History of the Peloponnesian War
Thucydides
Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.
[*]( 431v Chr. ) „Die an diesem Orte vor mir gesprochen, haben meist Dem eine Lobrede gehalten, der zu dem gesetzlichen Brauche noch diese Art von Rede hinzugefügt hat, weil es für ihre eigene Person ihnen ehrenvoll schien, zum Preise der im Kampfe Gefallenen zu sprechen. Mir aber schien es zu genügen, wenn tapferer Männer Thaten auch nur durch eine That geehrt werden, — durch eine Handlung, meine ich , wie ihr sie hier zu diesem Begräbnis; aus öffentlichem Wesen in's Werk gesetzt seht, — und nicht sollte von Einem Manne die Tapferkeit vieler Männer Gefahr fürchten müssen; denn, wem ihr Lob anvertraut wird, kann vielleicht gut reden, aber vielleicht auch schlecht. Im Reden das rechte Maß halten, ist schwer, und kaum wird auch durch dasselbe eine richtige Anschauung von der Wahrheit hervorgerufen. Denn wer von den Zuhörern die Thaten selbst mit angesehen hat, und sosern er ein wohlwollender Mann ist, wird leicht die Schilderung unter seiner eigenen Erwartung und seiner Kenntniß finden. Wer aber des Vorgefallenen unkundig ist, wird Manches für übertrieben erachten, weil sich in ihm der Neid regt, wenn er von Dingen hört, die über seine Kräfte gehen. Denn bis zu dem Punkte ertragen die Menschen wohl Lobsprüche auf Andere, so lange Jeder glaubt, selbst solcher Thaten fähig zu sein, wie er sie da mit anhört. Was aber darüber hinausgeht, dem schenkt man keinen Glauben, weil sich dann der Neid regt. Weil es aber denen vor uns als löblicher Gebrauch ershcienen ist, so muß auch ich mich in das Gesetz schicken und muß streben, Euer Aller Wunsch und Meinung zu genügen, so gut ich's kann."
„Beginnen aber will ich mit unseren Vorfahren , denn wir sind damit nur gerecht gegen sie, und zugleich geziemt es sich bei solcher Gelegenheit, daß ihnen diese Ehre der Erinnerung gegeben werde. Denn nie wollten sie dies Land mit einem andern vertaushcen, und so, von Geschlecht zu Geschlecht es fortvererbend, haben sie es uns durch ihre Tapferkeit als freien Boden überliefert. Und verdienen sie darum Lob, so sind unsere Väter dessen noch würdiger; denn über das hinaus, was sie empfingen, haben sie die Macht, die wir jetzt besitzen, nicht ohne Mühe auf uns gebracht. Das größte Wachsthum des Staates aber haben wir selbst, wir Genossen der Gegenwart, und besonders wir, die wir jetzt im besten Mannesalter stehen, zu Wege gebracht. Wir haben die Stadt in allen Stücken in den Stand gesetzt, daß sie
„Wir haben eine Verfassung, welche die Gesetzgebung anderer Staaten nicht nachahmt, im Gegentheile sind wir selbst viel mehr Andern zum Muster, als daß wir Auswärtige nachahnitet. Und mit Recht wird sie, weil nicht bei Wenigen, sondern bei der großen Menge die Gewalt ist, Volksherrschaft genannt. Es hat nämlich in eigenen Sachen Jeder gleiches Recht mit dem Andern, nnd was Staatswürden anlangt, so wird nicht bevorzugt, wer einer besonderen Kaste angehört, sondern Jeder, je nachdem er gerade in irgend einem Fache Werthschätzung genießt oder Tüchtigkeit zeigt. Und auch nicht der Armuth wegen, wenn er nur dem Staate irgendwie nützen kann, legt Einem die Unscheinbarkeit seines Standes ein Hindernis; in den Weg. Mit Freiheit behandeln wir unsere Staatsangelegenheiten und eben so frei das bei den Gelegenheiten des täglichen Verkehrs leicht entstehende Mißtrauen gegen einander; wir sind auf den Nachbar nicht erbost, wenn er seiner Lust einmal die Zügel schießen läßt, und verhängen keine Ahndüngen, wie Andere (die Lakedämonier) pflegen, die zwar dem Geldbeutel nicht wehe thun, aber dem Auge mit anzusehen empörend sind. Im täglichen Umgang bewegen wir uns frei von Härte und Sauersthen, und doch überschreiten wir dem Staate gegenüber die Vorschriften nie, aus Scheu und Ehrfurcht vorzüglich, indem wir ans die jedesmaligen Obrigkeiten und die Gesetze hören , und vorzüglich aus die, welche zum Schutze der Beeinträchtigten bestehen und die, zwar ungeschrieben, doch in der allgemeinen Denkart dem Uebertreter Schande drohen."
„Und auch von Müh' und Arbeit haben wir dem Geiste zahlreiche Erholungen bereitet, durch gesetzliche Kampfspiele und die im Jahre wiederkehrenden Opferfeste; dann auch durch gefällige Ein«
„Wir untershceiden uns aber auch in Handhabung des Kriegswesens von unseren Gegnern darin, daß wir den Zutritt zu unserer Stadt freigeben, und es kommt nicht vor, daß wir durch Fremdcnaustreibung irgend Jemanden am Lernen oder Beshcauen hindern, damit nicht etwa Einer unserer Feinde nicht verborgen Gehaltenes sehe und daraus Nutzen ziehe; denn wir vertrauen weniger auf Nnstwerk und Kniffe, als auf unsere eigene Thatenlnst und Tapferkeit. In der Jugenderziehung suchen jene schon von klein auf durch mühevolle Uebungen Mannhaftigkeit zu erwerben, wir aber gehen, wenn auch viel gemächlicher lebend, doch nicht weniger entschlossen in den Kampf ungewisser Entscheidung gegen den gleichstarken Feind. Beweis dafür ist, daß die Lakedämonier nicht nur mit ihrer eigenen Macht, sondern mit allen möglichen Bundesgenossen gegen unser Land zu Felde ziehen. Wenn aber wir selbst in auswärtiges Gebiet einfallen, so gewinnen wir auf fremdem Boden und im Kampfe gegen solche, welche ihr Eigenthum vertheidigen, meist den Sieg. Unsere Gesammtmacht aber hat noch kein Feind sich gegenüber gesehen, weil wir auch zugleich immer die Flotte bedenken und unsere Landmacht selbst auf viele Punkte vertheilen. Wenn sie aber mit einem Bruchtheil unserer Macht zusammengestoßen sind und den Sieg davon getragen haben, so prahlen sie, sie hätten unsere Gesammtheit geworfen; sind aber sie besiegt worden, so heißt es, sie wären unserer gesammten Macht gegenüber in Nachtheil gewesen. Und wenn wir auch wirklich mehr ans leichtem Blute als in Folge mühseliger Gewöhnung, und weniger in Folge einer tapferen Gesetzgebung als ans angeborner Tapferkeit die Gefahr des Kampfes lieben, nun so sind wir im Vortheil, denn wir sind nicht im Vorans durch Mühsal ermattet und zeigen uns doch bei der That nicht weniger kühn als die, welche ihr Leben lang sich abmartern."
„Hierin ist unsere Stadt der Bewunderung würdig: aber nicht minder in anderen Stücken. Denn wir sind Freunde des Schönen, ohne im Auswande das Maß zu überschreiten, und pflegen der
„Und auch von der Tugend des Wohlthnns denken wir anders als die meisten; denn nicht durch Empfangen, sondern durch Wohlthaten erweisen erwerben wir uns Freunde. Beständiger ist ja die Gesinnung des Wohlthäters, der das schuldige Dankgefühl durch fortgesetztes Wohlwollen bei dem Empfänger zu erhalten bemüht ist. Der zum Dank Verpflichtete ist schon weniger eifrig, da er nicht um freie Gunst zu erweisen, sondern um eine Schuld abzutragen, das empfangene Gute erwidern muß. Wir allein sind es, die weniger aus Berechnung des Nutzens als aus edlem Vertrauen einer freien Denkart Andern Wohlthaten erweisen, ohne Undank zu fürchten."
„Und um es mit Einem Worte zu sagen, so behaupte ich, daß unsere Stadt eine Bildungsschnle für ganz Griechenland sei, und daß Mann für Mann bei uns sich Jeder den meisten Anforderungen mit größter Anmuth und Gewandtheit gewachsen zeige. Und daß dies Alles nicht für diese Gelegenheit erfundener Redeprunk, sondern die