Es waren aber auch gerade Gesandte der Athener bei dem Sitalkes, Learchos nämlich, Sohn des Kallimachos, und Ameiniades, des Philemon Sohn, und diese überredeten den Sohn des Teres, Sadokos, der athenischer Bürger geworden war, ihnen jene Männer in die Hände zu liesern, damit sie nicht zum Könige gelangen und der Stadt Schaden zufügen möchten , die ja zum Theil auch für ihn Vaterstadt sei. Dieser ließ sich überreden und jene aus der Reise durch Thrakien zu dem Schiffe, welches sie über den Hellespont bringen sollte, bevor sie sich einschiffen konnten, festnehmen, indem er dem Learchos und dem Ameiniades Leute mitgab, welche den Befehl hatten, ihm jene Männer auszuliefern. Tiefe nahmen die Gefangenen und brachten sie nach Athen. Als sie dort ankamen, ließen die Athener aus Furcht, Aristeus möge, wenn er ihnen entkäme, ihnen noch weiteren Schaden zufügen, — denn in der That hatte es sich gezeigt, daß er vordem wegen Potidäa's und Thrakiens Alles eingefädelt hatte, — noch an demselben Tage Alle unangehört hinrichten, obwohl sie Einiges vorbringen wollten, und in Gruben werfen. Hierdurch wollten sie das mit Gleichem vergelten, womit die Spartaner den Anfang gemacht hatten, indem sie die Kauflente von den Athenern und ihren Bundesgenossen, die mit ihren Lastschiffen die peloponnesishcen Gewässer befuhren, ergriffen, tödteten und in Gruben warfen. Und in der That hatten zu Anfang des Krieges die Lakedämonier Alles, was sie auf dem Meere ergriffen, als Feinde umgebracht, mochten sie nun Kampfgenossen der Athener sein, oder zu keinem von beiden Theilen stehen. [*]( 18) Argos als Staat stand nämlich auf Seit: der Athener, vgl. l, 115. )
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[*]( 431 v. Chr. ) Uni dieselbe Zeit, gegen Ende des Sommers, zogen auch die Amprakioten mit eigener Macht und mit vielen Barbaren, die sie ausgeboten hatten, gegen das amphilochische Argos und die übrig? Landschaft Amphilochia zu Felde. Der Anfang ihrer Feindschaft gegen die Argiver hatte diese Veranlassung. Das amphilockische Argos und den ganzen Staat Amphilochia gründete nach seiner Rückkehr von Troja, da er an den Zuständen von Argos keinen Gefallen fand, Amphilochos, des Amphiaraos Sohn, am Meerbusen von Amprakia und gab ihm nach seiner Vaterstadt den gleichen Namen Argos. Diese Stadt war die größte in Amphilochia und hatte auch die reichsten Einwohner. Um viele Geschlechter später aber geriethen sie durch Unglückssälle in Bedrängniß und luden ihre amprakischen Nachbarn ein, sich unter ihnen niederzulassen, und damals lernten sie ihre jetzige hellenische Sprache von den Amprakioten, die sich unter ihnen ansiedelten; die übrigen Amphilochier aber sind Barbaren. Nach einiger Zeit nun trieben die Amprakioten die Argiver aus und nahmen die Stadt selbst in Besitz, worauf sich die Amphilochier den Akarnanern ergaben und beide die Athener zu Hülfe riefen, die ihnen den Feldherrn Phormio mit dreißig Schiffen zusandten. Nach Phormio's Ankunft nahmen sie die Stadt Argos mit Gewalt und verkauften die Amprakioten in die Sklaverei, und seitdem bewohnten Amphilochier und Akarnaner die Stadt gemeinsam. Danach kam zuerst die Bundesgenossenschast zwischen Athenern und Akarnanern zu Stande. Seiden, aber damals ihre Leute als Sklaven verkaust worden waren, nährten die Amprakioten Haß gegen die Argiver, und später unternahmen sie in diesem Kriege den eben erwähnten Zug mit eigener Macht und mit Hülsstruppen der Chaoner und anderer benachbarter Barbaren. Sie rückten vor Argos und machten sich des Landes Meister, die Stadt aber konnten sie trotz ihrer Bestürmung nicht nehmen, und so zogen sie wiederum ab und gingen ein jeder Stamm in seine Heimath. Das war es, was in diesem Sommer geschehen ist.

In dem nun folgenden Winter schickten die Athener zwanzig Schiffe in die peloponnesischen Gewässer unter Anführung des Phormio, der sich bei Naupaktos aufstellte und Wache hielt, daß von Korinth und dem Krisäischen Meerbusen weder Jemand aus- noch einsegeln konnte. Andere sechs Schiffe sandten sie unter dem Ober

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befehl des Melesander nc^ch Karten und Linien, damit sie in jenen [*]( 430 v. Chr. ) Gegenden Geld eintreiben und Acht haben sollten, daß peloponnesiscke Kaperschiffe sich nicht festsetzten, um von dort aus die Fahrt der Kausmannsschiffe von Phaselis und Phönikien und dem dasigen Festlande zu beunruhigen. Als aber Melesander mit der Besatzung der athenischen Schiffe und mit Truppen der Bundesgenossen einen Einsall in die lykische Landschaft machte, so fiel er selbst, und mit ihm ging ein Theil des geschlagenen Heeres zu Grunde.