History of the Peloponnesian War

Thucydides

Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.

Um diese Zeit gründeten die Lakedämonier im Trachinischen Lande die Ansiedelung Heraklea in der Absicht, wie folgt. Der Melier insgesammt sind drei Stämme: die Paralier, Hiereer und Trachimer. Von diesen wurden die Trachinier durch die gränzanwohnenden Oetäer in kriegerischen Anfällen fast vernichtet und wollten sich nun zuerst unter den Schutz der Athener stellen, dann aber fürchteten sie, diesen doch nicht trauen zu dürfen, und schickten darum nach Lakedämon , zum Gesandten wählend den Tisamenos. Mit ihnen ging auch eine Gesandtschaft der Dorier aus dem spartanischen Mutterlands, mit demselben Anliegen, denn auch sie wurden von den Oetäern hart bedrängt. Als die Lakedämonier sie angehört, faßten sie Beschluß, dort eine Pflanzstadt zu gründen, um den Trachiniern und den Doriern Sicherheit zu vershcaffen. Zugleich schien es ihnen, daß es für den Krieg mit den Athenern sehr passend sei, die Stadt dort anzu­ [*]( 48) Gehörte zum böotischen Bund, vergl. II. 2. )

245
legen, denn man könne dort eine Flotte gegen Euböa ausrüsten und [*]( 426 v. Chr. ) auf kurzem Wege überfahren, und man habe dort auch zum eigenen Vortheil den Weg nach Thrakien in der Hand. Kurz, es trieben sie viele Gründe, sich im Lande anzusiedeln. Zuerst nun fragten sie den Gott in Delphi, und da dieser ermunterte, schickten sie Ansiedler aus ihrer eigenen Mitte und aus ihren Beisitzern und forderten auch von den andern Hellenen zum Anschluß auf, wer wolle, ausgenommen die Jonier und Achäer und einige andere Völkerschaften. Als Gründer standen an der Spitze drei Lakedämonier, Leon und Alkidas und Damagon. Die also setzten sich dort fest und gaben der Stadt neue Mauern. Jetzt heißt sie Heraklea und liegt von den Thermopylen ungefähr vierzig Stadien weit ab und vom Meere zwanzig. Schiffswerften legten sie auch an und begannen damit im Engpaß der Thermopylen selbst, damit sie um so leichter zu vertheidigen wären ^).

Die Athener nun hatten zuerst große Furcht, als. diese Stadt gegründet wurde, und glaubten, daß ihre Anlage besonders gegen Euböa gerichtet sei, weil die Ueberfahrt nach Kenäon auf Euböa nur kurz ist. Später aber verlief sich das Ganze gegen ihre Befürchtung, denn es geschah von dort aus Nichts Gefährliches. Ursache davon waren die Thessaler, welche die dortigen Plätze in ihrer Gewalt hatten, und die, auf deren Gebiet die Ansiedelung stattfand. Diese fürchteten, ihre neuen Nachbarn da möchten mit großer Kraft unter ihnen auftreten, und darum schädigten sie sie und bekriegten unaufhörlich die neuen Ansiedler, bis sie ganz aufgerieben waren, obwohl ihre Zahl Anfangs sehr groß war; denn da die Lakedämonier als die Gründer dastanden, so trat Jeder voll Zuversicht bei, da er die Zukunft der Stadt gesichert glaubte. Aber auch die Anführer, die von den Lakedämoniern selbst gekommen waren, waren nicht die geringste Ursache, denn sie. verdarben das Ganze und brachten die Einwohner an Zahl herab, weil sie eine Schreckensregierung gegen die Menge führten und kaum irgend eine gute Maßregel trafen, so daß die Umwohner ihrer um so leichter Meister wurden. [*]( 49) Der Besitz der Gegend war wegen ihres Holzreichthums wichtig ftir das Zustandekommen einer starken lakcdämonischen Flotte. )

246

[*]( 428 v. Chr. ) Im selben Sommer und zu derselben Zeit, als die Athener auf Melos standen, hatten die Athener auf den dreißig Schiffen in den peloponnesischen Gewässern zuerst bei Ellomenos in Leukadien Leute von der Besatzung in einem Hinterhalt erschlagen, dann zogen sie mit größerer Mannschaft gegen Leukas, nämlich mit allen Akarnanern, die mit ihrer Gesammtmacht — nur die Oeniader ausgenommen, — sich angeschlossen hatten, mit den Zakynthiern und Kephalle-nern und fünfzehn Schiffen der Kerkyräer. Die Leukadier nun, da ihr Land außer und inner der Landenge, auf der die Stadt Leukas selbst und das Heiligthum des Apollo liegen, hielten sich ruhig, von der Menge gewältigt, die Akarnaner aber baten Demosthenes, den athenischen Feldherrn, er solle sie durch Verschanzungen absperren, denn sie glaubten, die Eroberung sei leicht und so würden sie einer Stadt ledig, die ihnen immer feindlich gesinnt gewesen. Demosthenes ließ sich aber damals von den Messeniern bereden, weil schon ein so großes Heer versammelt wäre, so schicke es sich ihm, die Aetoler anzugreifen, die Naupaktos' Feinde seien, und wenn er erst über diese gesiegt habe, so könne er leicht auch den Athenern zuwenden, was sonst noch dort das Festland bewohnt. Denn das Volk der Aetoler sei zwar zahlreich und streitbar, aber sie wohnten in offenen Dörfern, die überdies; noch weit von einander lägen, und man habe dort nur leichte Rüstung; so sei es nicht schwer, bewiesen sie, sie zu unterwerfen, bevor sie sich zur Abwehr vereinigt hätten. Zuerst solle er die Apodoter angreifen, dann die Ophioneer und nach diesen die Eurytaner, welche den zahlreichsten Theil der Aetoler ausmachen, aber eine ganz unverständliche Sprache reden und das Fleisch roh'essen, wie behauptet wird.' Seien die erst niedergeworfen, so würden die Andern leicht nachkommen.

Demosthenes also folgte den Messeniern zu Gefallen diesem Rathe und besonders auch, weil er glaubte, er könne auch ohne athenische Streitmacht nur mit den festländischen Bundesgenossen nnd den dazu gewonnenen Aetolern zu Lande gegen die Böotier ziehen, nämlich durch das Gebiet der ozolifchen Lokrer nach dem dorischen Kytinion, den Parnaß rechts lassend, bis er in's Land der Phoker käme, die immer den Athenern Freund gewesen und wohl eifrig sich dem Zuge anschließen würden, oder auch dazu gezwungen werden könnten,

247
und dicht an das Phokergebiet stößt bereits Böotien 50); so brach er [*]( 426 v. Chr. ) also gegen den Willen der Akarnaner mit der gesammten Macht, von Leukas auf und segelte nach Sicilien: Dann theilte er den Akarnanern seine Absicht mit, und da sie nicht einstimmten, weil die Umschließung von Leukas unterblieben war, so zog er mit dem übrigen Heere, den Kephallenern, Messeniern) Zakynthiern und den dreihundert Mann Athenern von den eigenen Schiffen — denn die fünfzehn Schiffe der Kerkyräer hatten sich von ihm getrennt — gegen die Aetoler zu Felde. Der Aufbruch geschah von Oeneon in Lokris. Diese ozolischen Lokrer waren nämlich Bundesgenossen und sie sollten im inneren Lande mit ihrer Gesammtmacht zu den Athenern stoßen. Denn da sie Gränznachbarn der Aetoler waren und mit ihnen von gleicher Bewaffnung, so schien ihr Zuzug großen Vortheil zu versprechen, weil sie die Kampfweise jener und die Ortsgelegenheiten wohl kannten.

Die Nacht über lag er mit dem Heerhaufen im Heiligthum des neme'i'shcen Zeus, in welchem der Dichter Hesiodos von den dortigen Einwohnern soll erschlagen worden sein, nachdem ihm ein Orakel verkündet hatte, daß ihm dieß in Nemea geschehen werde, und mit der Morgenröthe brach er auf und marfchirte in Aetolien ein. Auch nahm er am ersten Tage noch Potidania, Tags darauf Krokyleion und am dritten Teichion, und daselbst verweilte er und sandte die Beute nach Eupalion in Lokris. Sein Gedanke war nämlich, wenn er die andern Landstriche unterworfen habe, sich auf Neupaktos zurückzuziehen und dann später erst gegen die Ophioneer in's Feld zu rücken, wenn sie nicht nachgeben wollten. Den Aetolern aber blieb diese Veranstaltung schon von vorn herein, als der Plan gefaßt wurde, nicht verborgen; als aber nun das Heer eingefallen war, so zogen sie ins- [*]( 50) In Phokis standen zwei Parteien einander gegenüber. Die Masse der Bevölkerung war demokratisch und für Athen gesinnt, die Delphier aber und besonders die Prtestergeschlechter oligarchisch und deßhalb für Sparta. Sparta wollte überdies, da Athen das Oberpriesterthnm ans Delos an sich gebracht hatte, vergl. l, 8. II, 104., seinerseits als Gegengewicht das Vorsteheramt in Delphi, da daS dortige Orakel in der hellenischen Volks-Meinung vom höchsten Gewicht war. Auch hatte sich ja der Gott gradezu für die Spartaner erklärt l, lIS. Das Schwankende der politischen Stellung erhellt, wie aus dieser Stelle, so aus I, 107. III, II, 9. IlI, 101. u. a. )

248
[*]( 426 v. Chr. ) gesammt mit großer Mannschaft zur Abwehr heran, so daß sogar die hintersten von den Ophioneern, die am melischen Busen sitzen, die Bomieer und Kallieer, mit heranrückten.

Dem Demosthenes aber lagen die Messemer mit ähnlichen Rathschlägen in den Ohren, wie auch von Anfang. Sie zeigten ihm, wie leicht es sei, die Aetoler zu fangen, und er solle nur so schnell als möglich gegen die Dörfer ziehen und nicht abwarten, bis Alle mit vereinter Macht sich ihm entgegenstellen, und nur immer den in den Weg kommenden Flecken wegzunehmen trachten. Der nun gab Gehör, und auf sein Glück vertrauend, weil Nichts sich ihm entgegenstellte, wartete er nicht die Lokrer ab — deren Hülfe er gebraucht hätte, da ihm besonders die speerschießenden Leichtbewaffneten abgingen, — sondern marshcirte gegen Aegition und nahm es im Sturm. Die Einwohner flohen nämlich und setzten sich auf den Anhöhen oberhalb der Stadt, denn sie lag hoch in einer bergigen Gegend, ungefähr achtzig Stadien vom Meere ab. Die Aetoler aber, denn sie waren zur Hülfe gegen Aegition herangerückt, fielen die Athener und ihre Bundesgenossen an, von den Höhen herabstürmend, die Einen in der, die Andern in jener Richtung, und Speere schießend, und wenn das Heer der Athener vorrückte, wichen sie zurück, ging jenes aber rückwärts, so fielen sie ihm in den Rücken. So schwankte der Kampf lang zwischen wiederholter Verfolgung und Rückzug, in beidem aber waren die Athener im Nachtheil.

So lange nun die Bogenschützen noch Pfeile hatten und schießen konnten, behaupteten die Unseren das Feld, denn die Aetoler als Leichtbewaffnete wurden durch die Geschosse zum Weichen gezwungen. Als aber der Führer der Bogenschützen gefallen war und diese auseinander gesprengt wurden, auch die Athener durch die langdauernde immer gleiche Anstrengung ermüdet waren, und die Aetoler ihrerseits andrängten und Speere schoßen, so wandten sie um und lfohen. Nun geriethen sie aber in Schluchten ohne Ausweg und in Gegenden, deren sie unkundig waren, und hatten großen Verlust, denn auch ihr Wegsührer Chromon, der Messemer, war gefallen. Die Aetoler aber, immer Speere schießend, ereilten viele auf der Flucht als schnellfüßige und leichtbewaffnete Leute ohne alle Mühe und tödteten sie; den größeren Hausen aber, der des Weges verfehlte und in einen Wald ge

249
rieth, der keinen AuSgang gestattete, umgaben sie mit Feuer und ver- [*]( 426 v. Chr. ) brannten sie. Da stellte sich dem Heere der Athener jegliches Bild der Flucht und des Verderbens vor Augen und kaum retteten sich die Ueberbleibenden an's Meer und nach Oeneon in Lokris, von wo sie ausgezogen waren. Es fielen aber von den Bundesgenossen Viele, und Schwerbewaffnete der Athener ungefähr hundert und zwanzig. So groß war ihre Zahl, und eben diese junge Mannschaft bestand aus den trefflichsten Leuten, welche die Stadt Athen im Laufe dieses Krieges verloren hat.