History of the Peloponnesian War
Thucydides
Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.
Die Athener nun befolgten, was sie gehört hatten, und schafften Weib und Kind und das Geräthe, wie es in der Haushaltung gebraucht wird, nach der Stadt und vergaßen auch nicht das Holzwerk ihrer niedergerissenen Häuser. Das Schafvieh und die Zugthiere schifften sie nach Euböa über und den andern umliegenden [*]( 10) Die grade Entfernung bis zum nächsten Küstenpunkt betrug nur zwanzig Stadien, Pausan. s, 10, 3. (Kr.) )
Dies war nämlich von Uralters her bei den Athenern mehr als bei Andern Sitte. Denn unter Kekrops und den ersten Königen bis aus die Zeiten des Theseus wurde Attika durchweg in einzelnen Stadtgemeinden bewohnt und zählte viele Prytaneen und Archonten; und wenn nichts Besonderes zu fürchten war, so ging man auch nicht zum König, sich gemeinsam zu beratheu, sondern jede Gemeinde regierte und berieth sich selbst, und es kam auch sogar vor, daß Einzelne unter einander Krieg führten, wie die Elensinier mit dem Eumolpos gegen den Erechtheus. Als aber Theseus König geworden war, der zur Klugheit auch Macht besaß, tras er seine übrigen Einrichtungen im Lande, und nachdem er auch die Rathhäuser und Regierungen der andern Gemeinden aufgelöst hatte, machte er die jetzige Stadt zum gemeinsamen Mittelpunkt der Gemeinwesen, indem er nur Ein Rathhans und Ein Prytanenm gelten ließ; und wenn er auch einen Jeden über das Seine frei schalten ließ, wie vorher, so nöthigte er sie doch, in Athen die einzige Stadt zu sehen, welche denn auch, da Aller Leistungen hier zusammenflössen, von Theseus den Nachkommen groß und mächtig überliefert wurde. Daher kommt es auch, daß die Athener noch heutiges Tags zu Ehren der Göttin (Athene) öffentlich das Fest der Synoikia (d. i. Vereinigung der Wohnorte) begehen. Vor jener Zeit nannte man das Stadt, was jetzt Akropolis (Hochstadt) heißt, und was sich südlich an dieselbe anschließt. Zum Beweise dafür dient sowohl, daß auch die Tempel anderer Götter in der Akropolis bei einander liegen, als auch der Umstand, daß die außerhalb gelegenen näher an diesem Stadttheile erbaut sind; so der Tempel des Olympischen Zeus, das Pythische Hciligthum, der Tempel der Ge und der des Dionysos bei den Teichen, dem zu Ehren am zwölften des Monats Anthestenan die älteren Dionysien gefeiert werden, welche Sitte auch die von den Athenern abstammenden Joner noch heutzutage beobachten. Es stehen aber auch noch andere Heiligthümer in der Nähe dieses Stadttheiles, und so bediente man sich auch bei bedeutungsvollen Gelegenheiten, weil sie eben nahe lag, der Quelle, welche jetzt Enneakrnnos (Nennbrunn) heißt, seitdem die Tyrannen sie auf die jetzige Weise Herrichten ließen; srüher aber, als der Qnellgrund
Es halten also die Athener meist selbständig für sich auf dem Lande gewohnt, und da auch nach ihrer Vereinigung, sowohl in der älteren Zeit, als noch bis auf diesen Krieg herab, die Mehrzahl gemäß der alten Sitte aus dein Lande ihre vollständige häusliche Einrichtung hatte und auch selbst dort wohnte, so ging der Umzug nicht ohne Schwierigkeit vor sich, zumal es noch nicht lange her war, daß sie nach Beendigung der Perserkriege sich wieder häuslich eingerichtet hatten; sondern es war ihnen empfindlich und unangenehm, die Häuser und Tempel, die sie aus den Zeiten der alten Staatsverfassung her durchweg als von den Vätern ererbt betrachteten, verlassen und ihre ganze Lebensweise ändern zu sollen, und es dünkte einem Jeden nicht anders, als ob er seine Vaterstadt verlassen müsse.
Als sie nun in die Stadt zusammenströmten, gab es nur für sehr Wenige Wohnungen oder eine Zuflucht bei Freunden und Verwandten, Die Mehrzahl suchte also ein Unterkommen aus den unbebauten Plätzen der Stadt oder in den Tempeln und Kapellen, allein ausgenommen die Akropolis und das Eleusiuion, und was sonst durchaus abschließbar war. Sogar das Pelasgikon '') am Fuße der Burg, das zu bewohnen ein Fluch verbot, — woraus sich auch die letzte Zeile einer pythischen Weissagung bezieht, deren Worte sind:
Besser ist auch, das Pelasgikon bleibt unbewohnt — wurde gleichwohl unter dem Zwange der augenblicklichen Umstände ganz zu Wohnungen verwendet. Mit dieser Weissagung scheint es mir die umgekehrte Bewan'otniß zu haben, als wie man sie auszulegen pflegte. Nicht durch die gesetzwidrige Benützuug zu Wohnungen wurde das Unheil über die Stadt gebracht, sondern durch den Krieg entstand die Nothwendigkeit, das Feld zu Wohnungen zu verwenden. Diesen hat freilich das Orakel nicht genannt: es wußte eben vorher, daß es nie zu einer guten [*]( 11) Ebenes Feld an der Noriwestscite der Burg, Strase, Hellas I, S. 416 II. S. 78. )
Zu gleicher Zeit dachte man auch an die Kriegsbereitschaft, zog die Bundesgenossen zusammen und rüstete ein Geschwader von hundert Schiffen zur Unternehmung gegen den Peloponnes. — So stand es hier mit den Rüstungen.
Das Heer der Peloponnesier rückte auf seinem Marsche in Attika zuerst vor Oenoe, in welcher Gegend sie den Einfall machen wollten. Dort lagerten sie und trafen Vorbereitungen, um mit Sturmmaschinen und in anderer Art gegen die Befestigungen vorzugehen; denn das auf der Gränze zwischen Attika und Böotien gelegene Oenoe hatte Mauern, und die Athener hielten zu Kriegszeiten dort eine Besatzung. Die Vorbereitungen zum Sturm wurden langsam betrieben, und auch sonst ging die Zeit unbenutzt hin, und hieraus entstand gegen den Archidamos kein geringer Verdachtgrund, denn schien er schon in den Zurüstungen zum Kriege unentschlossen und den Athenern förderlich zu sein, indem er nicht entschieden für den Krieg stimmte, so schadete ihm jetzt, als das Heer beisammen war, die auf dem Jsthmos eingetretene Verzögerung und die Langsamkeit im weiteren Vorgehen noch mehr, vorzüglich aber der Aufenthalt vor Oenoe, denn unterdessen brachten die Athener Alles ein, und es schien, als ob die Peloponnesier bei schnellem Vor-dringen noch Alles hätten außerhalb überraschen können, hätte nicht des Archidamos Zögerung dies verhindert. Deshalb zürnte ihm das Heer wegen dieses Aufenthaltes. Er aber hielt zurück, wie man sagt, in der Meinung, daß die Athener doch in etwas nachgeben und sich besinnen würden, ihr Land der Plünderung preiszugeben.
Nachdem sie nun Oenoe berannt und den Ort auf jede Weise zu nehmen vergeblich sich bemüht hatten, die Athener aber sich keineswegs zu Unterhandlungen herbeiließen, so zogen sie von dort ab, ungefähr am achtzigsten Tage nach dem Einfall der Thebaner in Platäa, — zur Sommerszeit, da die Feldfrncht in Blüthe stand, — und fielen in Attika ein. Archidamos, des Zeuxidamos Sohn, König der
Dabei nun, daß Archidamos zur Schlackt bereit in der Gegend von Acharnä stehen blieb und bei diesem Vorrücken nicht gleich in die Ebene hinabstieg, soll sein Gedanke der gewesen sein: die Athener, welche an junger Mannschaft Ueberfluß hatten und wie nie zuvor zum Kriege gerüstet waren, würden wohl ausfallen und nicht ruhig zusehen, wie ihr Gebiet verwüstet werde; da sie ihm aber weder bei Eleusis noch auf der thriasischen Ebene entgegenrückten, so versuchte er, sie durch das Lager bei Acharnä herauszulocken; denn es schien ihm der Platz zu einem Lager sehr geeignet; und dann glaubte man auch von den Acharnern, welche einen großen Theil der Stadtbevölkerung ausmachten, — sie stellten nämlich dreitausend Schwerbewaffnete, — sie würden die Verheerung ihres Eigenthums nicht ruhig mit ansehen, sondern auch die Uebrigen zum Kampfe anspornen. Sollten aber die Athener auch bei diesem Einfalle nicht aus der Stadt rücken, so könne er sür die Zukunft um so furchtloser die Ebene verwüste« und der Stadt selbst sich nähern; denn die ihres Eigenthums beraubten Acharner würden nicht sehr geneigt sein, sich wegen Anderer Gut der Gefahr auszusetzen, und es werde dann Uneinigkeit eintreten. Solche Gedanken bestimmten den Archidamos, bei Acharnä stehen zu bleiben.