History of the Peloponnesian War

Thucydides

Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Braun, Theodor, translator. Leipzig: Insel-Verlag, 1917.

Am folgenden Tage arbeiteten die Athener an der süd­ lichen Hälfte ihrer Mauer auf dem steilen AbHange oberhalb des sich auf dieser Seite von Epipolai nach dem großen Hafen erstreckenden Sumpfes, wo sie die Mauer auf kürzestem Wege durch die Ebene und den Sumpf bis an den Hafen ziehen konnten. Unterdessen kamen auch die Syrakuser heraus und bauten von der Stadt her abermals ein Pfahlwerk mitten durch den Sumpf, tieften daneben auch einen Graben aus, um es den Athenern unmöglich zu machen, ihre Mauer bis an die See zu führen. Die aber schickten sich, als sie mit der Arbeit auf dem AbHange fertig waren, gleich wieder zum Angriff auf das Pfahlwerk und den Graben an. Nachdem sie an die Flotte den Befehl gesandt, von Thapsos nach dem großen Hafen der Syrakuser herumzufahren, kamen sie selbst beim ersten Tagesgrauen von Epipolai herab in die Ebene und über den Sumpf, den sie mit Hilfe von Türen und breiten Bohlen überschritten, die sie auf lehmige und festere Stellen legten, und bemächtigten sich noch vor Sonnenaufgang des Pfahlwerks und des Grabens bis auf ein kleines Stück, das ihnen später auch noch in die Hände fiel. Dabei kam es zur Schlacht, in der die Athener siegten. Die Syrakuser vom rechten Flügel flohen nach der Stadt, vom linken am Flusse entlang, und um diesen den Übergang über den Fluß abzu­

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schneiden, eilten nun die dreihundert auserlesenen Athener in vollem Lauf der Brücke zu. Aus Furcht davor aber drangen die Syrakuser, die auf dieser Seite fast ihre ganze Reiterei bei sich hatten, jetzt auf die dreihundert ein, schlugen nicht nur sie in die Flucht, sondern warfen sich auch auf den rechten Flügel der Athener, dessen erstes Treffen dadurch mit in die Flucht gerissen wurde. Als Lamachos das bemerkte, machte er sich von seinem linken Flügel mit einer Anzahl Bogen­ schützen und den Argeiern, die er mitnahm, zu dessen Unter­ stützung auf. Aber als er dabei über einen Graben setzte und auf der andern Seite außer ein paar Leuten, die mit hinübergelangt waren, augenblicklich niemand bei sich hatte, wurde er selbst mit fünf oder sechs seiner Begleiter dort er­ schlagen. Die Syrakuser brachten sie, ehe was dazwischen kam, jenseits des Flusses geschwind in Sicherheit, zogen sich dann aber, da auch das übrige Heer der Athener bereits herankam, wieder zurück.

Indessen faßten auch die Syrakuser, welche anfangs nach der Stadt geflohen waren, neuen Mut, als sie sahen, was da vorging, und rückten nicht nur von der Stadt her gegen die auf sie eindringenden Athener wieder vor, sondern entsandten auch einen Teil ihrer Mannschaft gegen die Ring­ mauer auf Epipolai in der Hoffnung, sie unbesetzt zu finden nnd nehmen zu können. Auch gelang es ihnen, das davor befindliche Außenwerk von zehn Plethren zu nehmen und zu zerstören, die Ringmauer selbst aber wurde von Nikias be­ hauptet, der zufällig krankheitshalber dort zurückgeblieben war. Er ließ nämlich das draußen an der Mauer gelagerte Holz und Sturmzeug durch seine Leute in Brand stecken, da er einsah, daß sie bei dem Mangel an Mannschaft auf andere Weise nicht zu behaupten sein würde. Und damit erreichte er seinen Zweck. Die Syrakuser wagten sich nämlich des Feuers wegen nicht weiter vor, sondern zogen sich wieder zurück; denn eben jetzt kam auch von unten die von den dort siegreich vordringenden Athenern ihrer Mauer zu Hilfe ge­ sandte Mannschaft oben an, und gleichzeitig tief ihre Flotte

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von Thapsos dem ihr erteilten Befehle gemäß in den großen Hafen ein. Als die Syrakuser das sahen, zogen sie nicht nur von dort oben schleunigst ab, sondern auch mit ihrem ganzen Heere wieder in die Stadt hinein, da sie mit den vorhan­ denen Kräften den Ausbau der Mauer bis an die See doch nicht mehr abwenden zu können glaubten.

Hierauf errichteten die Athener ein Siegeszeichen, gaben den Syrakusern ihre Toten unter Waffenstillstand heraus und erhielten ihrerseits die Leichen deS Lamachos und seiner mit ihm gefallenen Begleiter zurück. Und nun, wo ihre ganze Macht, Flotte und Landheer, zur Stelle war, schlossen sie Syrakus von Epipolai und dem AbHange her bis an die See mit einer doppelten Mauer ein. Lebensmittel für das Heer wurden ihnen aus Italien von allen Seiten zugeführt. Auch schlossen sich jetzt noch viele Sikeler ihrem Heere an, die bis dahin damit noch gewartet hatten, und aus Tyrsenien kamen ihnen drei Funfzigruderer zu Hilfe. Überhaupt ging ihnen alles nach Wunsche. Die Syrakuser aber glaubten nicht mehr an einen glücklichen Ausgang des Krieges, da ihnen auch vom Peloponnes keine Hilfe gekommen war, auch wurden bei ihnen bereits Stimmen für den Frieden laut und Verhandlungen darüber mit Nikias angeknüpft, der seit LamachoS' Tode den Oberbefehl allein führte. Zum Abschluß kam die Sache freilich nicht, doch wurde sie, wie das in einer so bedrängten und immer härter belagerten Bevölkerung begreiflich ist, sowohl mit ihm und mehr noch in der Stadt ernstlich erwogen. Denn hier traute man jetzt in der Not selbst einander nicht mehr, und die Feldherren, unter denen es dahin gekommen, und deren Ungeschick oder Verrat vermeintlich daran schuld war, wurden abgesetzt und andere, Herakleides, Eukles und Tellias, statt ihrer dazu gewählt.

Unterdessen waren der Lakedämonier Gylippos und die Schiffe von Korinth bereits bei Leukas angekommen in der Absicht, Sizilien schleunig Hilfe zu leisten. Als aber Unglücks­ posten an sie gelangten und immer wieder die falsche Nach­ richt brachten, daß Syrakus schon gänzlich eingeschlossen wäre,

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gab Gylippos alle Hoffnung für Sizilien auf und beschloß, sein Glück in Italien zu versuchen. Er selbst und der Ko­ rinther Pythen fuhren mit zwei lakonischen und zwei korin­ thischen Schiffen quer durch das Ionische Meer nach Tarent hinüber, während die Korinther zu ihren eigenen noch zwei leukadische und drei amprakische Schiffe bemannen lassen und ihnen damit nachkommen wollten. Von Tarent knüpfte Gy­ lippos zunächst Verhandlungen mit den Thuriern an und führte dabei auch das frühere Bürgerrecht seines Vaters ins Feld. Da es ihm jedoch nicht gelang, sie auf seine Seite zu ziehen, ging er wieder in See und setzte seine Fahrt an der Küste Italiens fort. Im Golf von Tarent wurde er vom Winde, der dort, wenn er nach Norden springt, als heftiger Landwind auftritt, in die offene See verschlagen, und da sich der Sturm hier von neuem erst recht aufmachte, gezwungen, nach Tarent zurückzukehren, wo er seine, durch das schwere Wetter be­ schädigten Schiffe ans Land ziehen und ausbessern ließ. Nikias aber, der von seiner Fahrt hörte und, wie es auch den Thunern gegangen war, ihn mit seinen paar Schiffen verachtete und darin nichts weiter als einen Piratenzug sah, hielt es nicht für nötig, irgendwelche Vorsichtsmaßregeln gegen ihn zu treffen.

Um dieselbe Zeit in diesem Sommer fielen die Lake­ dämonier mit ihren Bundesgenossen ins Argeiische ein und verwüsteten einen großen Teil des Landes. Die Athener aber schickten den Argeiern dreißig Schiffe zu Hilfe und brachen dadurch nun offen mit dem lakedämonischen Bündnis. Aller­ dings hatten sie sich auch bisher schon durch Streifzüge von Pylos und Landungen im Peloponnes, wenn auch nicht in Lakonien, am Kriege der Argeier und Mantineer beteiligt, aber allen Bitten der Argeier gegenüber, auch einmal in La­ konien selbst Truppen zu landen, ihnen dort ein bißchen plündern zu helfen und dann wieder abzuziehen, immer noch ablehnend verhalten. Jetzt aber landeten sie unter Ppthodoros, Laispodios und Demaratos bei Epidauros-Limera, Prasiai und anderen Orten, verwüsteten das Land und gaben damit

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den Lakedämoniern den triftigsten Grund, zu behaupten, daß sie den Krieg gegen die Athener zu ihrer Verteidigung führten. Nachdem die Athener mit ihren Schiffen und auch die Lake­ dämonier aus Argos abgezogen waren, fielen die Argeier in das Gebiet von Phlius ein, verheerten einen Teil des Landes, töteten auch einige Einwohner und gingen dann wieder nach Hause.

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Gylippos und Pythen fuhren, nachdem sie ihre Schiffe ausgebessert, von Tarent nach Lokroi-Egizephyrioi und erhielten hier die bestimmte Nachricht, daß Syrakus noch nicht gänzlich eingeschlossen sei, sondern daß man über Epipolai immer noch mit einem Heere in die Stadt gelangen könne. Nun überlegten sie, ob sie Sizilien rechts lassen und es darauf wagen sollten, Syrakus zu Schiff zu erreichen, oder besser täten, die Insel zur Linken, erst nach Himera zu fahren, dort und womöglich auch noch von anderen Seiten Verstärkungen an sich zu ziehen und den Landweg zu wählen. Sie entschieden sich für die Fahrt nach Himera, namentlich auch deshalb, weil die vier attischen Schiffe noch nicht bei Rhegion ein­ getroffen waren, welche Nikias auf die Nachricht von ihrer Ankunft in Lokroi dann doch abgeschickt hatte. Auch kamen sie, noch bevor diese dort eintrafen, glücklich durch die Meer­ enge und, nachdem sie unterwegs bei Rhegion und Messene angelegt, nach Himera. Während ihres Aufenthalts dort be­ wogen sie die Einwohner, sich am Kriege zu beteiligen und nicht nur selbst mit ihnen zu ziehen, sondern auch die Leute von ihren Schiffen, welche keine Waffen hatten, damit zu versehen. Ihre Schiffe hatten sie nämlich in Himera ans Land gezogen. Nach Selinus sandten sie die Aufforderung, die gesamte dortige Mannschaft an einem bestimmten Orte zu ihnen stoßen zu lassen. Auch Gela versprach, eine wenn auch geringe Anzahl Truppen zu schicken, und das taten auch verschiedene Sikeler, die jetzt weit mehr Neigung zeigten, sich ihnen anzuschließen, seitdem Archonides, ein dortzulande mächtiger sikelischer König und Athenerfreund, vor kurzem gestorben war und Gylippos' Ankunft aus Lakedämon darauf schließen ließ, daß man dort jetzt mit dem Kriege Ernst machen wollte. Gylippos, der nunmehr außer den eigenen etwa sieben­ hundert, inzwischen mit Waffen versehene Matrosen und See­ soldaten, im ganzen ungefähr tausend Mann schweres und leichtes Fußvolk und hundert Reiter aus Himera, eine Anzahl [*]( II )

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leichter Truppen und Reiter aus Selinus, ein paar Leute aus Gela und alles in allem gegen tausend Sikeler beisammen hatte, trat damit denn auch den Marsch nach Syrakus an.

Auch die Korinther bei Leukas setzten ihre Fahrt von dort, so schnell sie konnten, mit den übrigen Schiffen fort, und Gongylos, einer der korinthischen Befehlshaber, der zuletzt mit nur einem Schiffe unter Segel gegangen war, kam zuerst, kurz vor Gylippos, in Syrakus an. Grade bei seiner Ankunft sollte dort in einer Volksversammlung darüber beraten werden, wie der Krieg beizulegen sei. Er verhinderte daS und sprach den Syrakusern Mut ein, indem er ihnen ankündigte, daß noch mehr Schiffe nachkämen und auch Gylippos, Kleandridas' Sohn, den ihnen die Lakedämonier als Feldherrn geschickt, bald eintreffen würde. Nun faßten sie wieder Vertrauen zu ihrer Sache und rückten sogleich mit dem ganzen Heere aus der Stadt, um Gylippos entgegen zu ziehen. Denn inzwischen hatten sie auch die Nachricht erhalten, daß er schon ganz in der Nähe sei. Gylippos aber hatte, nachdem er unterwegs die sikelische Festung Geta erobert, seine Truppen zum Gefecht geordnet, Epipolai erreicht und; wie früher die Athener, bei Euryelos die Höhe gewonnen und drang nunmehr mit den Syrakusern gegen die Mauer der Athener vor. Er war grade zu der Zeit angekommen, wo diese den Bau ihrer doppelten Mauer nach dem großen Hafen auf einer Strecke von sieben bis acht Stadien vollendet hatten, und nur an der Seeseite ein kurzes Stück fehlte, woran sie noch arbeiteten. Für den nach dem Hafen Trogylos auf der anderen Seite gerichteten Teil ihrer Ringmauer waren die Steine meist schon herbei­ geschafft und teils halb, teils auch schon ganz bearbeitet, dort liegen geblieben. Die Sache stand also für die Syrakuser bereits in hohem Grade bedenklich.

Die Athener waren zwar anfangs vor Schreck in Ver­ wirrung geraten, als Gylippos und die Syrakuser so plötzlich auf sie eindrangen, stellten sich dann aber doch ihnen gegen­ über in Schlachtordnung. In ihrer Nähe ließ Gylippos halt­ machen und ihnen durch einen Herold sagen, wenn sie binnen

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fünf Tagen mit Sack und Pack aus Sizilien abziehen wollten, so sei er bereit, einen Waffenstillstand zu schließen. Sie wiesen jedoch den Herold ab, ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Darauf machten sich beide zum Gefecht bereit. Da Gylippos sah, daß die Syrakuser in Unordnung gerieten und die Ord­ nung so leicht nicht wieder herzustellen sein würde, zog er sich mit dem Heere wieder auf den breiten Kamm zurück. Nikias aber ließ die Athener nicht nachrücken, sondern'blieb mit ihnen an ihrer Mauer tsehen. Als Gylippos erkannte, daß man ihn nicht angreifen wollte, führte er sein Heer nach dem Temenites hinauf und blieb dort mit ihm die Nacht unter freiem Himmel. Am folgenden Tage ließ er den größten Teil seiner Mannschaft gegen die Mauer der Athener.vor­ gehen, um sie dort festzuhalten, einen kleineren Teil aber ver­ wandte er gegen die Feste Labdalon, nahm sie auch ein und ließ alles niedermachen, was ihm dort in die Hände fiel. Die Athener konnten nämlich da nicht hinsehen. An demselben Tage wurde auch ein athenisches Kriegsschiff, welches im großen Hafen vor Anker lag, von den Syrakusern genommen.

Hierauf begannen die Syrakuser und ihre Verbündeten von der Stadt her aufwärts durch Epipolai neben der früheren Quermauer eine neue einfache Mauer zu bauen, damit die Athener, falls es ihnen nicht gelänge, das zu verhindern, außer­ stande wären, ihre Mauer zu schließen. Die Athener waren damit, nachdem das Stück unten an der See fertig geworden, schon bis nach oben gekommen. An einer Stelle war sie jedoch nur schwach, und hier versuchte nun Gylippos in der Nacht mit seinem Heere einen Angriff auf sie auszuführen. Aber die Athener, welche diese Nacht im Freien lagerten, merkten daS und rückten gegen ihn vor, worauf er mit seinen Leuten schleunig wieder abzog. Die Athener erhöhten darauf die Mauer an dieser Stelle und übernahmen dort selbst die Bewachung, während sie diese im übrigen ihren Bundesge­ nossen überlassen und ihnen zu dem Ende die einzelnen Ab­ schnitte bereits zugeteilt hatten.

Nikias beschloß nunmehr das Plemmyrion zu befestigen. Es

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ist das eine Landspitze gegenüber der Stadt, welche vor dem großen Hafen vorspringt und dessen Einfahrt verengt. Wenn man sie befestigt, vermeinte er, würde die Zufuhr der nötigen Lebensmittel leichter sein; denn dann könne die Flotte näher bei dem Hafen der Syrakuser vor Anker gehen und, wenn diese etwa mit ihren Schiffen herauskämen, so brauche sie, um ihnen gegenüber am Platze zu sein, nicht wie jetzt erst die ganze Strecke aus dem inneren Hafen zurückzulegen. Überhaupt glaubte er sich bereits mehr auf den Seekrieg ein­ richten zu sollen, da er sah, wie seit Gylippos' Ankunft die Aussichten zu Lande für die Athener immer ungünstiger ge­ worden waren. Auch die Flotte und einen Teil des Heeres ver­ legte er nach dem Plemmyrion und errichtete dort drei Schanzen, worin das Gepäck und die sonstigen Vorräte größtenteils untergebracht wurden. Die großen Lastschiffe und die schnellen Schiffe lagen seitdem ebenfalls dort vor Anker. Damit aber gingen die Leiden der Mannschaft erst recht an. Denn Wasser war wenig zu haben und mußte weit hergeholt werden, und wenn das Schiffsvolk dazu oder zum Holzholen an Land ging, lief es beständig Gefahr, von den syrakusischen Reitern, welche die Umgegend beherrschten, niedergehauen zu werden. Die Syrakuser hatten nämlich den dritten Teil ihrer Reiterei zum Schutz gegen Streifzüge der Besatzung des Plemmyrions bei dem Städtchen am Olympieion aufgestellt. Inzwischen er­ hielt Nikias die Nachricht, daß auch die übrigen Schiffe der Korinther im Ansegeln seien; er schickte deshalb zwanzig Schiffe aus, um sie zu beobachten und sowohl bei Lokroi und Rhegion als auch an der Küste Siziliens Jagd auf sie zu machen.

Unterdessen ließ Gylippos an der Mauer durch Epipolai arbeiten, wobei man die Steine benutzte, welche die Athener für sich herbeigeschafft hatten, gleichzeitig aber auch die Syra­ kuser draußen an der Mauer immer in Schlachtordnung an­ treten. Als er glaubte, daß es an der Zeit sei, ging er seiner­ seits zum Angriff über, und es kam zwischen den Mauern zum Handgemenge, wobei die Syrakuser von ihrer Reiterei

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keinen Gebrauch machen konnten. Sie wurden besiegt, ihre Toten wurden ihnen unter Waffenstillstand herausgegeben, und die Athener errichteten ein Siegeszeichen. Gylippos aber versammelte seine Truppen um sich und erklärte, die Schuld liege nicht an ihnen, sondern an ihm; denn in der allzu engen Stellung zwischen den Mauern, die er gewählt, sei eine nütz­ liche Verwendung der Reiterei nicht möglich gewesen. Jetzt aber werde er sie von neuem gegen den Feind führen; an Kräften würden sie ja dem Gegner sicher gewachsen sein, und was den Mut anlange, so wäre es doch unerhört, wenn sie als Peloponnesier und Dorier sich nicht zutrauen sollten, mit Joniern und solchem Inselvolk und zusammengelaufenem Ge­ sinde! fertigzuwerden und sie aus dem Lande zu jagen. Dar­ auf führte er sie auch bei erster Gelegenheit wieder gegen den Feind.

Nikias und die Athener aber glaubten, daß sie die Gegner, auch wenn diese nicht zuerst angriffen, doch an ihrer neuen Mauer nicht ungestört weiterarbeiten lassen dürften; denn sie reichte über das Ende der athenischen Mauer beinah schon hinaus und hätte ihnen, falls sie noch weiter vorrückte, auch wenn sie sich auf kein Gefecht einließen, gleichen Vorteil ver­ schafft wie eine Reihe glücklicher Gefechte. Sie gingen also gegen die Syrakuser vor. Gylippos führte sein schweres Fuß­ volk weiter über die Mauern hinaus als das vorige Mal und begann das Gefecht. Die Reiterei und die Speerschützen hatte er in der Flanke der Athener aufgestellt, wo sie Platz genug hatten, da, wo die Arbeit an den beiden Mauern liegen geblieben war. Im Verlauf der Schlacht warfen sich die Reiter auf den linken Flügel der Athener, der ihnen gegenüberstand, und schlugen ihn in die Flucht. Infolgedessen wurde auch das übrige Heer der Athener von den Syrakusern besiegt und in die Verschanzungen zurückgeworfen. In der folgenden Nacht arbeiteten diese geschwind an ihrer Mauer weiter und ge­ langten damit über den Bau der Athener hinaus, so daß sie nicht nur selbst von ihnen daran nicht mehr verhindert werden konnten, sondern auch den Athenern selbst im Fall eines

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Sieges die Möglichkeit völlig abgeschnitten war, sie mit ihrer Mauer noch weiter einzuschließen.

Bald nachher kamen auch die übrigen zwölf korinthischen, amprakischen und leukadischen Schiffe unter Befehl des Ko­ rinthers Erosinides, welche den ihnen auflauernden athenischen Schiffen entwischt waren, in Syrakus an, und die Mannschaft half nun den Syrakusern, ihren Bau bis an die Quermauer zu führen. Gylippos aber begab sich auf Reisen, um in Sizilien Mannschaften für die Flotte und das Landheer auf­ zutreiben und solche Städte, die sich bisher am Kriege nicht eifrig genug oder überhaupt nicht beteiligt hatten, auf die Beine zu bringen. Auch nach Lakedämon und Korinth wandte man sich, durch syrakusische und korinthische Abgesandte mit der Bitte, noch mehr Truppen zu schicken und auf Lastschiffen oder anderen Fahrzeugen, wie es irgend anginge, hinüber zu schaffen, zumal auch die Athener sich Verstärkungen kommen ließen. Zugleich bemannten die Syrakuser ihre Flotte und übten sie ein, um es auch damit zu versuchen, und strengten auch im übrigen alle Kräfte an.

Als Nikias das erfuhr und sah, wie die Macht der Feinde täglich größer, die Lage der Athener aber immer schwieriger wurde, sandte auch er nach Athen. Er hatte schon bisher häufig dahin berichtet und hielt das jetzt um so mehr für ge­ boten, weit er seine Lage für äußerst bedenklich ansah und sich für verloren hielt, wenn man das Heer nicht unverzüglich aus Sizilien zurückzöge oder ihm ansehnliche Verstärkungen schickte. Da er aber fürchtete, seine Abgesandten könnten, etwa weil sie nicht redegewandt genug wären, oder aus Vergeßlichkeit oder auch um den Leuten nach dem Munde zu reden, die Sache vielleicht nicht richtig darstellen, so verfaßte er einen schrift­ lichen Bericht in der Meinung, die Athener auf diese Weise am besten in den Stand zu setzen, seine wahre, durch den Boten nicht entstellte Auffassung kennen zu lernen und bei ihren Beratungen nicht von falschen Voraussetzungen auszugehen. Darauf machten sich seine Abgesandten mit dem Schreiben und den ihnen erteilten mündlichen Aufträgen auf den Weg.

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Er aber war jetzt schon mehr darauf bedacht, sich im Lager gegen feindliche Angriffe zu behaupten als selbst angriffsweise vorzugehen.

Gegen Ende dieses Sommers unternahm auch der athenische Feldherr Euetion mit Perdikkas und zahlreichen Thrakern einen Zug gegen AmphipoliS. Er konnte die Stadt zwar nicht nehmen, fuhr aber mit seinen Trieren auf dem Strymon um sie herum und schloß sie von der Stromseite ein, wobei er Himereion zu seinem Stützpunkte machte. Damit endete der Sommer.

Im folgenden Winter kamen Nikias' Abgesandte in Athen an, wobei sie ihre mündlichen Aufträge ausrichteten, weitere Fragen beantworteten und sein Schreiben übergaben. Nun trat der Staatsschreiber auf die Rednerbühne und las es den Athenern vor. Es lautete:

„Die bisherigen Ereignisse sind euch aus zahlreichen früheren Berichten bekannt, Athener. Augenblicklich aber ist es für eure weiteren Entschließungen vollends von Bedeutung, zu erfahren, in welcher Lage wir hier sind. Nachdem wir die Syrakuser, gegen die wir ausgesandt waren, in einer Reihe von Gefechten besiegt und die Festungswerke, in denen wir uns gegenwärtig befinden, erbaut hatten, kam der Lakedämonier Gylippos mit Truppen auS dem Peloponnes und einigen sizi­ lischen Städten hier an. In der ersten Schlacht wurde er von uns besiegt, in der am folgenden Tage aber konnten wir gegen seine zahlreichen Reiter und Scharfschützen nicht aufkommen und mußten uns in unsere Werke zurückziehen. Jetzt haben wir infolge der Menge unserer Feinde die Arbeit an unserer Ringmauer eingestellt und seitdem nichts weiter unternommen. Denn unser ganzes Heer würden wir dabei doch nicht ver­ wenden können, da ein Teil des schweren Fußvolks durch den Wachdienst an der Mauer in Anspruch genommen wird. Auch haben sie gegen uns eine neue einfache Mauer gebaut, so daß wir nicht mehr imstande sind, sie ganz einzuschließen, eS sei denn, daß man diese ihre Mauer mit überlegenen Kräften an­ greifen und erobern könnte. Anstatt, wie wir dachten, sie zu

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belagern, müssen wir nun erleben, daß es uns, wenigstens auf der Landseite, selbst so geht. Denn wegen ihrer Reiterei dürfen wir uns nicht weit ins Land hinauswagen.

„Sie haben auch nach dem Peloponnes geschickt und um Verstärkungen gebeten, und Gylippos hat sich in Sizilien auf Reisen begeben, um eine Anzahl bisher neutral gebliebener Städte zur Teilnahme am Kriege zu bewegen und in anderen womöglich noch Soldaten und Matrosen anfzntreiben. Denn wie ich höre, beabsichtigen sie nicht nur mit dem Landheere, sondern gleichzeitig auch von der See mit der Flotte einen Angriff gegen unsere Werke zu unternehmen. Daß auch von der See, darf euch nicht wundern. Denn wie sie recht gut wissen, war unsere Flotte anfangs in vortrefflichem Zustande, die Schiffe trocken, die Mannschaft reichlich; jetzt aber haben die Schiffe, nachdem sie so lange zu Wasser gewesen sind, von der Nässe gelitten, und die Mannschaft an Bord ist einge­ schmolzen. Denn wir können unsere Schiffe nicht an Land ziehen, um sie zu trocknen, weil wir bei der gleichen, ja über­ legenen Zahl der Schiffe der Feinde immer auf einen Angriff ihrer Flotte gefaßt sein müssen. Offenbar haben sie es darauf auch abgesehen; sie haben es ihrerseits in der Hand, uns jederzeit anzugreifen, auch eher Gelegenheit, ihre Schiffe zu trocknen, weil sie niemand damit aufzupassen brauchen.

„Wir aber würden dazu selbst bei großer Überzahl an Schiffen nicht imstande sein, auch weuu wir nicht wie jetzt alle unsere Schiffe zur Bewachung verwenden müßten. Denn wenn wir unsere Wachsamkeit auch nur etwas einshcränken, haben wir keine Lebensmittel mehr, deren Zufuhr an ihrer Stadt vorbei auch jetzt schon schwierig ist. Unser Bestand an Mannschaft aber ist sehr zurückgegangen und nimmt immer noch ab, und zwar aus folgenden Gründen. Wenn die Matrosen ans Land gehen, um zu plündern, oder Holz und Wasser weit herholen müssen, so werden sie von den Reitern niedergehauen. Die Diener laufen weg, seit es mit uns auf der Kippe steht, die Söldner, die man zum Dienst auf der Flotte gezwungen, suchen baldmöglichst wieder nach Hause zu kommen, und manhc

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einer, der anfangs durch hohen Lohn gelockt und mehr aufs Geld als aufs Fechten gesteuert war und sich nun unverhofft zur See und überall einem mächtigen Feind gegenüber sieht, reißt aus, um zum Feinde überzulaufen, oder macht sich sonst bei erster Gelegenheit aus dem Staube. Sizilien ist ja groß. Einige haben sogar auf eigene Hand Geschäfte gemacht und die Befehlshaber der Kriegsschiffe überredet, statt ihrer hykka­ rische Sklaven einzustellen, und dadurch hat die Maunszucht auf der Flotte gelitten.

„Ich schreibe euch, was ihr ja selbst wißt, daß der Stamm unserer ausgebildeten Seeleute klein ist und nur wenige daS Ruder beim Vorstoß oder Hemmen des Schiffes richtig zu brauchen verstehen. Das schlimmste für mich dabei aber ist, daß ich als Feldherr das nicht ändern kann, da mit euch Querköpfen nicht leicht fertigzuwerden ist, und daß wir nicht wissen, woher wir den Ersatz an Mannschaft nehmen sollen, wozu die Gegner reichlich Gelegenheit haben, während wir so­ wohl für den augenblicklichen Bedarf wie für weiteren Verlust auf den gleich anfangs mitgebrachten Bestand angewiesen sind. Denn die Städte, die jetzt noch zu uns halten, Naxos und Katana, sind nicht imstande, dem abzuhelfet. Sollte es gar dazu kommen, daß die italischen Orte, die uns bisher mit Lebensmitteln versorgt, zum Feinde übergingen, wenn sie uns hier in der Klemme nnd von Athen im Stich gelassen sehen, so sind wir hier eingeschlossen und gezwungen, unS zu ergeben, und die Gegner machen, ohne nochmals das Schwert zu ziehen, dein Kriege ein Ende.

Nun hätte ich euch vielleicht einen schmackhafteren Bericht er­ statten können, aber damit wäre euch schlecht gedient gewesen, wenn ihr bei euren Beratungen über unsere Lage hier zu­ treffend unterrichtet sein solltet. Zudem kenne ich euch, Athener; erst wollt ihr immer gute Nachrichten haben, und wenn es nachher dann doch anders kommt, so geht das Tadeln und Schelten los. Darum habe ich es für sicherer gehalten, euch reinen Wein einzuschenken.

„Darauf aber könnt ihr euch verlassen, daß, soweit es

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sich um die uns hier ursprünglich gestellte Aufgabe handelt, sowohl die Offiziere wie die Leute ihre volle Schuldigkeit getan haben. Da aber jetzt ganz Sizilien zusammenhält und weitere Streitkräfte aus dem Peloponnes erwartet werden, wir aber mit unseren Kräften hier nicht einmal den uns schon jetzt gegenüberstehenden Feinden gewachsen sind, so werdet ihr euch selbst sagen, daß ihr entweder euer Heer von hier zurückziehen oder ihm für den Land- und Seekrieg ein neues, mindestens ebenso starkes und dazu viel Geld nachschicken müßt. Für mich aber bitte ich einen Nachfolger zu senden, da ich eines Nierenleidens wegen nicht imstande bin, länger hierzubleiben. Ich rechne dabei auf eure Nachsicht; denn solange ich gesund war, habe ich euch im Felde manchen guten Dienst geleistet. Was ihr aber auch tun wollt, tut bald, gleich bei Beginn des Frühlings, und schiebt es nicht auf die lange Bank. Denn hier in Sizilien kann sich der Feind binnen kurzem alles ver­ schaffen, und wenn eure Gegner aus dem Peloponnes auch nicht so schnell kommen, so werden sie doch., wenn ihr nicht aufpaßt, wie das erste Mal unversehens oder früher hier sein als ihr."