History of the Peloponnesian War

Thucydides

Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.

„Hergesendet haben uns die Lakedämonier, um mit euch, ihr Athener, wegen der Männer auf der Insel zu unterhandeln und mit euch zu vereinbaren, waS nützlich für euch ist und zugleich ehrenvoll für uns, soweit dieß bei unserem Unfälle nach den gegenwärtigen Umständen möglich ist. Unsere Rede wird etwas lang ausfallen, was jedoch nicht gegen unsere Gewohnheit ist; vielmehr lieben wir eS, dort zwar wenige Worte zu machen, wo kurze Rede genügt, ziehen aber die längere vor, wo die Umstände die Erreichung des Zweckes in Aussicht stellen, wenn man in längerer Rede zeigen kann, was förderlich ist. Nehmt aber unsere Worte nicht feindselig auf und nicht so, als ob wir in euch Unwissende belehren wollten, sondern nehmt sie als eine Mahnung an Kundige, einen edlen Entschluß zu fassen. Denn eS steht jetzt bei euch, das Glück, daS euch eben zu Theil geworden ist, zu eurem Ruhme zu wenden, indem ihr behaltet, waS ihr jetzt besitzt, und noch Ehre und Lob dazu gewinnet; und ihr dürft nicht über euch herein­ [*]( i«) Ein Chönir — 54.39 Pariser SudikjvN 0.0V06 Scheffel; eine Aoüzl, s- lZ.SS Pariser CubikjvN »» eh Maß. )

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[*]( 425 v. Chr. ) ziehen, was denen begegnet, die ein ungewohnter Glücksfall trifft und die nun voll guter Hoffnung immer nach Größerem trachten, weil auch das gegenwärtige Glück ihnen wider Verhoffen zugeflogen ist. Ueber wen aber schon mancher Wechsel gekommen ist, beides in Glück und Unglück, der thut wohl daran, erst recht mißtrauisch zu sein gegen Glücksgunst. In eurer Stadt sollte diese Ansicht in Folge eurer Erfahrung herrschen, und bei uns versteht es sich wohl von selbst."

„Davon mögt ihr euch überzeugen, indem ihr unser jetziges Unglück bedenkt. Denn wir, die unter den Hellenen am höchsten angesehen sind, kommen nun zu euch und glaubten doch früher, daß es vielmehr in unserem Willen stehe, euch das zu gewähren, weßwegen wir nun hier sind, um es von euch zu erbitten. Und doch hat uns das nicht betroffen aus Ungenügen unserer Kraft, oder weil wir der überlegenen Macht gegenüber die unsere hochmüthig überschätzt hätten, sondern im gleichen Besitz unserer alten Stärke haben wir eben die Rechnung ohne den Wirth gemacht, und das kann Alle gleicherweise betreffen. Es wäre also nicht Recht, wenn ihr wegen der jetzigen Macht eurer Stadt und eurer Bundesgenossen glauben wolltet, das Glück müsse euch immer günstig sein. Besonnene Männer sind die, welche ihre Sache ans alle Fälle sicher stellen — und solche möchten wohl auch einem Unglücksfall mit größerer Einsicht begegnen können — und die vom Kriege nicht die Meinung haben, als ob er Einem zu Willen sei, so wie man ihn grade machen wolle, kurz oder lang, sondern so wie das Glück die Zufälle lenkt. Und solche Männer, die am wenigsten Unglück trifft, weil sie nicht im Vertrauen auf einen Erfolg sich überheben, solche besonnene Männer sind wohl auch im Glücke am ehesten bereit, Frieden zu machen. Und so nun gegen uns zu handeln, wäre ruhmvoll für euch, ihr Athener, und ihr würdet dann nicht Gefahr laufen, später einmal, wenn ihr uns jetzt nicht folgt und dann ein Unglück erleidet, was doch oft vorkommt, in die Meinung zu kommen, daß auch eure jetzigen Vortheile nur dem Glück zu verdanken waren, während es jetzt, ohne weiter etwas zu wagen, bei euch steht, den Ruhm der Macht und der Einsicht auch für die Zukunft zu behalten."

„Die Lakedämonier fordern ench auf, Frieden zu schließen und dem Krieg ein Ende zu machen, und bieten euch ihrerseits Frie

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den und Bundesgenossenschaft und alle Freundschaft und Bereitwil- [*]( 425 v. Chr. ) ligkeit im gegenseitigen Verkehr. Dafür Melangen sie ihre Mannschaft ^ von der Insel, und sie glauben, daß es für beide Theile besser sei, nicht weiter das Waffenglück aus die Probe zu stellen, ob nun jene mit Gewalt sich befreien möchten, wenn günstige Gelegenheit zur Rettung sich darböte, oder ob sie vielleicht noch früher durch Einnahme der Insel in eure Hände sielen. Auch glauben wir, daß große Feindschaften nicht dadurch sichere Beseitigung finden, wenn Einer sich seines Gegners erwehrt hat und ihm im Kampfe weit überlegen geblieben ist und ihn nun mit Gewalt zwingt, einen Frieden unter unbilligen Bedingungen zu beschwören, sondern wenn er, trotzdem es in seiner Macht stand, so zu handeln, in milder Denkart sich edeisinnig darüber erhebt und mit seinem Gegner selbst gegen dessen Erwarten ein billiges Abkommen trifft. Denn so fühlt der Gegner nicht mehr die Verpflichtung, wie Einer, dessen Recht niedergetreten wurde, sich zu rächen, sondern die, sich ebenso edelsinnig zu zeigen, und er ist aus Ehrgefühl viel bereitwilliger, die Bedingungen des Friedens zu halten; und die Menschen pflegen dieß bei größeren Feindschaften lieber zu thun, als bei unbedeutenderen Zwistigkeiten. Und sie sind so von Natur geartet, daß sie denen gegenüber, welche aus eigener Bewegung Milde walten lassen, auch ihrerseits mit Freude nachgeben, den Hochmüthigen gegenüber aber lassen sie es selbst gegen bessere Einsicht lieber auf Kampf ankommen."

„Wenn jemals, so ist jetzt Aussöhnung für uns beide ehrenvoll, bevor noch ein Ereigniß zwischen uns tritt, das unheilbare Folgen hat, denn in diesem Falle müßten wir neben der Feindschaft des Staats auch ewigen Privathaß gegen euch hegen, und ihr würdet der Vortheile verlustig gehen, zu denen wir euch jetzt einladen. So lange es zwischen uns aber noch nicht zu dieser Entscheidung gekommen ist, euch mit unserer Freundschaft Ruhm zu Theil wird und wir einen schimpflichen Ausgang durch mäßige Einbuße abwenden, sollten wir uns aussöhnen. Laßt uns selbst den Frieden statt des Krieges wählen und auch den andern Hellenen Ausrast von diesen Uebeln gewähren. Und dafür werden diese vorzugsweise euch Dank schuldig zu sein glauben; denn sie sind in den Krieg verwickelt, ohne klar zu wissen, wer von uns beiden ihn herbeigeführt hat. Tritt aber Friede

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[*]( 425 v. Chr. ) an seine Stelle, was jetzt mehr in eurer Willkür liegt, so werden sie den Dank darob euch wissen. Und faßt ihr diesen Beschluß, so steht es bei euch, ob ihr dann — mehr durch Güte, als durch Gewalt — die treue Freundschaft der Lakedämonier euch erwerben wollt; und sie selbst laden euch dazu ein. Bedeutet, welche Vortheile ganz gewiß damit verbunden sind, denn wenn wir und ihr eins sind, so wißt ihr, daß das übrige Hellenenthum, als der schwächere Theil, uns die höchste Ehre erweisen wird."

So nun redeten die Lakedämonier, im Glauben, die Athener hätten sich schon lange nach dem Frieden gesehnt und er sei nur durch ihre Unbereitwilligkeit gehindert worden; wenn jenen aber Friede geboten werde, so würden sie mit beiden Händen danach greifen und ihnen ihre Leute ausliefern. Die Athener aber dachten, der Friede sei ihnen jetzt, da sie die Mannschaft auf der Insel in ihrer Hand hätten, zu jeder Zeit sicher, wann sie ihn nur schließen wollten, und trachteten nach größerem Vortheil. Besonders aber bestärkte sie hierin Kleon, des Kleänetos Sohn, zu jener Zeit unter den Demagogen der, welchem das Volk am meisten vertraute. Der überredete sie zu der Antwort: erst sollten die Leute auf der Insel die Waffen und sich selbst ausliefern und nach Athen schaffen lassen. Wären sie dort angekommen, so sollten die Lakedämonier Nisäa und Pegä und Trözen und Achaia herausgeben, welches sie nicht durch Krieg gewonnen hatten, sondern bei dem früheren Vergleich"), als die Athener, vom Unglück bedrängt und damals des Friedens sehr bedürftig, sich dazu herbeigelassen hatten, — dann erst sollten die Leute herausgegeben und ein Friede geschlossen werden, auf wie lange Zeit es beiden Theilen gefalle.

Auf diese Antwort nun erwiderten jene Nichts, sondern verlangten, es solle ihnen ein Beirath von Männern zugegeben werden, dann wollten sie in Ruhe durch Rede und Gegenrede über jeden einzelnen Punkt eine Vereinbarung treffen, sofern sie unter einander der Rede eins würden. Da aber schlug Kleon einen großen Lärm auf und sagte, er hatte von vorn herein gesehen, daß sie nichts Billiges im Sinne hätten, und jetzt liege es ganz klar aus der Hand, [*]( 11) Vgl. l. 103. 115. )

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sonst würden sie sich nicht scheuen, zum Volke zu reden, und sich nur [*]( 425 v. Chr. ) mit wenigen Männern vereinbaren wollen. Hätten sie etwas Auf-! rechtes im Sinn, sagte er, so sollten sie es nur vor Allen vorbringen. Da nun die Lakedämonier sahen, daß sie nicht vor einer großen Volks- menge reden könnten, selbst wenn sie sich in der Bedrängniß zu etwas Weiterem verstehen wollten, damit sie nicht ihren Bundesgenossen zum Spott würden, als hätten sie Vorschläge gemacht und seien abgewiesen worden, noch auch, daß die Athener unter mäßigen Bedingungen aus ihre Vorschläge eingehen würden, so reisten sie unverrichteter Sachen wieder von Athen ab.

Sogleich nach ihrer Rückkunft wurde der Vergleich wegen Pylos aufgehoben, und die Lakedämonier forderten ihre Schiffe zurück, wie sie übereingekommen waren. Da erhoben aber die Athener Einspruch wegen eines vertragswidrigen Angriffs aus die Festung und anderer Dinge wegen, die unerheblich scheinen konnten, gaben die Fahrzeuge nicht heraus und steiften sich darauf, es sei ja ausgemacht worden, daß der Vertrag als gebrochen betrachtet werden solle, wenn auch nur ein noch so geringfügiger Punkt übertreten worden. Dem widersprachen nun die Lakedämonier und nannten dieß Verfahren mit den Schiffen eine Ungerechtigkeit; dann gingen sie weg und begannen wieder die Feindseligkeiten. Von beiden Seiten wurde jetzt der Krieg um Pylos mit Anstrengung geführt. Die Athener umruderten die Insel bei Tag immer mit zwei Schiffen, die gegen einander fuhren, und zur Nachtzeit gingen sie rings um das ganze Eiland vor Anker, — nur nicht, wann es stürmte, gegen die offene See hin. Auch waren von Athen noch zwanzig Schiffe zur Überwachung zu ihnen gestoßen, so daß ihrer im Ganzen siebzig waren. Die Peloponnesier aber hatten ihr Lager aus dem Festland und bekannten die Vershcan- -znng und hätten Acht, ob sich eine Gelegenheit biete, ihre Leute zu retten.