History of the Peloponnesian War
Thucydides
Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.
„Deshalb habe ich mich auch länger bei der Schilderung unseres Staates verweilt, um zu zeigen, daß wir und Andere, die Nichts dem Geschilderten Aehnliches besitzen, nicht um gleichen Preis kämpfen, und zugleich um die Ruhmwürdigkeit dieser hier, um deren willen ich jetzt rede, in deutlichen Beweisen vor Augen zu stellen. Denn was ich eben an unserer Stadt Lobwürdiges erwähnt, damit haben dieser Männer und ihres Gleichen Tugenden sie geschmückt, und sürwahr nicht bei vielen Hellenen möchte ein solcher Ausspruch, wie bei diesen, die Thaten nicht zu überbieien scheinen. Ein solches Ende aber, wie Diese es erlangten, scheint mir als erstes Probestück Mannestapferkeit zu bekunden, und als letztes sie zu besiegelte. Denn auch bei Solchen, die in andern Dingen sich schlechter gezeigt, wäre es billig, daß die für das Vaterland im Kampfe gegen den Feind bewiesene Tapferkeit über jenes hinaus hoch angerechnet werde; denn indem sie durch ihre Tapferkeit die Erinnerung an das Schlechte austilgten, haben sie dem Gemeinwesen mehr genützt, als im Einzelnen geschadet. Von diesen hier aber hat weder Einer, den Genuß vorziehend, im Reichthums sich verweichlicht, noch auch in der Hoffnung, der Armuth zu entgehen
„Als so tapfere Männer also haben sieh diese erwiesen, wie es ihre Pflicht.g^en die Stadt war. Die Ueberlebenden nun mögen zwar die Götter um ein ungefährdetes Leben bitten, aber es auch für Pflicht halten, nicht minder kühne Gesinnung gegen den Feind zu hegen. Den Nutzen derselben sollt ihr aber nicht blos durch Worte euch anschaulich machen, die Einer gar weitschweifig machen könnte, indem er euch vorhält, was Alles für gute Dinge von Abwehr der Feinde abhängen, ohne daß ihr es darum nicht auch schon vorher gewußt hättet; vielmehr sollt ihr die Kräfte des Staates täglich euch vor Augen stellen und ihn liebgewinnen, und wenn euch seine Macht groß zu sein dünkt, so bedenkt, daß kühne Männer, die wußten, was Noth thut, und die im Kampfe aus die Stimme der Schaam und der Ehre hörten, jene Macht erworben haben, — die, wenn ihnen auch einmal ein Unternehmen fehlschlug, darum nicht gleich dem Staate ihre Tapferkeit entziehen wollten, sondern für ihn sich selbst als schönstes Opfer Hingaben. Gemeinsam mit den Andern haben sie ihr Leben blosgestellt. und für sich haben sie unsterbliches Lob errungen und das schönste Grab, nicht nur das, in welchem sie ruhen, sondern das vielmehr, in welchem in der Brust eines jeden Mannes bei jedem Anlaß der Rede oder der That unvergessen ihr Ruhm lebt. Berühmter Männer Graberde ist jedes Land, und nicht mir die Inschrift einer Säule in der eigenen Heimath bezeichnet sie, sondern auch im fremden Lande lebt in Jedem ungeschrieben das Gedächtniß mehr ihres Muthes als ihrer That. Diese also ahmet nach und suchet das Glück in der Freiheit, die Freiheit aber im eigenen Muthes, und übersehet nicht die vom Feinde drohende Gefahr. Denn nicht die, welche ein elendes Dasein führen,
„Deshalb will ich euch Aeltern der Gefallenen, soviel eurer anwesend sind, nicht beklagen, sondern vielmehr nur trösten. Denn ihr selbst wißt, in wie vielfachem Wechsel des Glückes ihr gelebt habt, und daß glücklich sein nur dem zu Theil wurde, der einen so ruhmvollen Tod erlangt wie diese, und eine so ruhmvolle Trauer wie ihr, und dem es zugemessen wurde, in Dem auch seinen Tod zu finden, was das Glück seines Lebens ausmachte. Ich weiß wohl, daß es schwer ist, euer Gemüth zu überreden, da ihr ost Anlaß zur Erinnerung an jene haben werdet, wenn ihr Andere in einem Glücke seht, dessen ihr euch selbst einst erfreutet. Auch betrübt man sich ja nicht um Güter, durch deren Verlust unsere Zukunft keines gewohnten Genusses beraubt wird, sondern um solche, an deren Genuß man gewöhnt war. Aber auch in der Hoffnung auf andere Kinder sollen die ihr Gemüth auf« richten, die noch in dem Alter sind, Nachkommen zu erzielen; denn im eigenen Hause werden die Neugeborenen den Schmerz heilen um die, die nicht mehr sind, und dem Staate wird es doppelter Vortheil sein, nicht arm zu werden an Bürgern und an Sicherheit zuzunehmen. Denn es ist nicht möglich, daß Einer in recht gleicher Denkart mit den. Andern an den Berathungen um das Gemeinwohl theilnehme, wenn er nicht, wie die Andern, Kinder daran zu wagen hat. Ihr aber, die ihr über jenes Alter hinaus seid, sollt es als Gewinn betrachten, daß ihr den längeren Theil eures Lebens in Glück verbracht habt, und daß das Uebrige nur noch kurz sein wird; und an dem Ruhme dieser Todten möget ihr euer Gemüth heben, denn die Ehre allein ist nicht alternd, und in den Jahren unnützlicher Schwäche ist es nicht Geldgewinn, was am meisten erfreut, wie Viele sagen, sondern Ehre zu genießen."
„Euch Söhnen aber und Brüdern der Gefallenen, sopiel Euer anwesend sind, seh ich großen Wettjamps bevorstehen. Denn
„So habe denn auch ich, dem Gesetze gehorchend, was ich zu sagen wußte, in der Rede vorgebracht; durch die That sind die Be> grabenen schon geehrt. Ihre Kinder aber wird die Stadt von jetzt an bis zur Mannesreife auf öffentliche Kosten erziehen, und damit fetzt sie diesen Todten wie den Ueberlebenden einen nützlichen Siegerkranz als Kampfpreis aus. Denn die Bürgerschaft wird die tapfersten Männer zählen, in welcher die Tapferkeit der höchste Preis erwartet. Nun aber weihet Jeder den Seinigen dieTodtenklage, nnd dann gehet nach Hause."
So wurde die Grabfeier in diesem Winter abgehalten, und mit ihm war auch das erste Jahr dieses Krieges abaelanfen. Sobald aber der Sommer seinen Ansang genommen hatte, fielen allsogleich die [*](430 v. Chr. ) peloponneper und ihre Bundesgenossen mit zwei Drittheuen ihrer Heeresmacht in Attika ein, wie auch das erste Mal. Anführer war Archidamos , des Zeuxidamos Sohn, König der Lakcdämonier. Sie schlugen ein Lager und fingen dann an das Land zu verwüsten. Noch waren sie erst wenige Tage in Attika, da sing zuerst die Seuche an sich unter den Athenern zu zeigen, und sie soll zwar, wie erzählt wird, schon früher zu mehreren Malen auf Lemnos und auch ander, wärts ausgebrochen sein, aber seit Menschengedenken war keine solche Pest und kein solches Sterben irgendwo vorgekommen. Denn auch die Aerzte vermochten Anfangs Nichts auszurichten, da sie die Krankheit behandelten, ohne sie zu kennen, sondern grade sie starben am häufigsten weg, da sie ja auch am meisten mit ihr in Berührung kamen. Und auch keine andere menschliche Kunst wollte helfen. Alles Beten in den Tempeln, Orakelbefragen und dergleichen war Alles nutzlos, und endlich, vom Uebel ganz bewältigt, unterließ man auch das.
[*]( 430 v. Chr. ) Zuerst soll sie sich, wie erzählt wird, in Aethiopien jenseits AegMen gezeigt haben, dann stieg sie nachAegypten und Libyen hinab und in viele Länder des persischen Königs. In die Stadt der Athener aber kam sie ganz plötzlich, und zwar befiel sie zuerst die Leute im Piräeus, so daß unter diesen sich Stimmen vernehmen ließen, als hätten die Pcloponnesier Gift in die Cisternen geworfen, — denn Brunnen gab es damals dort noch nicht. Bald kam sie aber auch in die obere Stadt, und es starben nun schon viel mehr Menschen daran. Mag nun aber über die Krankheit, wo sie wahrscheinlich ihren Ursprung genommen, und über die Ursachen, die eine so große Veränderung zu bewirken die Kraft hatten, Jeder reden, wie er denkt, sei er Arzt oder Laie, — ich will hier nur erzählen, wie sie sich gezeigt hat, und will sie so schildern, daß Einer, wenn sie einmal wiederkommen sollte, genug von ihr wisse, um sie nicht zu verkennen; denn ich selbst habe sie über« standen uud habe auch Andere gesehen, die daran Niederlagen.