History of the Peloponnesian War

Thucydides

Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.

Wie einstimmig anerkannt wurde, war das Jahr in Bezug auf sonstige Krankheiten ein vorzüglich gesundes, und wenn Einer an sonst etwas litt, so schlugen alle Uebel in dies Eine um. Die Andern aber ergriff ohne irgend welche Veranlassung, sondern ganz plötzlich und in voller Gesundheit, zuerst eine starke Hitze im Kopfe und Nöthe und Entzündung der Augen. Die innern Theile, Schlund und Zunge, unterliefen dann sogleich mit Blut, und der Athem wurde schlecht und übelriechend; dann folgten Niesen und Heiserkeit, und binnen Kurzem stieg das Uebel in die Brust hinab, unter starkem Husten, und wenn es sich aus den Magen gesetzt hatte, kehrte es diesen um, und es erfolgten nach einander alle die Entleerungen der Galle, wie sie von den Aerzten mit Namen ausgezählt werden , und zwar unter großen Schmerzen. Die Meisten befiel ein leeres Schluchzen und dics verursachte einen heftigen Krampf, der bei den Einen bald, bei den Andern aber erst nach langer Zeit nachließ. Aeußerlich war der Körper nicht sehr heiß zum Anfühlen nnd auch nicht blaß, sondern geröthet und in's Blcisarbige spielend, uud in kleine Blasen und Geschwüre aufgefahren. Innerlich aber litt man solchen Brand, daß man nicht einmal die Bedeckung ganz leichter Gewänder oder der feinsten Leinwand ertragen und nur völlige Nacktheit leiden mochte; am liebsten hätte man sicb in kaltes Wasser gestürzt, und das thaten auch Viele von denen, deren

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Niemand Acht hatte, indem sie in die Brunnen sprangen, von unauf-[*]( 430 v. Chr. ) hörlichem Durste gequält. Und es war ganz gleichgültig, ob Einer viel trank oder wenig. Ruhelosigkeit und Mangel an Schlaf quälten unaufhörlich. Der Körper selbst, wie lange auch die Krankheit schon währte, welkte nicht, sondern leistete über Erwarten dem Verderben Widerstand, so daß die Meisten erst am neunten oder siebenten Tag an innerem Brande starben, obgeich sie sonst noch bei Kräften waren, oder — wenn sie hier entrannen, so stieg die Krankheit in den Unterleib hinab, und dann bildeten sich große Geschwüre, und nichtzustillender Durchsall trat ein, in dessen Folge die Meisten später aus Entkräftung zu Grunde gingen. Denn den ganzenKörper durchlief das Uebel, anfangend beim Kopfe, wo es sich zuerst festsetzte; und wenn Einer über das Schlimmste hinausgekommen war, so zeigte sich dies an, indem das Uebel die äußersten Körpertheile befiel; denn es ergriff die Scham- theile und die Finger und die Zehen, und Viele kamen mit dem Verluste dieser Gliedmaßen davon, Manche aber verloren auch die Augen. Einige ergriff, nachdem sie Alles überstanden, augenblicklich Vergessen» heit aller Dinge, und sie kannten sich selbst und ihre nächsten Angehörigen nicht mehr.

Daß die Besonderheit dieser Seuche über alle Beschreibung geht, zeigt sich schon darin, daß sie den Einzelnen mit einer Gewalt anfiel, welche die menschliche Natur nicht zu ertragen vermochte; daß sie aber etwas ganz Unerhörtes war, beweist das Folgende. Von den Vögeln und Vierfüßlern, welche sonst von Leichnamen fressen, rührte keiner die vielen unbegrabenen Todten an, oder wenn das Thier davon sraß, so verendete es selbst. Beweis dafür ist das unzweifelhafte Verschwinden von dergleichen Vögeln, und man sah weder sonstwo einen, noch auch in der Nähe der Leichnam. Am deutlichsten war diese Wirkung bei den Hunden wahrzunehmen, weil sie in Gesellschaft der Menschen leben.

Dies war im Ganzen die Art der Krankheit, um von vielen andern seltsamen Dingen zu schweigen, die dabei vorzugsweise dem Einen oder dem Anderen zustießen. Zu gleicher Zeit hatte man von den sonst gewöhnlichen Krankheiten Nichts zu leiden, und wenn etwas der Art vorkam, so schlug es in jene um. Es starben aber wie die, denen es an Pflege mangelte, so auch die mit aller Sorgfalt Gevflea« [*]( ThukydideZ. II. ) [*]( 12 )

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[*]( 430 v. Chr. ) ten. Es gab auch nicht cm besonderes Heilmittel, von dem man sagen konnte, daß sein Gebrauch hätte nützen müssen; denn was dem Einen nützte, erwies sich dem Andern schädlich. Die Leibesbeschaffcnheit für sich genommen, war es ganz gleichgültig, ob Einer kräftig war oder schwächlich, sondern Alles ohne Unterschied raffte die Seuche dahin, ob sich nun Einer so oder so behandeln ließ. Das Furchtbarste dabei war aber die Muthlosigkeit, wann sich Einer von dem Uebel ergriffen fühlte, — dein dann überließ man sich allsogleich der Hoffnungslosigkeit, gab sich über Gebühr selbst auf und leistete keinen Widerstand, — und daß, Einer durch die Pflege des Andern angesteckt, die Menschen dahinstarben wie die Schafe. Das war es, was den stärksten Verlust verursachte. Denn wenn man aus Furcht sich den Andern zu nähern vermied, so gingen diese in ihrer Verlassenheit zu Grunde, wie denn viele Häuser aus Mangel an Wärtern ganz ausgestorben waren. Wer aber sich jenen näherte, ging auch zu Grunde, und besonders die, welche den Tugendpflichten ein Genüge leisten wollten; denn aus Scham schonten sie sich selbst nicht und besuchten ihre Freunde, da auch die nächsten Anverwandten, überwältigt von dem endlosen Elende, des Klagens über die Gestorbenen müde wurden. Größeres Mitleid aber, mit den Gestorbenen sowohl wie mit den noch Leidenden, hatten die Geretteten, weil sie das Uebel kannten und sich selbst bereits in Sicherheit wußten. Denn zum zweiten Male befiel Keinen die Krankheit so, daß er daran gestorben wäre. Und die Andern und sie selbst priesen sich glücklich, vor großer Freude über die Gegenwart sowohl, als auch weil sie der Hoffnung lebten, daß ihnen nun vielleicht keine Krankheit mehr tödtlich werden könnte.

Es bedrängte sie aber zudem vorhandenen Elend mehr noch der Zusammenfluß von Menschen vom Lande nach der Stadt, und nicht weniger litten dadurch die Ankömmlinge selbst. Denn da die Häuser für sie nicht hinreichten, sondern sie sich zur Sommerszeit in dumpfigen Hütten aushalten mußten, so gingen sie in wüstem Unwesen zu Grunde, ja sogar aus und über einander starben sie dahin und blieben als Leichen liegen, oder sie wälzten sich auf den Straßen und um alle Brunnen, halbtodt aus Begierde nach Wasser. Die Tempel, in denen sie ein Unterkommen gesucht hatten, waren gestillt mit Leichen,

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da sie an heiliger Stelle dahin starben. Denn ganz überwältigt von [*]( 430 v. Chr. ) dem Elend wußten die Menschen nicht, was da noch werden sollte, < und fingen an sich nm göttliche wie um menschliche Dinge nicht mehr zu kümmern. Alle gesetzlichen Gebräuche, die man früher bei Begräbnissen beobachtet hatte, wurden vernachlässigt, und Jeder begrub seine Todten, wie er eben konnte. Viele ans Mangel an den nöthigen Erfordernissen, da ihnen schon zu Viele gestorben waren, wurden so schamlos, daß sie ihre Todten auf fremde Scheiterhaufen legten und diese in Brand steckten, ehe noch die dazu kommen konnten, welche sie ausgerichtet hatten, oder auch warfen sie ihren mitgebrachten Leichnam aus den ersten besten brennenden Scheiterhaufen und machten sich davon.

Auch in andern Dingen war die Seuche für die Stadt der Anfang vermehrter Gesetzlosigkeit. Denn womit Einer früher geheim gethan hatte, darin ließ er jetzt schon mit größerer Frechheit seiner Lust die Zügel schießen, weil er sah, wie schnell ein Glückswechsel eintrat, wie die Reichen plötzlich dahinstarben, und solche, die früher Nichts besessen, jener Hab und Gut in Besitz nahmen. So trachteten sie also ihre Genüsse zu beschleunigen und deren Süßigkeit zu erhöhen, denn Leib und Gut sahen sie beides gleich schnell vergänglich. Und um des Guten und Rühmlichen wegen sich einer Mühe zu unterziehen, war Keiner geneigt, da er es für ungewiß hielt, ob er nicht zu Grunde gehen werde, bevor er das Ziel erreicht habe. Was aber schon an sich selbst angenehm war oder irgendwie dem Genuß förderlich schien, das galt auch sür schön und nützlich. Weder Furcht der Götter noch menschliches Gesetz hielt da Einen zurück, denn weil man Alle in gleicher Weise umkommen sah, so urtheilte man auch, daß es gleichgültig sei, ob man die Götter fürchte oder nicht fürchte, und Keiner hoffte so lange zu leben, bis er wegen seiner Verbrechen vor Gericht gestellt und gestraft würde; vielmehr sah er eine bereits fest verhäugte und viel größere Strafe über seinem Haupte schweben, und bevor diese hereinbreche, sei es doch billig, daß man seines Lebens noch in etwas genieße.

In solchem Elend lebten die bedrängten Athener: in der Stadt starben die Menschen dahin, und draußen wurde ihnen das Land verwüstet. In dieser Noth erinnerten sich auch, wie leicht zu denken, die älteren Leute des Wahrspruchs, der vor Zeiten sollte gegeben worden sein: [*]( 12* )

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430 v. [*]( Chr. ) „Kommen wird einstmals dorischer Krieg lind mit ihm die Seuche." Hierüber entstand nun ein Streit unter den Leuten, es habe in dem von den Alten überlieferten Wahrspruch nicht geheißen „die Seuche" (loimos), sondern „der Hunger" (liinos); unter den gegenwärtigen Umständen siegte aber natürlich die Meinung, es habe geheißen, „die Seuche." Denn das Gedächtnis; der Menschen war willig, sich nach tem gegenwärtigen Leiden zu richten, und ich glaube, wenn später wieder einmal ein dorischer Krieg käme und dabei eine Hungersnoth ansbräche, so würde man ganz gewiß die Weissagung danach zustutzen. Wem aber die Sache bekannt war, der erinnerte sich auch des den Lakedämoniern gegebenen Götterspruches, als ihnen damals, da sie den Gott befragten, ob sie den Krieg anfangen sollten oder nicht, zur Antwort wurde: wer mit Macht den Krieg betreibe, dessen werde der Sieg sein, und dem werde auch der Gott selbst beistehen; — und diese urtheilten nun, daß das Eingetroffene der Weissagung ganz entspreche, denn gleich nach dem Einfalle der Peloponnesier fing auch die Seuche an, und im Peloponnes trat sie nicht so auf, daß es der Rede werth gewesen wäre, sondern wüthete grade am ärgsten in Athen, und dann später auch in den volkreichsten anderen Städten. Das ist's, was von der Pest zu berichten war.

Die Peloponnesier nun, nachdem sie das flache Land verwüstet, zogen sich nach der Landschaft, welche das Seeland genannt wird, bis nach Laurion hinab, wo die Athener ihre Silbergruben haben, und verheerten zuerst die Seite, welche gegen den Peloponnes hin schaut, und dann die, welche gegen Enböa und Andros gekehrt ist. Perikles aber, der auch für dies Jahr Feldherr war, blieb bei seiner Meinung, daß die Athener nicht aus der Stadt gehen dürften, um jene anzugreifen, wie auch während des ersten Einsalles.