History of the Peloponnesian War

Thucydides

Thucydides. Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Braun, Theodor, translator. Leipzig: Insel-Verlag, 1917.

Die Sühne dieses Frevels, wofür ihn ja auch der Gott selbst erklärt habe, verlangten die Athener also jetzt ihrerseits von den Lakedämoniern. Nach dem Tode des Pausanias schickten die Lakedämonier Gesandte nach Athen, um auch Themistokles zu beschuldigen, daß er sich, wie sich das in der Untersuchung gegen Pausanias herausgestellt, so gut wie dieser mit den Persern eingelassen habe, und verlangten, daß er dafür ebenso bestraft würde, wozu sich die Athener auch bereit er­ klärten. Themistokles aber war bereits durch den Ostrakismos verbannt und befand sich damals in Argos oder doch auf Reisen im Peloponnes. Sie sandten deshalb in Gemeinschaft mit den Lakedämoniern, die dazu gern die Hand boten, Häscher gegen ihn aus mit dem Befehl, wo immer sie ihn anträfen, sich seiner zu bemächtigen.

Themistokles aber erhielt davon rechtzeitig Wind und

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entfloh auS dem Peloponnes zu den Kerkyräern, deren alter Gönner er war, und als die ihm erklärten, sie könnten ihn nicht bei sich behalten, weil sie fürchten müßten, sich dadurch die Feindschaft der Lakedämonier und der Athener zuzuziehen, ließ er sich von ihnen nach dem benachbarten Festlande über­ setzen. Allein die Häscher blieben ihm auf der Spur und ver­ folgten ihn auch dahin, und nun wurde er durch einen un­ glücklichen Zufall genötigt, grade bei seinem Feinde, dem Molosserkönig Admetos, einzukehren. AdmetoS selbst war augen­ blicklich nicht zu Hause, seine Gemahlin aber nahm ihn in ihren Schutz und riet ihm, ihr und AdmetoS' kleines Söhnlein auf den Arm zu nehmen und sich mit ihm auf den Herd zu setzen. AlS Admetos bald darauf nach Hause kam, gab Themi­ stokleS sich ihm zu erkennen und bat ihn, wenn er auch damals, alS er sich um Hilfe nach Athen gewandt, gegen ihn gesprochen habe, ihn daS jetzt nicht entgelten zu lassen. ES würde seiner unwürdig sein, sich hier, wo er wehrlos sei, an ihm zu rächen; ein edler Mann greife nicht zum Schwerte, wo sein Gegner nicht in der Lage sei, ihm mit gleicher Waffe zu begegnen. Auch habe eS sich damals, wo er gegen ihn aufgetreten sei, ja nur um eine Kleinigkeit und nicht um Leben und Tod ge­ handelt; er aber müsse, wenn er ihn jetzt ausliefere, alle Hoff­ nung schwinden lassen, mit dem Leben davonzukommen. Und nun teilte er ihm mit, von wem und weswegen er verfolgt würde.

Hierauf hieß AdmetoS ihn vom Herde aufstehen mit feinem Sohne, den er als daS wirksamste Mittel, sich seinem Schutze zu empfehlen, noch immer auf dem Arme hatte. Und alS bald nachher die Lakedämonier und Athener kamen und ihm gewaltig in den Ohren lagen, lieferte er ihn ihnen nicht auS, sondern ließ ihn, weil er zum Könige wollte, über Land an die andere Küste nach Pydna, der Hauptstadt Alexanders, geleiten. Hier traf er ein Lastschiff, daS grade nach Jonien abgehen wollte, auf welchem er sich einschiffte, mit dem er dann aber an die athenische Flotte vor NaxoS verschlagen wurde. Bis dahin wußte niemand an Bord, wer er war.

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Jetzt aber in seiner Besorgnis teilte er dem Schiffer mit, wer er wäre und weshalb er verfolgt werde. Zugleich drohte er ihm, wenn er ihm nicht durchhülfe, würde er sagen, er habe sich bestechen lassen, ihn mitzunehmen. Seine Sicherheit er­ fordere, daß niemand das Schiff verließe, bevor es weiterführe. Würde er ihm aber zu Willen sein, so solle er zum Dank auch eine gute Belohnung haben. Der Schiffer ging auch darauf ein, blieb vierundzwanzig Stunden außer Bereich ders Flotte in offener See vor Anker liegen und kam nahcher glück­ lich in Ephesos an. Zum Dank aber machte ihm Themistokles ein ansehnliches Geldgeschenk. Inzwischen hatte er nämlich von seinen Freunden aus Athen und Argos sein dort hinter­ legtes Geld erhalten. Mit einem Perser aus dem Westen des Reiches machte er sich alsdann auf die Reise inS Innere und richtete unterwegs an König Artaxerxes, den kürzlich zur Re­ gierung gelangten Sohn des Xerxes, ein Schreiben, das also lautete: „Ich, Themistokles, komme jetzt hier zu Dir. Ich habe eurem Hause mehr Schaden zugefügt als irgendein Grieche, solange ich mich gegen die Angriffe Deines Vaters wehren mußte, ihm aber noch weit mehr Gutes getan, sobald ich nichts mehr von ihm zu befürchten, er aber die Gefahren des Rück­ zugs zu bestehen hatte, und dadurch habe ich Anspruch auf Dank erworben." - Hier berief er sich darauf, daß er den Rat zum Rückzüge von Salamis gegeben und den Abbruch der Brücke verhindert habe, ein Verdienst, das er sich freilich ohne Grund zuschrieb. - „Auch jetzt noch bin ich imstande, Dir gute Dienste zu leisten, und zu Dir gekommen, weil man mich in Griechenland als Deinen Freund verfolgt. Nach Jahres­ frist sollst Du von mir selbst hören, waS mich hergeführt hat."

Der König, sagt man, war darüber sehr erfreut und forderte ihn auf, seine Absicht auszuführen. Er aber benutzte die Zwischenzeit, um möglichst gut Persisch zu lernen und sich über die Verhältnisse des Landes zu unterrichten. Als er sich dann nach Ablauf des Jahres am Hoflager des Königs ein­ gefunden, gewann er bei ihm alsbald eine Stellung, wie sie außer ihm noch nie ein Grieche eingenommen hatte, teils in­

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folge seines alten Ruhmes, teils weil er ihm Hoffnung auf die Unterwerfung Griechenlands machte, vor allen Dingen aber, weil er ihn als einen ungewöhnlich klugen Mann erkannte. Denn Themistokles war in der Tat ein Genie ersten Ranges und verdient in dieser Beziehung unsere höchste Bewunderung. Gelernt hatte er nichts und das auch später nicht nachgeholt, aber mit angeborenem Verstand traf er in jedem Augenblick nach kurzer Überlegung den Nagel auf den Kopf, und ebenso ging sein Urteil über das, was die Zukunft bringen würde, kaum jemals fehl. Was er auch in die Hand nahm, stetS stand ihm dabei das rechte Wort zu Gebote, und selbst in Dingen, bei denen er nicht hergekommen war, wußte er sich sogleich zurechtzufinden, wie er denn auch dem unscheinbarsten Wölkchen am politischen Horizont gleich ansah, ob Gutes oder Böses dahintersteckte; kurzum, er war ein Mann, der durch natürliche Begabung und Geistesgegenwart in den obwaltenden Schwierigkeiten immer das Beste traf. Er starb an einer Krankheit. Manche sagen allerdings, er habe sich selbst durch Gift das Leben genommen, weil er sich von der Unmöglichkeit überzeugt, dem Könige sein Versprechen zu erfüllen. Auf dem Markte zu Magnesia in Asien steht sein Denkmal; denn dort im Lande war er Statthalter. Der König hatte ihm nämlich Magnesia, das jährlich fünfzig Talente einbrachte, zu Brot ge­ geben, das damals durch seinen Weinbau berühmte Lampsakos zu Wein und Myus zu Gemüse. Seine Gebeine sind, wie seine Angehörigen behaupten, auf seinen Wunsch später in die Heimat gebracht und in Attika beerdigt, aber ohne daß die Athener etwas davon erfuhren; denn da er wegen Hochverrats verbannt war, durfte er dort nicht begraben werden. So endeten die ihrer Zeit berühmtesten Männer Griechenlands, der Lakedämonier Pausanias und der Athener Themistokles.

So viel über die erste Gesandtschaft der Lakedämonier und was sie dabei in betreff der Sühne des Frevels von den Athenern und diese demgegenüber von ihnen verlangt hatten. Nachher schickten sie dann noch mehrfach Gesandte nach Athen und verlangten die Aufhebung der Belagerung von Potidäa

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und die Anerkennung der Unabhängigkeit Hginas, namentlich aber auch, und zwar auf das bestimmteste, solle es nicht zum Kriege kommen, so müsse der Beschluß zurückgenommen werden, wonach die Megarer von den Häfen des athenischen Macht­ bereichs und vom attischen Markte ausgeschlossen waren. Die Athener gingen jedoch auf alle diese Forderungen nicht ein, hoben insbesondere den Beschluß nicht auf, beschwerten sich vielmehr ihrerseits darüber, daß die Megarer das Heilige Feld und die streitige Grenzflur bestellt und ihre entlaufenen Sklaven bei sich aufgenommen hätten. Zuletzt erschienen dann noch Rhamphias, Melanippos und Agesandros als Gesandte aus Lakedämon, beschränkten sich aber, ohne auf» die anderen, früher erörterten Punkte zurückzukommen, einfach auf folgende Erklärung: „Lakedämon will den Frieden, und den könnt ihr haben, wenn ihr die Unabhängigkeit der Griechen anerkennt." Nachdem die Athener in einer zu dem Ende berufenen Ver­ sammlung hierüber unter sich verhandelt hatten, wurde be­ schlossen, die Sache nunmehr ein für allemal abzumachen und den Lakedämoniern eine endgültige Antwort zu erteilen. Unter den zahlreichen Rednern, welche hierauf in der Versammlung auftraten, waren die Ansichten geteilt, die einen waren für den Krieg, während andere meinten, jener Beschluß dürfe den Frieden nicht hindern und müsse aufgehoben werden. Da aber trat auch Perikles auf, der Sohn des Xanthippos, derzeit der erste Mann in Athen, gleich groß als Redner wie als Staats­ mann, und redete sie also an:

„Ich bin nach wie vor der Ansicht, Athener, daß wir den Peloponnesiern nicht nachgeben dürfen, wenn ich auch weiß, daß man den Krieg leichter beschließt als durchführt, und daß mit dem Wechsel des Kriegsglücks auch die Stimmung zu wechseln pflegt. Aber auch jetzt kann ich euch nichts Besseres raten und bin gewiß, daß meine Freunde hier, wenn ihr ihn beschließt, mannhaft dafür eintreten, sollte uns das Glück auch mal im Stich lassen, wie sie es ja auch nicht ihrer Klugheit zuschreiben werden, wenn es uns lächelt. Denn das Glück ist so unberechenbar wie die Gedanken deS Menshcen, weshalb wir

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ja auch ein unverhofftes Mißgeschick dem Zufall in die Schuhe zu schieben pflegen. Offenbar führen die Lakedämonier schon lange Böses gegen uns im Schilde und vollends jetzt. Streitig­ keiten unter uns sollten ja doch vor ein Schiedsgericht gebracht werden und beide Teile sich dessen Ausspruch unterwerfen. Sie aber haben nie ein Schiedsgericht verlangt, gehen auch nicht darauf ein, wenn wir eins begehren, weil sie die Streitig­ keiten lieber durch Waffengewalt als in Güte entschieden sehen wollen. Und jetzt treten sie hier schon nicht mehr als Beshcwerde­ führer, sondern als Befehlende auf; befehlen sie uns doch, von Potidäa abzuziehen, die Unabhängigkeit Aginas anzuerkennen und den Beschluß wegen Megaras aufzuheben, und zu guter Letzt kommen nun noch gar diese Herren hier und verlangen, daß wir die Unabhängigkeit der Griechen anerkennen sollen. Glaubt nicht, daß es einer Kleinigkeit wegen zum Kriege kommt, wenn wir den Beschluß wegen Megaras nicht aufheben; mögen sie noch so viel sagen, wenn wir ihn aufhöben, würde es nicht zum Kriege kommen. Nein, ihr braucht euch keine Gewissens­ bisse zu machen, einer Kleinigkeit wegen Krieg angefangen zu haben. Diese Kleinigkeit ist nur die Kraftprobe, waS man euch bieten kann. Gebt ihr ihnen hierin nach, so werden sie gleich noch mehr von euch verlangen, überzeugt, daß ihr auch diesmal nur auS Furcht nachgegeben habt. Zeigt ihr ihnen aber die Zähne, so werden sie sich schon merken, daß ihr nicht die Leute seid, euch von ihnen befehlen zu lassen.