History of the Peloponnesian War
Thucydides
Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.
Während jene aber noch in der Ebene lagen, und bevor sie sich nach dem Seelande gezogen hatten, rüstete er eine Flotte von hundert Schiffen zum Augriff auf den Peloponnes, und als sie nun bereit war, ging er unter Segel. Aus diesen Schiffen führte er 4000 athenische Schwerbewaffnete und drei Hundert Reiter auf Fahrzeugen, die damals aus alten Schiffen zum ersten Male für Pferde eingerichtet worden waren. Die Chier und Lesbier schifften mit fünfzig Segeln mit. Als diese Unternehmung der Athener abging, ließ sie die Pelo
Während der ganzen Zeit, als die Peloponnesier auf attischein Gebiet waren und die Athener aus den Schiffen, würgte die Seuche die Athener sowohl ans der Flotte als in der Stadt, so das; auch behauptet wurde, die Peloponnesier hätten das Land schneller geräumt aus Furcht vor der Krankheit, deren Austreten in der Stadt sie durch Ueberläufer erfuhren, während sie auch selbst die mit dem Begraben Beschäftigten sehen konnten. Doch waren sie bei dem diesjährigen Einfalle die längste Zeit im Land geblieben, denn ihr Aufenthalt auf attischem Boden hatte ungefähr vierzig Tage gewährt.
Noch in demselben Sommer nahmen Hagnon, Sohn des Nikias, und Theopompos, des Kleinias Sohn, die Mitseldherrn des Perikles, dieselben Schiffe, mit welchen dieser seine Unternehmungen ausgeführt hatte, und zogen gegen die Chalkidier an der thrakifchen Gränze und gegen Potidäa, das immer noch belagert wurde. Als sie gelandet waren, ließen sie ihr Sturmzeug gegen Potidäa spielen und suchten die Stadt ans jegliche Weise zu nehmen. Aber es gelang ihnen weder die Einnahme derselben, noch hatten sie sonst einen Erfolg, der ihre Rüstung gelohnt hätte. Denn die mitgebrachte Krankheit bedrängte hier die Athener aus's Aergste und lichtete ihre Reihen, ja auch die alten Belagerungstrnppen, die bis dahin gesund gewesen waren, wurden durch die Mannschaft des Hagnon angesteckt. Phormion mit seinen sechzeynhundert Mann stand nicht mehr im Gebiet der Chalkidier. So kehrte nun Hagnon mit den Schissen nach Athen zurück, nachdem er in ungefähr vierzig Tagen von vier Tausend Schwerbewaffneten fünfzehn Hundert durch die Seuche verloren hatte. Die
Nach dem zweiten Einfalle der Peloponnesier fingen die Athener an, anderes Sinnes zu werden, da ihr Land nun schon zum zweiten Male verheert worden war, und mit dem Kriege auch die Seuche sie bedrängte. Sie klagten den Perikles an, daß er sie zum Kriege beredet habe, und durch sein Verschulden sei so viel Unglück über sie gekommen; und mit den Lakedämoniern hätten sie sich gerne verglichen. Auch schickten sie wirklich Gesandte dahin, aber ohne etwas auszurichten. Jetzt waren sie durchaus unschlüssig und hörten nicht aus dem Perikles zuzusetzen. Da er nun sah, wie sie die gegenwärtige Lage unwillig ertrugen, und sich ganz so benahmen, wie er es im Voraus vermuthet hatte, so berief er eine Versammlung, — denn er war noch Feldherr, — um ihnen Muth einzusprechen, ihren Unwillen abzuleiten und sie gemäßigter und vertrauensvoller zu stimmen. Er trat also auf, und redete wie folgt:
„Euer Unwille gegen mich kommt mir nicht unerwartet, denn ich kenne dessen Ursachen, nnd deshalb habe ich die Volksversammlung berufen, um euch zur Rede zu setzen nnd zurechtzuweisen, wenn ihr mir mit Unrecht zürnt oder feige vor dem Mißgeschick weichet. Denn ich bin der Meinung, daß ein Staat, der im Ganzen sich wohlbefindet, den einzelnen Bürgern viel mehr zu nützen vermag, als ein solcher, dessen einzelne Bürger alle wohlhabend sind, mit dem es aber im Ganzen schlecht steht Denn geht es auch dem einzelnen Manne für sich noch so gut, so ist er beim Untergange des Vaterlandes doch mit verloren, geht es ihm aber schlecht, so hat er in einem glücklichen Staate viel mehr Gelegenheit sich aufzuhelfen. Wenn nun also der Staat im Stande ist, das Unglück Einzelner zu übertragen, jeder Einzelne aber für sich unfähig ist. das des Staates zu übertragen, sollen dann nicht Alle für ihn einstehen und das vermeiden, was ihr jetzt thut, daß ihr euch durch häusliches Unglück so weit verwirren lasset, das gemeinsame Wohl ganz außer Augen zu lassen, und auf mich, der ich den Krieg veranlaßt habe, und auf euch selbst, die ihr mit dafür gestimmt habt, unwillig zu sein? Und einem Manne zürnet [*]( 17) Vgl. Macaulay, E's.'yS I, 101 (Lci.'Z. Tauchilitz) Kr. )
„Wenn Einer, der sonst im Glücke ist, die freie Wahl hat, so ist es eine große Thorheit, den Krieg zu wählen; wenn aber keine andere Wahl da ist, als durch Nachgeben sich dem Fremden zu unterwerfen oder mit der Gefahr des Kampfes den Sieg zu suchen, so ist der, welcher die Gefahr meidet, schlechter als wer sich ihr stellt. Ich für mein Theil bin derselbe geblieben und ändere meine Grundsätze nicht, ihr aber wechselt eure Gesinnungen; denn als ihr im Glücke wäret, ließt ihr euch von mir überreden, und nun, da ihr Verluste erlitten habt, wandelt euch Neue an, und nur in eurer eigenen Gesinnungsschwäche erscheint euch meine Ansicht als unrichtig, weil für Verluste Jeder im Augenblicke Empfindung hat, Alle zusammen aber keine Vorstellung von dem zukünftigen Nutzen. Tritt ein bedeutender Umschwung ein, und dazu noch plötzlich, so ist eure Denkart zu niedrig, als daß ihr aus dem beharrtet, was ihr für gut erkannt habt. Denn was plötzlich und unvorhergesehen und ganz und gar gegen alle Erwartung eintritt, das beugt den Muth nieder; und das ist euch, wie bei andern Dingen, so auch vorzüglich bei der Pest geschehen. Und doch solltet ihr, als Bürger einer großen Stadt und in den entsprechenden Gesinnungen auferzogen, auch den größten Unfällen die Stirne bieten und eure Würde nie verläugnen, — denn mit gleichem Rechte tadeln die Menschen denjenigen, der aus Feigheit hinter ererbtem Ruhme zurückbleibt, als sie den hassen, der frechmüthig nach dem Ruhme greift, der ihm nicht gebührt. Ihr solltet also eigene Unfälle verschmerzen und nur das Ganze zu retten streben."
[*]( 430 v. Chr. ) „Was aber die Anstrengungen des Krieges wegen betrifft, von denen ihr besorgt, daß sie zu groß für uns werden, und wir vielleicht doch nicht Sieger bleiben möchten, so muß euch das genügen, wodurch ich euch schon früher ost gezeigt habe, daß eure Furcht ungegründet ist. Ich will aber jetzt den Punkt aushellen, den ihr mir weder selbst jemals recht zu bedenken schienet, nämlich die Größe eurer wirklichen Macht, und über den auch ich in meinen früheren Reden nicht gesprochen habe. Und auch jetzt würde ich ihn nicht hervorziehen, da es zu sehr den Anschein der Prahlerei hat, wenn ich euch nicht ganz über alle Gebühr niedergeschlagen sähe. Ihr glaubet nämlich, daß ihr nur über eure Bundesgenossen herrschet; ich aber sage, daß von den zwei Gebieten, auf denen man sich bewegen muß, Land und Meer nämlich, ihr das eine ganz und gar bherrschr, so weit ihr bis jetzt reicht, und noch weiter, wenn ihr nur wollt. Es gibt heute Niemanden, der eurer jetzigen Flotte die See wehren könnte, weder einen König noch auch sonst ein Volk. Es kommt also die Benutzung der Häuser und der Ländereien, mit denen ihr so gar viel verloren zu haben glaubt, neben dieser eurer Macht gar nicht in Betracht. Und es ist nicht in der Ordnung, daß ihr diesen Verlust so gar schwer empfindet; vielmehr solltet ihr dergleichen gering achten, wie allenfalls ein Gärtchen oder ein Prunkstück des Reichthums, und denken, daß die Unabhängigkeit, wenn wir an ihr festhaltend den Kampf überdauern, uns leicht dergleichen wiederbringen wird, daß aber, wenn wir erst Anderen gehorchen, auch der frühere Besitz seinen Werth verliert. Wir dürfen in beiden Dingen nicht schlechter fein als unsere Väter, die jenes unter Mühe und Anstrengung erworben, nicht von Andern ererbt, festgehalten und glücklich auf uns gebracht haben. Es ist aber viel schimpflicher, sich nehmen zulassen, was man hat, als beim Versuche es zu erwerben unglücklich zu sein. Und unseren Feinden müssen wir nicht nur mit hochherziger Unerschrokceuheit, sondern sogar mit Verachtung entgegen gehen. Prahlen kann auch einmal ein Feiger, wenn er, ohne die Gefahr kennen gelernt zu haben, glücklich gewesen ist, verachten aber nur der, der an einsichtigem Muthe den Feind zu übertreffen sich bewußt ist; und das ist bei uns der Fall. Auch die Kühnheit wird bei gleichem Glücke durch das Bewußtsein, auf den Gegner herabsehen zu können, sicherer gemacht; auf die Hoffnung baut