History of the Peloponnesian War

Thucydides

Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Wahrmund, Adolf, translator. Stuttgart: Krais and Hoffmann, 1864.

Die Kerkyrärer nun, welche ungeschickt und in kleinen Abtheilungen angriffen, geriethen auf ihrer Seite sehr in's Gedränge. Die Athener aber, welche die Ueberzahl und Umzingelung fürchteten, griffen nicht in geschlossenem Geschwader an, noch auch faßten sie die feindliche Lchiffsaufstellung in der Mitte, sondern fielen den Flügel an und versenkten ein Schiff. Und als dann jene einen Kreis geschlos-

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[*]( 427 v. Chr). sen hatten, umruderten sie denselben und suchten ihn in Verwirrung zu bringen. Da dieß diejenigen gewahr wurden, die den Kerkyräern gegenüberstanden, so fürchteten sie, es möchte gehen wie bei Naupaktos, und eilten zur Hülfe herbei, und so ruderte nun die gesammte Flotte auf die Atheuer los. Diese ruderten nun rückwärts ohne umzuwenden ^ >) und waren zugleich bedacht, daß die Schiffe der Kerkyräer auf ihrer Flucht einen möglichst großen Vorsprung gewännen, während sie selbst langsam zurückwichen und sämmtliche Gegner gegen sie gewendet wären.

Mit diesem Verlaufe endete die Seeschlacht gegen Sonnenuntergang. Die Kerkyräer nun, aus Furcht, die Feinde möchten als Sieger gegen die Stadt heransegeln und die Leute von der Insel aufnehmen oder ihnen sonst einen Streich spielen, brachten jene von der Insel wieder in das Heraheiligthum und bewachten ihre Stadt wohl. Der Feind wagte es jedoch nicht, gegen die Stadt anzurudern, sondern begnügte sich mit den dreizehn kerkyräischen Schiffen und fuhr nach der Gegend des Festlands zurück, woher sie ausgelaufen waren ^Sybota). Am folgenden Tage wagten sie eben so wenig die Fahrt gegen die Stadt, obgleich dort große Verwirrung und Furcht herrschte und auch Brasidas, wie erzählt wird, dazu aufforderte. Seine Stimme hatte jedoch nicht gleiche Geltung mit der des Alkidas ^). Sie machten dafür eine Landung beim Vorgebirge Leukimne und verwüsteten das Land.

Unterdessen war das Volk zu Kerkyra in äußerster Furcht, die Schiffe möchten heransegeln, und ließen sich deßhalb mit den Schutzflehenden und den übrigen (Vornehmen) in Verhandlungen ein, wie die Stadt gerettet werden könnte. Auch überredeten sie wirklich einige derselben, mit ihnen die Schiffe zu besteigen; sie hatten nämlich indessen gleichwohl dreißig Segel bemannt. Die Peloponnesier aber fuhren wieder davon, nachdem sie bis um die Mittagszeit das Land verwüstet hatten, und gegen Einbruch der Nacht wurde ihnen durch Feuerzeichen gemeldet, daß sechzig athenische Schiffe von Leukas an­ [*]( 41) Vergl. I. 50. Anm. 26. ) [*]( 42) Alkidas war Oberbefehlshaber und allein verantwortlich, Brasidas nur Berather. )

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segelten. Diese hatten nämlich die Athener auf die Nachricht von dem [*]( 427 v. Chr. ) Aufstande und das; die Schiffe unter Alkidas die Bestimmung gegen Kerkyra hätten, unter Anführung des Eurymedon, des Thukles' Sohn, abgesandt.

Die Peloponnesier nun machten sich trotz der Nacht allsogleich auf die Rückfahrt nach Hause, indem sie an der Küste hinruderten, und kamen auch glücklich an, nachdem sie bei Leukas ihre Schiffe über die Landenge hatten bringen lassen, um nicht bei der Umschiffnng derselben entdeckt zu werden. Die Kerkyräer aber, als sie das Ansegeln der attischen Schiffe und die Flucht der feindlichen wahrnahmen, zogen sogleich die Messenier in die Stadt, welche früher außerhalb gelagert hatten, befahlen die Schiffe, welche sie bemannt hatten, nach dem Hylläischen Hafen hinüber zu führen, und tödteten auf dieser Fahrt wen sie von ihren Feinden trafen. Auch diejenigen, welche sie die Schiffe zu besteigen beredet hatten, schifften sie aus und tödteten sie, dann drangen sie in das Heraheiligthum und überredeten ungefähr fünfzig der Schutzflehenden, sich dem gesetzlichen Spruche zu unterwerfen , und verurtheilten sie dann Alle zum Tod. Die Mehrzahl der Schutzflehenden aber, die sich nicht hatten bereden lassen, als sie sahen, was geschah, tödteten sich im Heiligthum selbst Einer den Andern; Einige erhängten sich an den Bäumen, die Andern nahmen sich das Leben, wie sie eben konnten. Und die sieben Tage hindurch, welche Eurymedon seit seiner Ankunft mit den sechzig Schiffen dort stehen blieb, mordeten so die Kerkyräer diejenigen unter ihren Mitbürgern, die sie für ihre Feinde hielten, indem sie ihnen Schuld gaben, daß sie Staatsfeinde seien; Mancher fand aber auch den Tod aus Privathaß und wieder Andere durch ihre Schuldner, die von ihnen Geld entlehnt hatten. Da war jegliche Todesart zu sehen, und was sonst bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt, das kam Alles auch hier vor und wurde noch überboten. Denn der Vater tödtete den Sohn, und von den Altären wurden die Menschen weggerissen und neben ihnen geschlachtet. Einige sogar wurden im Heiligthum des Dionysos eingemauert und fanden so ihren Tod. Bis zu solcher Grausamkeit verstieg sich die Parteiwuth, und der Eindruck war um so furchtbarer, weil es einer der ersten Fälle der Art war.

Denn später wurde, so zu sagen, das ganze Hellenenthum

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[*]( 427 v. Chr. ) in Ausregung versetzt, da überall Zerwürfniß herrschte und die Häupter der Volkspartei die Athener herbeizuführen strebten, die Vornehmen aber die Lakedämonier. Und wenn sie bei Fortdauer des -Friedens auch weder Veranlassung noch Neigung gehabt haben würden, jene herbeizurufen, so doch jetzt, wo beide in Krieg verwickelt waren. Und weil jede der kriegführenden Parteien, wie zur Schwächung des Gegners so zur eigenen Verstärkung Bundesgenossen wünschte, so war es denen, welche in den Städten Neuerungen wünschten, leicht, die Zusendung von Hülfstruppen zu erwirken. Und in diesem Ansruhr trafen die einzelnen Städte viele schwere Ereignisse, wie sie noch vorkommen und immer vorkommen werden, so lange die menschliche Natur dieselbe ist, bald härter, bald gelinder, und verschieden an Art, je nachdem die äußeren Zufälle wechseln. Denn im Frieden und unter bequemen Verhältnissen pflegen die Staaten sowohl wie die Bürger vernünftigere Gesinnung zu hegen, weil die gebieterische Nothwendigkeit sie noch nicht angefallen hat; der Krieg aber, der die gewohnte alltägliche Gemächlichkeit entzieht, ist ein gewaltsamer Lehrmeister und stimmt die Leidenschaften der Menge nach der jeweiligen Beschaffenbeit der Laae.

So herrschte also Zerwürfniß in den Städten, und wo solches erst später eintrat, da brachte die Kunde von dem, was anderwärts bereits früher geschehen war, ein höheres Maß der Verderbtheit der Gesinnung zu Wege, wie sie sich in der Verschmitztheit persönlicher Angriffe und in unerhörter Art der Rache zeigte. Ja sogar die gewohnte Bedeutung der Worte, wie sie zur Würdigung der Thaten dienen, änderte man nach Belieben. Tobsüchtige Verwegenheit galt als treufreundliche Tapferkeit; in wohlüberlegter Bedächtigkeit sah man Beschönigung der Feigheit, und besonnenes Maßhalten erschien als Vorwand der Unmännlichkeit, und wer überall vernünftig handeln wollte, galt überall als schlafsüchtig; für ein Stück Männlichkeit aber hielt man es, wenn Einer aufbrauste wie ein Wahnsinniger. Wer vorsichtig mit sich zu Rathe gehen wollte, schien nur einen anständigen Vorwand zu suchen, sich ganz aus der Sache zu ziehen. Wer recht schimpfen konnte, der galt überall als ein zuverlässiger Mann, wer ihm aber widersprach, der wurde verdächtig. Hatte Einer den Andern listig zu Fall gebracht, so galt er für klug, für noch tüchtiger aber -

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der, reicher rechtzeitig Lunte gerochen hatte. Wer aber von vorn [*]( 427 v. Chr. ) herein seine Sache so gestellt Halle, deß er nichts dergleichen bedürfte, i von dem hieß es, er störe die Freundschaft -und fürchte die Gegner. Ueberhauvt wurde den: Beifall geschenkt, der den: Andern zuror^m, wenn dieser ihn: einen Sn^eich svielen sollte, und der Andere eben dazu aufstachelte, die keine seine Rase hauen. P^arteigenoisenschasi nxir ein engeres Band, als Verrvandtshc^st, n?ei! jene bereite: war, rücksichtslos mitzurvagen- denn nicht zum Schirm der Gesetze wurden dergleichen Verbindungen eingegangen, sondern zum eigenen Vortheil aus Kosten der bestehenden Einrichtungen, und an die Eide, die sie unter einander geleistet, banden sie sich nich: sowohl an- Scheu ro: den: göttlichen Gesetz, als vielmehr im Beivußtsein gemeinsamer Verbrechen.

Von feindlicher Seite nahn: man versöhnliche Antrage an, n?enn jene etnxi in: Vortheil waren und man thaisächlich gegen sie gedeckt wurde, aber nicht ans Vertrauen und Großmuth. Hinterher Rache zu nehmen galt mehr als sich vorher vor Leid geschützt zu haben. Versöhnungseide , wenn sie et^ann vorkamen, galten nur für den Augenblick, als von beiden Seiten nur im Zwange der Umstände gegeben, und nur so lange, als kein Zuivach- an Mach: andersn-oher kommen r?oll:e. Wem aber die Gunst des Augenblicks zuerst mieder größeres Vertrauen auf seine Kraft gab, der nahm, wenn er den Gegner ungedeckt sand, gerade seines Vertrauens wegen. mit viel größerer Lust an ihm Rache, als im offenen Kampfe, und er bedcch:e dabei nicht minder die größere Sicherheit des Gelingens, als das Lob der Klugheit, das ihm als Sieger durch List zu Theil würde. Lassen sich doch die meisten Menschen viel liebe? gewiegte Schelme nennen, als gutmüthig und einfältig, denn dieses Lobes schämen sie sich, mit jenem aber thun sie groß.

Von Allem dem aber lag die Schuld in dem habsüchtigen und ehrgeizigen Regiment und in Folge deisen in dem leidenschaftlichen Eifer der Männer, die sich in die Kämpfe der Ehrsucht eingelassen hatten. Denn die Regierungshäupler in den einzelnen Städten, und zwar von beiden Parteien, indem sie der Sache einen schönen Hainen gaben, jenachdem sie und der bürgerlichen Gleichheit des ganzen Volkes, oder einer maßvollen Staatslenkung der Vornehmen den Vorzug

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[*]( 427 v. Chr.) schenkten, schienen nur die Hebung des Gemeinwohls zum Preise ihres Wettkampfs zu machen, in der That aber rangen sie nur auf jede Weise Einer des Andern Meister zu werden, indem sie dabei die äußersten Mittel wagten nnd sich einander mit immer empfindlicheren Strafen belegten, die sie nicht nach der Gerechtigkeit und dem Staatsvortheil abmaßen, sondern nach dem schadenfrohen Belieben der Parteien bestimmten, und so waren sie immer fertig, entweder durch ungerechte Verurtheilung mittels Abstimmung, oder durch das Uebergewicht der Fäuste sich den Sieg zu verschaffen und so für den Augenblick ihr Müthchen zu kühlen. Auf Furcht der Götter sah Niemand mehr, sondern wem es gelingen mochte, durch schönllingende Worte etwas Unerhörtes durchzusetzen, der wuchs dadurch nur an gutem Rufe. Wer aber von den Bürgern es mit keinem Theil hielt, der wurde von beiden tödtlich verfolgt, entweder weil sie im Kampfe nicht zu ihnen standen, oder aus Neid, daß sie allein glücklich davon kommen sollten.

So riß jede Art der Lasterhaftigkeit in Folge der Parteikämpfe unter den Hellenen ein, und die Sitteneinfalt, welche am Adel der Gesinnung so großen Theil hat, wurde verlacht und verschwand. Mißtrauischen Sinns feindlich einander entgegenzustehen wurde vorherrschend. Versöhnliche Gesinnung zu wirken, war weder ein Wort zuverlässig, noch ein Eid furchtbar genug. Ueber dergleichen waren Alle in ihrer Denkweise hinaus, so daß sie überhaupt an Treue und ' an Zuverlässigkeit nicht mehr zu glauben wagten, und Alle dachten eher daran, sich selbst vor Schaden zu hüten, als daß sie Einem hätten vertrauen können. Männern geringerer Einsicht blieb gewöhnlich der Sieg. Denn weil sie wegen ihrer eigenen Unzulänglichkeit und der überlegenen Einsicht der Gegner zu fürchten hatten, daß sie selbst, wenn es zum Reden käme, unterliegen würden, und jene bei ihrer Geistesgewandtheit ihnen mit irgend einer List zuvorkommen könnten, so gingen sie rasch entschlossen zu Thätlichkeiten. Jene aber, die in ihrem Hochmuth glaubten, sie würden schon Alles vorhermerken und es bedürfe für sie der Gewaltthat nicht, wo List auch zum Zweck führe, fanden, da sie sich nicht schützten, um so leichter den Untergang ^). [*]( ^2) So wurden in der englischem Revolution die Presbyterianer von den. Jndependenten, in der französischen die Girondisten von den Jakobinern ge-)

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Die meisten dieser Thaten nun sind zuletzt in Kerkyra vor- [*]( 427 v. Chr. ) gekommen, und darunter Alles, was nur immer von Solchen, die früher, mehr mit Uebermuth als mit Mäßigung beherrscht wurden, aus Rache geschehen sein mag, wenn Jene Gelegenheit, an ihnen Rache zu nehmen, darboten, — oder was Andere thaten, um langgetragener Armuth sich zu entziehen, oder mehr noch , was Solche widerrechtlich beschlossen, die von leidenschaftlicher Gier nach dem Gute Anderer getrieben werden, — wie auch endlich Solche, die nicht aus Habsucht, sondern bei fast gleichen Vermögensverhältnissen Andere angreifen, und weil sie meist nur durch rohe Leidenschaft hingerissen werden, grausam und erbarmungslos darauf losgehen. Wie für jene Zeit in der Stadt alle Verhältnisse des Lebens zerrüttet waren, so zeigte sich hier recht klar, wie die Natur des Menshcen, die auch sonst gegen die bestehenden Gesetze fehlt, hier aber der Gesetze bereits Meister geworden war, unfähig ist, die Leidenschaft zu beherrschen, sich hinwegsetzend über das, was gerecht ist, und alles Hervorragende anfeindend. Denn sonst würden sie nicht die Rache der Gesetzlichkeit und die Selbftbereicherung der Rechtlichkeit deßhalb vorgezogen haben, weil der bloße Neid unter den jetzigen Umständen die Kraft zu schaden verloren hatte. Die Menschen ziehen es eben vor, die auch durch solche Zustände geltende Gesetze, welche ja auch ihnen selbst für den Fall des Unterliegens Hoffnung auf Rettung gewähren, aufzuheben, um nur an Andern ihre Rachsucht zu befriedigen, und sie lieber nicht bestehen zu lassen, auch für den Fall, daß sie selbst einmal in Gefahr gerathen und ihres Schutzes bedürfen könnten*). , .